Schweine, Hühner und eine neuer Hof

Es klopfte, Frau Kopatz steckte ihren Kopf mit dem altmodischen Dutt durch den Türspalt und fragte: „Haben Sie heute Kartoffelschalen für mich?“ Mutter nickte, ging mit dem Topf, in dem sich die Schalen befanden, zur Tür und übergab ihn der korpulenten Nachbarin, die wie immer eine blaurote Kittelschürze trug. „Bringe ich sofort zurück.“ entgegnete die Frau und verschwand. An diesem Vormittag roch es wieder ganz entsetzlich im Haus, denn Erna Kopatz kochte Futter für ihre Hühner und Kaninchen. Etliche Familien, die in den 1950er Jahren in den Häusern der oberen Goethestraße wohnten, hielten Kaninchen, Hühner oder gar Schweine.

Unser Hof mit den dahinterliegenden Gärten und Ställen war damals eine schwarze, festgestampfte Fläche. Zwischen den Schuppen hielten sich die Familien Gasche und Kurmann sogar Schweine. In anderen Ställen und Freiläufen waren Kaninchen und Hühner untergebracht. So sammelten diese Tierhalter natürlich die Reste, die bei der Essenzubereitung in den Familien anfielen, gerne ein. Dazu gehörten Kartoffelschalen oder Salat- und Kohlreste.

Die Schweine befanden sich in kleinen Pferchen hinter den gemauerten Schuppen. Und wir Kinder konnten beobachten, wie die Tiere von Tag zu Tag dicker und fetter wurde. Doch dann kam der Tag, an dem es dem letzten Schwein der Familie Kurmann ans Fell gehen sollte. Die Familie Gasche dagegen hatte ihre Schwein wohl lebend an einen Händler, der um die Ecke wohnte, und als „Schweine-Priester“ begann war, verkauft.

Als wir Kinder eines Tages aus der Schule kamen, standen zwei Männer in langen Schürzen vor Kurmanns-Pferch und schauten der dicken Sau zu. Dann gingen sie hinein, wir sprangen auf den Zaun und blickten neugierig hinüber. Die Schürzenträger drängten das Tier in eine Ecke, dann setzte einer der beiden Männer eine Art Hammer an den Kopf des Schweines. Die Metzger sahen uns Kinder am Zaun und wollte nun plötzlich alleine sein. Sie vertrieben uns von dem scheußlichen Fensterplatz. Wenig später war alles vorbei, Nun hing die „Dicke“ an einer Leiter. Der Geruch des frischen Schweinesblutes lag an diesem Tag noch lange hinter den Häusern und den alten Ställen. Es war die letzte Hausschlachtung, danach wurde der Stall abgerissen und es entstand Grabeland.

Mit Herr Kannacher zog das Moderne in unsere Häuserreihe ein. Herr Kannacher war ein pensionierter Ingenieur und der Lebensgefährte einer Kriegerwitwe, die in „24“ lebte. Dem grauhaarigen, stets in einem schicken grauen Anzug gekleideten Mann gefiel der unebene Hof hinter den Häusern überhaupt nicht. So besorgte er wohl mit Genehmigung der Hausverwaltung etliche Fuhren Sand und eine Menge grauer Betonplatten. Alle packten mit an, denn Herr Kannacher, der selbst auf uns Kinder einen großen Eindruck machte, konnte alle begeistern. Er, der plötzlich sogar eine blaue Latzhose trug, half trotz seines damals schon hohen Alters (so um die 65) kräftig mit. Wochenlang war unser Hof eine Baustelle. Aber schließlich war es geschafft. Aber nach ein oder zwei Jahren war alles vorbei. Die alten Ställe auf dem Hof, mit der zugigen Gemeinschaftswaschküche, wurde abgerissen, und auch ein Teil der Gärten verschwand. Ein Maurertrupp rückte Mitte der 1960er Jahre an und baute eine lange Halle. Es entstand ein Garagenhof, der später aber noch einmal umgestaltet werden sollte. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel