Nachts allein in „Flöz Geitling“

Aus Hün un Perdün
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An diesen Tag oder an die Nacht erinnere ich mich noch ganz genau: Es war der 20. August 1962. Nach bestandener Gesellenprüfung wurde ich zusammen mit meinen anderen Lehrjahrskollegen Horst Schneider, Bernd Sens und Walter Herzig sofort in den technischen, untertägigen Wartungsbetrieb integriert. Das hieß: Wir mussten nun auch Wechselschichten hinnehmen. Zunächst nur morgens und mittags, denn erst ab 18 Jahren durfte man auch nachts einfahren. Für mich war es der 20. August 1962.

Lokschuppen vorderer Teil auf Piepenfritz auf der 5. Sohle (Untertagewerkstatt). [1]
Lokschuppen auf Piepenfritz auf der 5. Sohle (Untertagewerkstatt). [1]

Es ging zunächst wie üblich nach der Seilfahrt an Schacht 4 zum Lokschuppen auf der 5. Sohle. Der Weg dorthin dauerte nur ein paar Minuten. Hier saß die Nachtschichtkolonne, in meinem Fall Vorarbeiter Hannes Ganteför, sein Stellvertreter Hannes Kowallek und zwei weitere Grubenschlosser, Helmut und Horst, auf der Butter- oder Dubbelbank, die sich am Ende der Untertagewerkstatt befand. Meine Kollegen kannte ich ja schon lange, denn seit dem 1. April 1961 befand sich ja mein Arbeitsplatz zwischen der 4. und 6. Sohle im Grubenbereich von „Piepenfritz“. In den vergangenen vier Monaten wurde ich und auch meine anderen, ehemaligen Lehrjahrskollegen, bis zur Erreichung des 18. Lebensjahres auf die verschiedenen technischen Einsatzdrittel verteilt. Inzwischen kannte ich das Grubenfeld von Friedrich der Große 3/ 4 recht gut. Häufig mussten wir ins sogenannte „Pachtfeld“, das eigentlich zur benachbarten Zeche Victor in Castrop gehörte, aber von Herne aus abgebaut wurde. Hier lag das „Schwarze Gold“ von „Piepenfritz“. Der Nachteil: Um dieses Grubenfeld zu erreichen, musste man etliche Kilometer laufen oder bei viel Glück ein einem Leerenzug mitfahren, denn der Personenzug nach Pachtfeld war schon längst abgefahren, wenn die Schlosser im Lokschuppen von ihren Einsätzen erfuhren.

Kaum hatten wir an diesem Tag unsere Dubbels gegessen, da tauchte Aufsichtshauer Ewald Lesch auf. Er besprach kurz mit Drittelführer Ganteför die anstehenden Arbeiten. Ich bekam den Auftrag die Luftleitungen in Flöz Geitling in Pachtfeld Victor auf Undichtigkeiten zu prüfen und sie nach Bedarf zu beseitigen. Danach sollte ich mich bei dem zuständigen Revierschlosser Walter Wauschkis melden.

So packte ich mein Sachen: Werkzeugtasche, einige Ventile, Schlauchklemmen, Dichtungen, meine Kaffeepulle und die restlichen Dubbels und machte mich auf den Weg. Im sogenannten Bahnhof an Schacht 4 fand ich einen Zug, der nach Pachtfeld fuhr. Glück gehabt. Die Fahrt dorthin dauerte etwa 15 Minuten. Am Stapel (Blindschacht) 77 angekommen, ging es zum entsprechenden Ort, dann weiter bis zur Kopfstrecke des Flözes.

In der Nähe des Hilfsantriebes des Panzerförderers und Kohlehobels (Westfalia Lünen) suchte ich den Abzweig für die Pressluft. Da im Streb nachts nicht gearbeitet wurde, war es recht still im Flöz. Meine Jacke mit den Dubbels deponierte ich am Strebeingang und machte mich auf den Weg.

Der führte mich durch die Stempelreihen. Meist konnte ich mich aufrecht vorwärts in diesem halbsteilen Streb mit den Ferromatikstempeln bewegen. Neben dem Panzerförderer verlief auch die Versorgungsleitung. An einigen Stellen des dreizölligen Schlauches zischte es ganz gehörig, ich markierte sie mit Kreide und gelangte nach gut einer halben Stunde an den Hauptantrieb mit der Ladestelle. Aufatmen, erste Runde geschafft. In der Ladestrecke drehte ich das Hauptventil zu und sicherte es mit einem Warnschild „Achtung, nicht Öffnen, Reperatur“.

Nun stieg ich wieder den rund 200 Meter langen Streb empor, suchte die markierten Stellen, wechselte Dichtungen oder die bergbautypischen Ventile aus, an denen man unter anderem Abbauhämmer, falls notwendig, anschließen konnte. Dieser Einsatz dauerte etwa zwei Stunden. Als ich wieder in der Kopfstrecke stand, setzte ich mich erst einmal auf die Gezähkiste der Ortsvortriebsmannschaft, die aber wohl ebenfalls nur morgens und mittags hier zum Einsatz kam. Nach dem Verzehr der Dubbels stieg ich erneut das Flöz Geitling herab, öffnete das Hauptventil und machte einen erneuten Kontrollgang. Aber nichts zischte mehr. Ich wusste: Undichtigkeiten an Luft- und Wasserleitungen verursachten hohe Kosten, die es zu vermeiden galt. Zufrieden mit meiner Arbeit ging ich zum Stapel, wo ich mich per Telefon im Lokschuppen meldete. Da erfuhr ich, das mich Walter Wauschkis bereits in Flöz Präsident - ebenfalls in Pachtfeld Victor am Hauptantrieb erwartete. Als ich wenig später dort eintraf, war der Revierschlosser gerade dabei, dem Kohlenhobel neue „Zähne“ zu verpassen. Ich half ihm dabei. Eine Arbeit, die uns schnell von der Hand ging. Ich hatte aber etwas Pech, aus dem Hangenden fiel, als ich im Kohlenstoß lehnte, eine kleine, fast unscheinbare dünne Steinplatte heraus, sie streifte meinen rechten Unterarm und hinterließ eine sechs Zentimeter lange Blutspur. Eigentlich nichts dramatisiches, doch die anschließende Narbe erinnert mich auch heute noch an meine erste Nachtschicht auf „Piepenfritz“. [2]


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Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Foto von Friedhelm Wessel
  2. Ein Artikel von Friedhelm Wessel