Nahtstellen, fühlbar, hier: Hauptstraße ehem. Hindenburgstraße

Die Teilnehmer des Leistungskurses Geschichte, Jahrgangsstufe 13 im Schuljahr 2004/2005. Vordere Reihe (v.l.): Eva-Marie Schulz, Diethild Langrock-Kraß, Marcel Buschek, Olcay Gürz, Robert Senjak, Jenny Patalla, Stefan Gumpert, Daniel Mühlenbäumer, Gina Kabollek. Mittlere Reihe (v.l.): Benedikt Albrink, Sven Petersen, Rene Schneider, Kristin Kuck, Laura Stolz, Julia Preuß, Hendrik Wöhler. Hinten (v.l.): Sebastian Brenza, Sascha Franke, Mario Huhn.
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Autor Gymnasium Wanne
Erscheinungsdatum 2010, in: Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal, S. 34 u. 35
Gedächtnistafel Hauptstraße ehem. Hindenburgstraße.jpg



















Zu Pessach ein Paket mit Mazze für die Nachbarn

Spricht man mit älteren Hernern oder Wanne-Eickelern über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in beiden Städten, erinnern sie sich oftmals nur noch an jüdische Geschäfte und Geschäftsinhaber auf der Hindenburgstraße in Wanne oder auf der Bahnhofstraße in Herne. Diese reduzierte Erinnerung hat das historische Vorurteil, alle „Juden seien reich" gewesen, jahrzehntelang überdauern lassen.

Mittlerweile ist bekannt, dass es auch ein ausgeprägtes jüdisches Industrieproletariat und eine Vielzahl Kleinsthändler gegeben hat, die nicht zum Bürgertum gehörten. Bei einer antisemitisch-motivierten Auslegung bleiben aber trotzdem die Geschäfte in Erinnerung, die das Innenstadtbild in Herne und Wanne prägten. Sie verweisen auf eine Zeit, in der es ein alltägliches Zusammenleben gegeben hat, wie Kurt Meyerowitz, der seine Jugend auf der Hindenburgstraße in Wanne verbrachte, in seinen Erinnerungen bestätigt: „Die Häuser, die umliegend bald gebaut wurden, waren wie unser Haus, voller Kinder jeden Alters. Wir gingen gegenseitig überall ein und aus. Da wir streng auf koscheres Essen achteten, nahmen wir in den Häusern unserer Freunde außer Schokolade und Bonbons nichts zu Essen an. Wir wussten, dass die Kuchenschüsseln beim Backen mit Schweineschmalz eingefettet wurden und solche Kuchen durften wir natürlich nicht essen. Einmal im Jahr gab es eine Ausnahme: Zu Pessach pflegten wir den Nachbarn immer ein Paket mit Mazze zu schenken. Dafür schenkten sie uns Neujahrshörnchen, die sie extra unseretwegen mit Butter backten."

Die Schülerinnen und Schüler erforschten die Geschichte jüdischer Geschäftsleute an der heutigen Hauptstraße (vormals Hindenburgstraße). Die Familien wurden ausgegrenzt, ihr Besitz wurde „arisiert", sie mussten ihre Wohnungen und Geschäfte aufgeben, ihren Stadtteil, ihre Freunde und Bekannten verlassen. Manche konnten ins Ausland flüchten. Viele kamen in den Vernichtungslagern der Nazis um. Der Kurs sammelte Material und entwarf einen Stadtplan, der nur für wenige hundert Meter der damaligen Hindenburgstraße verdeutlicht, wie viele Menschen aus Wanne vom Naziterror betroffen waren. Die Tafel fordert auf, dieser Menschen zu gedenken und alle Formen der Menschenverachtung in Zukunft zu bekämpfen.

Diethild Langrock-Kraß, Lehrerin


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stadt Herne

Weblinks

Nahtstellen - Website der Stadt Herne

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Quellen

Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal - Zum Gedenken an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel - Eine Dokumentation von Ralf Piorr im Auftrag der Stadt Herne, Herausgeber: Stadt Herne, 2010; darin Abbildung der Gedächtnistafel Hauptstraße ehem. Hindenburgstraße