Nahtstellen, fühlbar, hier: Eickeler Markt 6

Ralf Piorr mit Sebastian Eck und Tobias Hegedüsch, 27. Januar 2007. Die beiden Schüler arbeiteten mit der Unterstützung des Lehrers Volker Just.
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Autor Gymnasium Eickel
Erscheinungsdatum 2010, in: Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal, S. 36 u. 37
Gedächtnistafel Eickeler Markt 6.jpg















KZ Sachsenhausen,[Anm. 1] November 1938

„Bei der Ankunft auf dem dortigen Verladebahnhof wurden wir mit Schlägen aus dem Zug geholt. Nach Aufstellung in Reih und Glied ging es im Laufschritt durch 1/4 m hohen Sand und mit Springen über vorgehaltene Gewehre ins Lager. Mehrere Glaubensgenossen, schon vorher sehr entkräftet, sind durch diese Strapazen umgekommen. Mein bester Freund hatte einen Herzfehler. Er stürzte dreimal, beim 3. Mal blieb er tot liegen. Beim Eingang ins Lager ging die Prügelei von neuem los. Wir wurden dann vor eine 4 m hohe Mauer gestellt. Es war sonnabends 19 Uhr. Bis Sonntagabend 18 Uhr standen wir ohne Essen und Trinken vor dieser grauen Mauer. Dann erst erhielten wir unsere erste kraftlose Suppe. Ein Professor aus Marburg schnitt sich die Pulsadern auf, wurde aber durch einen Sanitäter, der auch Gefangener war, gerettet. Die ersten drei Tage schliefen wir auf einem Steinboden ohne Stroh. Dann wurde ich in einen größeren Raum verlegt, der höchstens 75 Mann fassen konnte, wir waren aber zu 175 Leuten zusammengepfercht. Wir lagen auf Stroh mit aufgesetzten Knien, unsere Schuhe dienten als Kopfkissen. Nach einigen Tagen bekam ich nachts Schwindelanfälle und meldete mich am anderen Morgen krank. Der Wachhabende meldete mich beim Arzt an, machte mich aber darauf aufmerksam, dass bei keinem Befund eine schwere Bestrafung als Simulant erfolge. Der Arzt, der mich anscheinend kannte, war nett und höflich. Ich wurde für leichte Arbeiten tauglich geschrieben. Nach 8 Tagen erfolgte Befehl zum Laufschritt, von dem ich tief geschwächt mit blutenden Füßen zurückkehrte. Da meine Pantinen ein weiteres Laufen nicht mehr zuließen, meine Füße angeschwollen und blutig waren, warf ich mich beim nächsten Wiederholungs-Dauerlauf hinter ein kleines Häuschen. Ich wurde daraufhin zur Kompagnie zurückgeschickt. Ich muss gestehen, dass ich ohne die christlichen Gefangenen, die uns in der kalten Jahreszeit heimlich mit aus der Kantine organisierten warmen Unterkleidern und Mützen versorgten, umgekommen wäre. Schon nach acht Wochen, Weihnachten, wurde ich aus dem KZ entlassen. Der Grund war meine Stellung als Vorsitzender der jüdischen Kulturgemeinde Eickel. Ich bekam den Befehl, die Angelegenheiten der Gemeinde in Ordnung zu bringen. Beim Verlassen des Lagers wurde ich verpflichtet, über alle Vorgänge im Lager zu schweigen gegen jedermann. Bei Nichtbefolgung dieses strengen Befehls hätte ich schwere Strafen zu erwarten und der lange Arm der Nazis würde mich finden, wo immer ich auch sei. Dann wurde ich nach diesen Abschiedsworten hinausgejagt."

Sally Baum, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Eickel, schilderte nach dem Krieg seine Erlebnisse im KZ Sachsenhausen.


„Wie interessant und ergreifend die Vergegenwärtigung der Vergangenheit sein kann, stand allen Anwesenden ins Gesicht geschrieben. Durch dieses Erlebnis wurde uns einmal mehr bewusst, dass sich gerade junge Menschen mit dieser Thematik befassen sollten, damit die zahlreichen Opfer und die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten."

Sebastian Eck über die Veranstaltung zur Einweihung der Gedenktafel


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stadt Herne

Anmerkungen

Weblinks

http://www.herne.de/kommunen/herne/ttw.nsf/id/DE_Nahtstellen Nahtstellen - Website der Stadt Herne

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Quellen

Erinnerungsorte - Shoah-Denkmal - Zum Gedenken an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel - Eine Dokumentation von Ralf Piorr im Auftrag der Stadt Herne, Herausgeber: Stadt Herne, 2010; darin Abbildung der Gedächtnistafel Eickeler Markt 6