Omma Pfeifer

die Hexe Kaukau von der Goethestraße.

Wolfgang Berke

Für viele Kindergenerationen der Ort des Bösen: Hildegard Pfeifers Haus an der Goethestraße. Vielen Dank an Angela Palm und Ute Krüger für Erinnerungen und Infos.

Kinder können grausam sein - und deshalb gehörte ein Gang durch die Goethestraße (heute Dürerstraße) zum Standardprogramm in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Ziel war das Haus Nummer 32, wo Omma Pfeifer in Parterre wohnte, oder besser: hauste. Die Fensterscheiben und das wenige, was man dahinter erblicken konnte, waren unglaublich dreckig. Einen ebenso ungepflegten Eindruck machte Omma Pfeifer auch, wenn sie ihre Wohnung verließ, um wild mit der Handtasche schlenkernd, laut keifend oder leise vor sich hin brabbelnd die Goethestraße hinunter zu laufen.

Für viele Kinder war Omma Pfeifer die „Hexe Kaukau“ und der Gang zum Hexenhaus die klassische Mutprobe. Lautes Rufen oder Singen brachte die Frau auf die Palme, und dann galt es, Fersengeld zu geben, wollte man nicht von ihrer Handtasche oder einem ihrer Wurfgeschosse getroffen werden. Reichten die Rufe oder Spottgesänge nicht, warf man irgendetwas gegen ihre Fensterscheibe. Schneebälle im Winter waren noch die freundlichsten Wurfgeschosse. Omma Pfeifer ließ sich nicht lumpen und warf zurück. Mal war es ein Gesangbuch, dessen Blätter sich im Flug lösten und wie Konfetti über die Straße regneten, mal war es ein Blumentopf, der neben der schreienden Rasselbande aufs Pflaster pfiff. Auch Obst und Eier flogen – und wenn Oma Pfeifer vergaß, vorher das Fenster zu öffnen, klatschten diese Geschosse eben von innen gegen die Scheibe.

Omma Pfeifer hieß eigentlich Frl. Hildegard Pfeifer (auf das Fräulein legte sie Wert) und war nicht ganz so arm, wie sie wirkte. Schließlich gehörte ihr (zusammen mit ihrer Schwester) das Haus, in dem sie ihren Mietern und vor allem deren Kindern nahezu alles verbieten wollte. Auch sonst hat man sich in ihr schwer geirrt: Sie war gebildet, hatte Musik studiert und soll eine gute Pianistin gewesen sein. Nachbarn erzählten, dass Hildegard Pfeifer erst seit dem Zweiten Weltkrieg „einen Schlag weg“ hatte. Sie soll während heftigen Bombardements, in einem Keller eingeschlossen, traumatisiert worden sein. Hildegard Pfeifer starb 1980 hochbetagt in einem Pflegeheim.


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