Nahtstellen, fühlbar, hier: Synagoge Herne

Oberbürgermeister Horst Schiereck und die AG des CVJM mit Britta Lauenstein, Tanja Büscher, Simone Weiß, Sven Steinbach, Margret Springkämper und Ute Dörnemann
Der Originaltext/Artikel dieser Seite stammt von Christlicher Verein junger Menschen (CVJM) und wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet.
Autor Christlicher Verein junger Menschen (CVJM)
Erscheinungsdatum 2010, in: Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal, S. 28 u. 29
Gedächtnistafel Synagoge Herne.jpg













"Grausamkeit und Schrecken mitten in der Stadt"

Der CVJM Herne steht seit vielen Jahren, zumindest für den Zeitraum, den ich überblicke und dass sind die letzten 35 Jahre, für eine Kinder- und Jugendarbeit, die den Auftrag als christlicher Jugendverband stets mit einer ausgeprägten Beschäftigung mit den politischen und sozialen Fragen in der praktischen Arbeit verknüpft hat.

Ich kann mich gut an die Auseinandersetzung mit der seinerzeit viel beachteten Fernsehserie „Holocaust" erinnern, ebenso an die friedensbewegten 1980er Jahre mit ihren Demonstrationen nach Bonn und den Friedensmärschen mit der Zwischenstation am CVJM-Haus, sowie unsere entwicklungspolitischen Partnerschaften mit Projektträgern in Ghana oder Sierra Leone in Westafrika.

Durch die Gedenktafeln an mehreren Stellen in Herne soll nicht nur der Herner Bevölkerung vor Augen geführt werden, inwieweit sich das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden vor Ort durch die antisemitischen Einflüsse des NS-Regimes veränderte, sondern es könnte durch sie zudem zu einem friedlichen Miteinander der verschiedenen Religionsgemeinschaften aufgerufen werden.

Für die Gestaltung der „Gedenktafel" bildete sich eine sechsköpfige Arbeitsgruppe, die sich mit der Geschichte der Synagoge auseinandersetzte. Eine Mitarbeiterin an unserem Projekt beschrieb Ihre Erfahrungen folgendermaßen: „Ich glaube, dass Geschichte lebendig ist, sie muss nur spürbar, sichtbar gemacht werden. Und diese Orte erinnern daran, dass hier wichtige Dinge geschehen sind, leider schreckliche Dinge. Und dadurch dass diese Orte so mitten im Leben so mitten in der Stadt sind werden sie plötzlich so nah, eben Nahtstellen zwischen Geschichte und heute. Und genauso nah wie ich an diesen Orten vorbeigehe, sind die Menschen damals auch nah an der Synagoge, nah am jüdischen Haus, nah am Deportationsort vorbeigegangen, es war Teil ihres Alltags, ein Teil Grausamkeit und Schrecken mitten in der Stadt fühlbar, sichtbar. Durch die Gedenktafeln ist das wieder sichtbar und vielleicht sehen die Menschen, die diese Tafeln anschauen, dass das Grauen manchmal so nah ist und wie leicht es ist daran vorbei zu gehen."

Ich möchte schließen mit einem Satz, eher einem Aufschrei, von Jean Amery, österreichisches Schriftsteller, eigentlich Hans Meyer, in Auschwitz[Anm. 1] und Buchenwald[Anm. 2] von den Nazis gefoltert, den er zwei Jahre vor seinem Freitod schrieb: „Was geschah, geschah. Aber dass es geschah, ist so einfach nicht hinzunehmen. Ich rebelliere: gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen eine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrieren lässt und es damit auf empörende Weise verfälscht."

Klaus-Dieter Gülck, stellvertretender Vorsitzender des CVJM-Herne, Rede zur Einweihung der Gedenktafel, November 2006.

"Lebendige Geschichte wird erzählt und nicht gelehrt."
Manfred Schröder, Dichter


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stadt Herne

Anmerkungen

Weblinks

http://www.herne.de/kommunen/herne/ttw.nsf/id/DE_Nahtstellen Nahtstellen - Website der Stadt Herne

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Quellen

Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal - Zum Gedenken an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel - Eine Dokumentation von Ralf Piorr im Auftrag der Stadt Herne, Herausgeber: Stadt Herne, 2010; darin Abbildung der Gedächtnistafel Synagoge Herne (Schaeferstraße, Ecke Hermann-Löns-Straße)