Olympische Spiele auf dem Hof

Im fernen Australien kämpften 1956 Sportler aus aller Welt um Medaillen, und wir wollten, obwohl die Informationen damals noch recht spärlich flossen, ihnen nacheifern. Daher beschlossen wir in jenem Sommer, unsere eigenen Spiele zu organisieren. Unser Stadion war unsere Straße, der Hof und unsere geliebte Pferdewiese mit dem angrenzenden noch offenen Ostbach. Unsere Jungenclique von der oberen Goethe- mit Mont-Cenis-Straße – wählte oder erfand drei Disziplinen, in denen es um Meisterehren gehen sollte. Nur Fußball sollte diesmal, obwohl von allen Teilnehmern sehr geschätzt, nicht ins olympische Programm aufgenommen werden. Dafür gab es Steinstoßen, Sprünge aus dem Stand und eine Art Hindernislauf.

Zum Steinstoßen ging es auf die Pferdewiese. Georg hatte zuvor vom Hof Baustoffe Kusemann einen Ziegelstein besorgt. Mit ein paar Zweigen wurde das Steinstoßareal markiert. Fünf Jungen gingen an den Start. Georg fiel auch die Aufgabe zu, den jeweiligen Wurf zu vermessen. So setzte er Fuß vor Fuß, nahm, weil es mit dem Fußabstand nicht klappte, auch schon mal zwei oder drei Finger als Maßeinheit hinzu. Werner, der ein Jahr älter als alle anderen Jungen war, hatte hier die Nase vor. Auf den zweiten Platz konnte sich Helmut mit einer ebenfalls akzeptablen Weite etablieren.

Nun ging es auf unseren Hof, wo wir unter dem kritischen Blick einiger Eltern, zum Sprungwettbewerb antraten. Wir nannten, weil die Olympischen Spiele ja gerade in Australien stattfanden, diese Disziplin auch „Känguru“. Helmut, der beste Sportler der Clique und mehrmalige Stadtmeister in etlichen leichtathletischen Wettbewerben, konnte hier mit einer Superweite überzeugen. Werner, sein ärgster Kontrahent, belegte nur den zweiten Platz. Der abschließende Hindernislauf, der mit einigen „Gemeinheiten“ gespickt war, musste und sollte daher die Entscheidung bringen. Als Route hatten wir die Runde ab Goethestraße, durch das „Ströttken“ (ehemaliger Verbindungsweg zwischen Goethe- und Schillerstraße) bis zur Pferdewiese, entlang des Ostbaches bis zur Mont-Cenis-Straße (mit Überwindung der Absperrungen) und zurück zur Goethestraße gewählt. Reinhold, der damals schon eine Uhr besaß, sie aber nicht einem Spielkameraden überlassen wollte, wurde daher zum „Zeitnehmer“. In Abständen von fünf Minuten wurden nun die Läufer auf die Runde geschickt. Helmut legte hier, trotz schwieriger Überquerung des Ostbaches, eine Superzeit hin. Georg kam plötzlich als Zweiter in Ziel. Medaillenanwärter Werner spielte plötzlich keine Rolle mehr, er blieb sogar der Schlussveranstaltung fern, weil, wie sich herausstelle, er bei der vorgesehenen Bachüberquerung, unsanft im harten Betonbett gelandet war. Resigniert gab er daher auf. So wurden später Helmut, Georg und Udo als Sieger geehrt. Als Belohnung gab es je ein Glas Waldmeisterlimonade und Anstecknadeln von Maggi, die Georgs Mutter zuvor unserem olympischen Komitee großzügig überlassen hatte. Reinhold, dem Uhrenträger, wurde damals die Ehre zu teil, diese Nadel zu überreichen und als Siegerpodest musste 1956 sogar unsere steinerne Hauseingangstreppe herhalten. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel