Winfried Kocea

Winfried Kocéa (geboren 4. Mai 1932 in Xanten-Wardt) ist ein ehemaliger Lehrer und Chorleiter. [1]

Immer mit vollem Einsatz: Winfried Kocéa bei einem Konzert im Volksgarten Eickel 2008. Foto: Wolfgang Quickels, Archiv

Gabriele Heimeier

Ein Leben mit und für die Musik
Jahrzehntelang prägte Winfried Kocéa die Chorszene in Wanne-Eickel und Herne. Heute feiert er in seinem Heimatort Xanten-Wardt seinen 85. Geburtstag

Es hatte schon etwas von einem Naturereignis, wenn Winfried Kocéa mit Leib und Leben in einen Raum trat. "Der wilde Mann" hieß er in unserem redaktionsinternen Sprachgebrauch, das sei ausnahmsweise an dieser Stelle verraten. Maßgeblich war die Bezeichnung seinen mächtigen Augenbrauen und seiner imposanten Figur geschuldet, aber sie war durchaus respektvoll gemeint. Winfried Kocéa war über Jahrzehnte eine Institution in Wanne-Eickel und darüber hinaus. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag, in seinem Geburtsort Xanten-Wardt, dem er immer treu geblieben ist.

Durch Ehefrau Kontakt zu Wanne-Eickel
  • Kontakt zu Wanne-Eickel bekam Kocéa durch seine Frau Barbara, die von hier stammt.
  • Die beiden sind seit über 50 Jahren verheiratet und haben vier Kinder.
  • Aus gesundheitlichen Gründen genießt Kocéa Musik heute hauptsächlich "passiv". Er hört gerne Jazz und Orgelkonzerte.

Schülergenerationen unterrichtet
Generationen von Kindern, Schülern und Jugendlichen hat er in Wanne-Eickel und Herne die Musik und besonders das Singen nahe- und beigebracht, insbesondere denen, die das Jungengymnasium, das spätere Gymnasium Eickel, besuchten. Die Reaktionen der Schüler, beschreibt Wolfgang Berke anschaulich in "Wanne-Eickel – das Buch zur Stadt", seien immer gleich gewesen: "Die Unterstufe hatte Angst, die Mittelstufe allergrößten Respekt. Bei der Oberstufe löste das musikalische Schwergewicht dann Anerkennung bis Begeisterung aus." Auch heute noch, nachdem Kocéa sich allmählich aus allen Verpflichtungen zurückgezogen hat, ist er gelegentlich in Wanne-Eickel im Einsatz, als nächstes an der Josefschule, wo er mit den Kindern deren eigene Lieder einstudieren will, wie er in einem Gespräch gestern mit der WAZ-Redaktion erzählte. Es griffe aber zu kurz, Winfried Kocéa auf seine Arbeit als Lehrer zu reduzieren. Morgens war er in der Schule, nachmittags arbeitete er mit Kinder-, abends mit Erwachsenenchören, beschrieb er einmal seinen Tagesrhythmus. Und es waren viele Chöre, Männer-, Frauen, Werks- und Kirchenchöre, die er leitete, nicht nur hier, sondern auch in Xanten. Für seinen Umgang mit experimenteller Musik war er Ende der 1960er-Jahre regelrecht berüchtigt. Er gründete die Deutsche Sängerjugend und vor allem maßgeblich in Wanne-Eickel die allererste Jugendkunstschule in NRW, 1972 eine revolutionäre Einrichtung. Heute wird er im Kreis seiner Familie und Freunde in Xanten seinen Geburtstag feiern. Der Frauenchor Wesel plane ein Ständchen, weiß er schon – das er höchstselbst an seiner großen Orgel zu Hause begleiten wird.[2]

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Wolfgang Berke

„Ackermann! Ich wisch mit dir die Tafel aus!“

Die Klassentür springt auf, im Bogen fliegt ein Timer durch den Türrahmen und klatscht satt aufs Lehrerpult. Ein Schlüsselbund klirrt hinterher. Dann zunächst einige Sekunden gar nichts, bis sich ein Bauch durch die Türöffnung schiebt, der sich endlich zu Winfried Koçea rundet. Wann immer der Musiklehrer in seinen 44 Jahren am Gymnasium Eickel einen Klassenraum betrat, nein, in Besitz nahm, war die Reaktion der Schüler stets die gleiche. Die Unterstufe hatte Angst, die Mittelstufe allergrößten Respekt. Bei der Oberstufe löste das musikalische Schwergewicht dann Anerkennung bis Begeisterung aus, je nachdem, wie sehr den Schüler Musik grundsätzlich interessierte.

Winfried Koçea war überhaupt kein richtiger Lehrer. Er war und ist auch kein richtiger Wanne-Eickeler, er lebte stets und lebt immer noch in seinem Geburtsort Xanten und ist eigentlich nur durch eine Verkettung von Zufällen in Wanne-Eickel gelandet. Aber hier konnte er mit Tausenden arbeiten, konnte seine Ideen umsetzen und bleibende Spuren hinterlassen, die Wanne-Eickel im Bereich der musikalischen Förderung ganz weit nach vorne brachten.

Koçeas Vater, ein Kapellmeister, starb früh und hinterließ Chöre, vor denen dann plötzlich der junge Winfried stand, der so schnell eigentlich nicht in die väterlichen Fußstapfen treten wollte. Als er sich dann während des Studiums an der Folkwangschule ein paar Mark dazuverdienen musste, erfuhr er, dass die Sängervereinigung Röhlinghausen dringend einen neuen Chorleiter suchte. Kocea trat an, „für ’nen Rollmops und ein paar Stullen“. Sein Talent sprach sich herum, und wenn es sich nicht von alleine herumsprach, half Koçea eben selbstbewusst nach.

Am Jungengymnasium suchte man händeringend einen Musiklehrer. Winfried Koçea war zwar keiner, konnte es aber viel besser und durfte es per Sonderregelung dann sogar sein. Seine fixe Idee war es, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern bei den jungen Leuten Begeisterung für die Musik zu wecken, „Schmetterlinge zu fangen“, ihnen auch neben der Schule eine Fülle von fördernden Angeboten zu schaffen. Dafür musste er verkrustete Strukturen aufbrechen, Mitstreiter suchen und immer wieder überzeugen.

Wer nicht zuhörte im Unterricht oder gar störte, konnte seinen heiligen Zorn wecken. Wenn er den betreffenden Schüler mit „Ackermann!“ ansprach, war höchste Alarmbereitschaft geboten, wenn er gar drohte, mit betreffendem „Ackermann!“ die Tafel auswischen zu wollen, sollte man diese Ankündigung verdammt ernst nehmen. Winfried Koçea schaffte es, selbst große und renitente Klassenverbände ruhig zu bekommen. Zur Freude des Kollegiums, das ihm bei Lehrerausfall die eine oder andere Klasse zur Vertretung gab. Mehrere bisweilen, so dass Koçea schon mal mit 70, 80 Schülern in die Aula auswich.

Hier kam es dann häufig zu der Inszenierung „Dieser Bauch ist kein Bauch, sondern ein wichtiger Resonanzkörper, eingebettet in konzentrierte Muskelmasse.“ Pianos schossen über die Bühne, Schüler purzelten vom Lehrerbauch – und danach wagte niemand mehr zu sagen, Winfried Koçea wäre dick. Schüler, die ihm zuhörten, mitmachten, sich für Musik begeistern ließen, gingen mit diesem ungewöhnlichen Lehrer auf spannende Touren, entdeckten ihre musikalischen Fähigkeiten und wurden von Koçea auch nach Schulschluss gefördert.

Wollte ein Schüler ein Instrument lernen, beschaffte Winfried Koçea es ihm zum Sonderpreis. Hatten die Eltern des Schülers wenig Geld, akzeptierte er Ratenzahlung, hatten sie verdammt wenig Geld, griff er in die eigene Tasche – oder schnorrte bei Heitkamp, dessen Chor und Orchester er natürlich auch bisweilen dirigierte. Koçeas Nachwuchsförderung machte Schule. Er gründete in Wanne-Eickel die Junge Chorgemeinschaft, die später zum Modell der Jugendförderung des Deutschen Sängerbundes wurde. Die Junge Chorgemeinschaft sang natürlich nicht nur, sie machte Reisen, organisierte Veranstaltungen, hatte Orchester und Bigband, integrierte Beat- und Rockgruppen ebenso wie Jazzformationen.

Winfried Koçea richtete über Jahre den Landeswettbewerb Jugend singt aus, betreute Kirchenchöre, Gesangsvereine, Werksorchester und Schülergruppen. 1972 hatte er endlich genügend Mitstreiter gefunden, um seine Idee einer Jugendkunstschule zu verwirklichen. Kunst als Medium zur Persönlichkeitsbildung, frühe Förderung in allen musischen Bereichen: So etwas hatte Wanne-Eickel noch nicht gesehen, so etwas hatte ganz Deutschland noch nicht gesehen. Mit einer spektakulären Malaktion über die gesamte Hauptstraße, die allerdings etwas über den geplanten Rahmen hinausschoss, eröffnete im Oktober 1972 die JKS.

Noch heute freut sich der 70-Jährige spitzbübisch über die Aufregung und Proteste, die damit ausgelöst wurden, das wilde Geschrei von Stadtoberen und Politikern. Inzwischen geht die Jugendkunstschule in ihr 32. Jahr. Winfried Koçea ist seit fünf Jahren „pensioniert“ und hat endlich Zeit für sein Projekt „Singende Grundschule“, Lehrerfortbildung inklusive. Natürlich kümmert er sich auch noch weiter um seine Chöre. „Aber es sind nicht mehr so viele.“ Und wie viele sind es noch? „Weniger als 20 ...“


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Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2002
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Lesen Sie auch

Quellen

  1. Niederrhein Nachrichten 19.04.2017
  2. Aus: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Lokalteil Herne & Wanne-Eickel, 04. Mai 2017
  3. Aus: Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel - Mythen, Kult, Rekorde: Eine Zeitreise durchs Herz des Ruhrgebiets, Seiten 120 bis 121