Mit 60.000 Kumpels nach Bonn

Aus Hün un Perdün
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Wer auf dm Pütt malochte, war auch Mitglied der IGBE. Daher waren weit über 80 Prozent auf den meisten Zechen gewerkschaftlich organisiert. Das lief so ab: Bei der Anlegung musste der Kumpel auch die Genehmigung des Betriebsrates einholen. War er kein Mitglied, konnte man ein Veto gegen ihn einlegen. Um dieses Verfahren zu umgehen, wählte die Kumpels meist den leichtern Weg: Er unterschrieb eine Beitrittserklärung, Wer mit der IGBE in der Folgezeit nicht zufrieden war und seine Probezeit überstanden hatte, trat einfach wieder aus.

Auch ich trat der Gewerkschaft bei. War aber nie aktiv, obwohl es durchaus Versuche gab, meinen Freund Horst und mich, stärker in die gewerkschaftliche Jugendarbeit einzubinden. Zunächst nahmen wir an einem Zeltlager an der Ruhr bei Kemnade teil.

Geleitet wurde unsere Gruppe von „Gewerkschafts-Willi“, einem Kumpel, der auf der Schillerstraße wohnte, und als Bergmann auf Shamrock einfuhr. In seinem Sprengel besuchte Willi daher alle Neulinge und lud sie zu Treffen ein, die in der Gaststätte Wieschermühle stattfanden. Hier wurde auch das Zeltlager an der Ruhr thematisiert.

Pfingstzeltlager an der Ruhr bei Kemnade 1960 [1]

Wir verbrachten damals ein Pfingstwochenende am Ufer des Flusses, Wasser mussten sich die Küchenjungs damals bei einer Familie, die in einem Haus in Ufernähe wohnte, besorgen. In der Nähe befand sich auch eine Kleinzeche – spöttisch Zeche Eimerweise genannt – deren Altholzlager wir plünderten, weil abends ein Lagerfeuer angesagt war. Später nahmen Horst und ich noch an einem gewerkschaftlichen Wochenendseminar in Wetter teil. Unser Lehrjahrskollegen Bernd Sens und Klaus Zweiböhmer spielten in ihrer Freizeit Fußball, während Bernd und sein Zwillingsbruder Bodo für Westfalia Herne spielten, trug Klaus das Trikot der Spielvereinigung Horsthausen, Walter Herzig dagegen war, so erfuhr ich erst 50 Jahre nach seinem frühen Tod, wohl in der Christlichen Arbeiterbewegung engagiert. Doch über unsere Freizeitaktivitäten wurde wenig gesprochen. Als Meister Porsfeld von unserer Seminarteilnahme erfuhr, hatten mein Freund und ich den Eindruck, ihm würde unser gewerkschaftliches Engagement nicht recht gefallen. Gesagt hat Walter Porsfeld eigentlich nichts dazu, aber sein Gesichtsausdruck ließ uns sein Missbehagen erahnen. Aber die Jugendarbeit in der IGBE war für Horst und mich ohnehin nur eine kurze Episode.

Schon in den 1950er-Jahren wehten die ersten schwarzen Fahnen im Revier. Unheil, wie drohende Zechenschließung nach der ersten Kohlenaufhaldung und Feierschichten, drohten den Bergleuten. Daher rief die mächtige IGBE zu einem Protestmarsch nach Bonn auf. Auch ich war dabei. Es war der 26. September 1959. Ich war wohl einer der jüngsten Teilnehmer, denn im Bus, der uns in die damalige Bundeshauptstadt brachte, saßen nur, alte hütetragende Kumpels. Rund 60.000 Bergleute zogen damals durch Bonn. Das Bundeshaus haben wir nicht gesehen, es lag – was ich damals noch nicht wusste – in einer Demosperrzone. Die große Kumpeldemo, die von unzähligen schwarzen Fahnen und Transparenten begleitet wurde, war jedensfalls bestens organisiert. Unterwegs gab es sogar Dubbelpakete für jeden Teilnehmer. Das Bundeshaus habe ich Jahre später erst gesehen. Ein Klassenausflug führte uns 1962 im letzten Ausbildungsjahr nach Bonn. Diesmal waren auch Horst, Bernd, Klaus und Bodo mit dabei, die die große Demo drei Jahre zuvor aus persönlichen Gründen versäumt hatten. [2]


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Einzelnachweise

  1. Foto aus der Sammlung von Friedhelm Wessel
  2. Ein Artikel von Friedhelm Wessel