Nahtstellen, fühlbar, hier: Synagoge Wanne-Eickel

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Tobias Chmielewski, Andreas Dominowski, Annika Rieck, Alexander Jorewitz, Tobias Busch, Klaudia Kuth, Afan Halilovic und Melanie Winarski.
Der Originaltext/Artikel dieser Seite stammt von Gesamtschule Wanne und wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet.
Autor Gesamtschule Wanne
Erscheinungsdatum 2010, in: Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal, S. 32 u. 33
Gedächtnistafel Synagoge Wanne-Eickel.jpg














Vom Gebäude zu den Menschen

Bereits im Jahr 2005 beteiligte sich die Gesamtschule Wanne-Eickel mit einer Erinnerungstafel zur Geschichte der Familie Nussbaum am Projekt „Erinnerungsorte". Als die Idee entstand, eine Gedenktafel zur Synagoge in Wanne-Eickel zu erstellen, kam uns der Gedanke: „Also nur die Geschichte eines Bauwerkes rekonstruieren, einen Teil des ehemaligen Stadtbildes."

Einige der früheren Nussbaum-Forschenden zeigten wieder Interesse, andere mussten neu gewonnen werden. Die Schulleitung organisierte das Projekt im Rahmen des „Zusatzkurses Geschichte/Sozialwissenschaften". So fielen für die Oberstufenschüler nicht noch zusätzliche Veranstaltungen an.

Im Gegensatz zu den Erwartungen zeigte sich beim Gang ins Archiv und zum Standort der Synagoge, dass die Recherche vielschichtig war. Zuerst galt es den Charakter eines Bauwerkes zu würdigen: ein Baustil musste beschrieben und die Synagoge in das historische Stadtbild zurückversetzt werden; ein Stadtbild, in dem der Bereich südlich des Bahnhofes an der Hauptstraße wohl eine größere Rolle gespielt hatte. Plötzlich beschäftigten wir uns also mit historischer Stadtgeografie.

Aufbau und Zerstörung der Synagoge umfassen einen Zeitraum, der gerade in seiner Einstellung zur jüdischen Religion sehr unterschiedlich geprägt war. So steht eine von Staat und Stadt protegierte Einweihungsfeier im Jahr 1910 der Reichspogromnacht von 1938[Anm. 1] gegenüber, inklusive der von oben verordneten Untätigkeit von Feuerwehr und Polizei angesichts der SA-Brandstifter. Darüber hinaus wurde uns während der Forschung klar, dass die Synagoge auch Schulgebäude war. Schließlich lebten, lernten und beteten Menschen in und um die Synagoge. Exemplarisch dafür steht die Biographie des Lehrers Max Fritzler, dem 1939 die Flucht nach Argentinien gelang. Alle diese Themenkomplexe gaben uns Einblicke in Methoden der Ereignis-, Mentalitäts- und Personalgeschichte. Hinzu kam der Ehrgeiz der Gruppe, anlog zur Nussbaum-Recherche, auch zur Wanner Synagoge eine Dokumentation zu erstellen. So kam es zu einer hohen Arbeitsbelastung aller Beteiligten, die aber auch mit Zufriedenheit „belohnt" wurden, wenn ein Teil der Aufgabe bearbeitet war.

Als wir uns anfangs mit der „Synagoge" beschäftigten, war nicht so viel „Identifikation" spürbar. Es war ja nur ein abstraktes Gebäude. Aber nach und nach konnten wir die Synagoge in der Geschichte der früheren jüdischen Gemeinde verorten, erkannten soziale Verknüpfungen. Das Gebäude wurde mit „Leben" erfüllt, aber dieses Leben, so erkannten wir, mündete zumeist in der Zerstörung. So stellte sich bald bei allen das Gefühl der Scham angesichts des Geschehenen und das Gefühl eines Verlustes ein: an Menschen, die unsere Stadt sicher bereichert hätten, und an kultureller Vielschichtigkeit.

Georg Jankowiak, Lehrer


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stadt Herne

Anmerkungen

  1. Reichspogromnacht: https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938

Weblinks

http://www.herne.de/kommunen/herne/ttw.nsf/id/DE_Nahtstellen Nahtstellen - Website der Stadt Herne

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Quellen

Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal - Zum Gedenken an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel - Eine Dokumentation von Ralf Piorr im Auftrag der Stadt Herne, Herausgeber: Stadt Herne, 2010; darin Abbildung der Gedächtnistafel Synagoge Wanne-Eickel (Langekampstraße)