Notgeld

Aus Hün un Perdün
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Aus "Herne - unsere Stadt - 1986"[1]
Mit freundlicher Genehmigung von Oliver Schmeer, der Stadt Herne, Pressebüro und des Stadtarchivs Herne
Bearbeitet von Gertrud Frohberger

„Geld allein macht nicht glücklich",

behauptet sicher zu recht ein Sprichwort. Das wissen all jene, die zum Beispiel die Inflationszeiten nach dem I. Weltkrieg miterlebt haben. Weil der Geldwert von Tag zu Tag rapide sank, halfen sich die Gemeinden mit der Herausgabe von sogenanntem Notgeld. In jahrelanger Sammelarbeit hat der Wanne-Eickeler Heinrich Lühring Münzen und Scheine aus der Notgeldzeit bis 1923 zusammengetragen. Anstoß für uns, dem Thema einmal nachzugehen.

Für die Bürgerillustrierte umgesehen hat sich Oliver Schmeer. Was er in den städtischen Archiven entdeckte, finden Sie auf den folgenden Seiten.

„ Wir schwimmen im Papiergeld, nein wir ersticken geradezu in dieser Flut und versuchen krampfhaft, uns vor ihr zu retten." Kein Zweifel, solches Wehklagen käme Herner Kommunalpolitikern heutzutage angesichts des eng geschnürten Stadtsäckels nicht über die Lippen. Doch vor mehr als 60 Jahren quoll das Hemer Stadtsäckel förmlich über. Inflation hieß das Sturmgewitter, das sich Anfang der zwanziger Jahre über der Weimarer Republik, ihren Ländern und Kommunen zusammenbraute.

Schon im I. Weltkrieg hatte sich der unheilvolle Weg in die Inflation abgezeichnet. Auf dem Höhepunkt der Inflation spieen die Banknotenpressen des Reiches tagaus, tagein Millionen- und Milliardenscheine aus, die - kaum getrocknet - schon wieder wertlos waren.

Insbesondere der passive Widerstand im „Ruhrkampf" - nach ausbleibenden Reparationszahlungen hatten belgische und französische Truppen das Ruhrgebiet, auch Herne, Anfang 1923 besetzt - verschlang enorme Summen.

Doch nicht nur das Reich griff zum „schnellen Geld" aus der Notenpresse.

Im Gleichschritt mit anderen Städten behoben die Herner Stadtväter und die Ämter Wanne, Eickel und Sodingen den akuten Geldmangel kurzerhand mit stets druckfrischem eigenen Geld: Die Inflation war um einen bunten, schillernden Paradiesvogel reicher: Städtisches Notgeld.

Zwei Millionen für ein Pils

Das städtische Notgeld war ebensowenig wert wie die schwindsüchtige Reichsmark. Kostete ein kleines Pils in Herner Schänken im September 1923 zwei Millionen Mark, so mußte der durstige Bürger einen Monat später schon 100 Millionen Mark auf den Tresen legen. In Rucksäcken und Waschkörben trugen Herner Bergleute ihren dennoch kärglichen Lohn nach Hause. Die Wanne-Eickeler Zeitung bezeichnete 50 Millionen Mark Scheine gar als „Skatzettel", und der Herner Anzeiger gab unumwunden den Tip, wertlose Geldscheine unter 100 Millionen lieber „als Tapete an die Wand zu kleben“.

Die Fieberkurve der Geldentwertung schlug in den Monaten August bis November 1923 ungeahnte Kapriolen. Noch recht zaghaft warteten die Wanner Stadtoberen am 21. August mit ihrem ersten Notgeldschein auf: 20000 Mark zahlte die Amtskasse dem Einlieferer des schlichten Stück Papiers, das nicht einmal ein Wasserzeichen trug. Im Oktober wagte man sich dann schon an die 100 Milliarden Mark-Grenze. Schlag auf Schlag ging es dann im November weiter. Druckfrisch erblickte, der Eine Billion Schein am 15. das Licht der Welt, nur vier Tage später verließ der Fünf Billionen Schein die Druckerei. Doch dieses hellgrüne Scheinchen war nicht einmal einen Sack Kartoffeln wert. Der Höhepunkt dann am 23. November: Zehn Billionen Scheine (10000000000000) fristeten ihr kurzes, wertloses Dasein. Ob braun, grau, rosa, ob Serie A, B, C oder D, das Papiergeld hatte seinen Sinn als Zahlungsmittel verloren.

Das Rathaus als Tauschbörse

Die Herner Stadtverwaltung konnte sich in dieser Zeit vor eilfertigen Angeboten umliegender Druckereien, die ihre Klischee- und Druckkünste anpriesen, kaum retten. Tagtäglich flatterten Rechnungen in die Amtsstuben. Pro Stück zahlte Herne beispielsweise 3.850 Mark bei einer Dortmunder Druckerei für die in Auftrag gegebenen 500000 Mark-Scheine. Bemühte man sich zunächst darum, dem Notgeld zumindest äußerlich den Anschein eines Zahlungsmittels zu geben, blieb dafür später keine Zeit mehr: In krakeligen Druckbuchstaben erinnerte die Stadt am Rand der Geldscheine daran, daß dieser einen Monat nach Aufruf seine Gültigkeit verliert.

Dieser Verweis war indes bitter notwendig: Es verging kaum eine Woche, in der nicht wertlos gewordene Scheine zu geringer Stückelung „zur Einlösung" aufgerufen wurden. Das Zimmer 102 im Dachgeschoß des Herner Rathauses glich einem Hühnerstall. Hier wurden „läppische" Milliarden-Scheine gegen ebenso kurzlebige Billionenscheine eingelöst. Zum Routinegeschäft der Amtmänner gehörte es, die Gelddruckereien abzuklappern, um die Vernichtung überholter Druckplatten zu überwachen.

Die Preisspirale drehte sich alldieweil weiter und weiter. Ein Schnürsenkel kostete über Nacht mehr als vordem ein Schuh. Die Wanner Zeitung wandelte eine alte Weisheit situationsgerecht um und legte ihren Lesern ans Herz: „Wer die Millionen nicht ehrt, ist die Milliarden nicht wert". Der Eickeler Gemeinderat erhöhte im September 1923 die Hundesteuer von 110 auf 550000 Mark.

Fast ausnahmslos prangte auf den Briefen der Herner Stadtverwaltung an die nächsthöhere Aufsichtsbehörde, den Regierungspräsidenten in Arnsberg, der Stempel „Eilsache". Immer wieder mußte der Druck von mehr Notgeld beantragt werden. Will man den Akten in diesen wirren Zeiten Glauben schenken, so waren in Herne Ende Februar 1924 603168000000000000 (!)(603 Tausend Billionen) städtisches Notgeld im Umlauf. Doch das Tollhaus der Inflation trieb weitere Blüten. Mal verweigerten die Banken die Annahme des Notgeldes, dann waren gefälschte Notgeldscheine im Umlauf. Außerhalb der Stadtgrenzen war das Herner Notgeld oftmals keinen Pfifferling wert. Der Anzeigenteil der Tageszeitungen bestand vielfach nahezu ausschließlich aus Bekanntmachungen, Einlöseaufrufen, Preisnotierungen und Warnungen im Zusammenhang mit der Notgeldausgabe.

Das Chaos war schließlich perfekt, als Herner Bergwerksgesellschaften und andere Unternehmen zur Sicherung ihrer Lohnzahlungen eigenes Lohngeld drucken ließen. Erneut überfluteten wertlose Geldscheine das Geschäftsleben. Sei es die Bergwerksgesellschaft „Hibernia", die Zeche „Friedrich der Große" oder die „Vereinigte Kaufmanschaft", keiner vertraute dem Notgeld des Reiches, geschweige dem der Städte.

Leichtes Aufatmen dann Ende 1923. Das Reich legte seine Notenpressen still. Die Rentenmark wurde eingeführt. Eine Billionen Reichsmark entsprachen nun einer Rentenmark. Nach und nach lösten die Gemeinden nun ihr Notgeld gegen die wertbeständige Währung ein. Spürbar auch die Erleichterung bei den Stadtvätern: Die Notgeldakte des Amtes Sodingen endet mit dem Schlußsatz: „Hoffentlich bleibt uns eine Wiederholung dieser Notgeldzeit erspart.“

Notgeld der Stadt Herne

Auch der schöne Schein konnte nicht darüber hinwegtrösten, daß die Notgeldscheine noch nicht einmal das Papier wert waren, auf das sie gedruckt wurden. Nur Sammler entdeckten bald ihre Leidenschaft für die Scheinchen. Zu den schönsten zählt eine Notgeldserie der Stadt Herne aus dem Jahr 1921, die die Geschichte des tollen Ritters Jobst zu Strünkede erzählt. [2] [Vgl.: Jost von Strünkede (Gedicht) & De dulle Joust van Strünkede ]

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Quellen

  1. Herne - unsere Stadt - 1986
  2. Ein Artikel von Oliver Schmeer