M.E.V.-Studiengesellschaft für Kraftfahrzeugentwicklung

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Ein Pinguin aus Herne: Kleinwagen sollte einst in Serie gehen

Im Mai 1953 gründete Romanus Müthing aus dem Sauerland die M.E.V. Studiengesellschaft für Fahrzeugentwicklung. Dem Landmaschinenvertreter war es nicht recht, als Autofabrikant aufzutreten, deshalb sollte die M.E.V. Studiengesellschaft in Herne die Entwicklung eines Fahrzeugmodells zur Serienreife betreiben. Betriebsleiter der M.E.V. wurde Heinz Elschenbroich, der in Herne schon bald eine kleine Halle anpachtete. Hier baute der Ingenieur Kurt Volkerath mit einigen Leuten den ersten Zentralrohrrahmen zum geplanten Dreirad mit einem 200-ccm-Einzylinder-Zweitaktmotor.

Mit dem fahrbereiten Chassis und einem notdürftig montierten Sitz begannen bald die Erprobungsfahrten. In der Zwischenzeit fertigten Mitarbeiter die Teile zur ersten Karosserie. Bei der zweiten Blechhaut kamen die Experten der Vereinigten Deutschen Metallwerke in Werdohl zur Hilfe. Sie hatten ein Verfahren entwickelt, mit dem man Aluminiumbleche ohne große Presswerkzeuge warm verformen konnte. Pünktlich zum Zweiradsalon im September 1953 in Frankfurt waren die beiden ersten Prototypen komplett.

Der "Pinguin" erweckte viel Interesse in der Presse und beim Publikum. Wegen seiner entfernten Ähnlichkeit zu den Porsche-Fahrzeugen hatte der Pinguin bald seinen Spitznamen weg: Man sprach vom "Porsche auf 3 Rädern". Die langgestreckte Form gefiel. Auch wenn im Prospekt geschrieben stand: "Kein Wunschtraum - sondern Wirklichkeit", aber dabei war der Pinguin noch weit vom Serienbau entfernt.

Nach der Entwicklung des Prototypen hatte die M.E.V. Studiengesellschaft ihren Zweck erfüllt und wurde umgetauft zur "Ruhrfahrzeugbau - R. Müthing, Herne." Nun galt es, die beiden Fahrzeuge bis zur Serienreife zu erproben. So wurde unter anderem ein „Herner Fahrzeug“ im Oktober 1953 nach Pinneberg verbracht, wo eine Firma ausführliche Messungen zur Ermittlung der Fahrwiderstände durchführte. Die gesamte Entwicklung kostete Müthing eine Menge Geld, das vorläufig der Verkauf der Landmaschinen wieder einbringen musste. Als Autofanatiker kümmerte ihn das anfangs nicht. Doch im Winter 1953 zeigte sich, dass die Finanzlage zunehmend schwieriger wurde. Bisher hatte Müthing rund 80 000 Mark in die Entwicklung gesteckt. Mit weiteren Produktionskosten musste er rechnen bis der „Pinguin“ serienreif sein würde. Ihm wurde klar, dass er dieses Projekt alleine nicht stemmen konnte. Da er auch keine neue Gesellschaft gründen wollte, begann er im Januar 1954 einen Lizenznehmer zu suchen. Dieser sollte dann den Pinguin in Serie bauen. Die meisten, die Müthing ansprach, sagten aber ab.

Als ernsthafter Interessent zeigte sich schließlich der Motorrollerfabrikant Jakob Hoffmann aus Lintorf. Allerdings musste Müthing ihm im Februar 1954 mitteilen, dass eine Umkonstruktion des Fahrzeuges erforderlich sein würde. Denn es hatte sich zwischenzeitlich herausgestellt, dass die Prototypen zu instabil waren. Das gesamte Projekt drohte damit zu scheitern. In seiner Not fuhr Müthing nach Fulda, um dort mit dem Konstrukteur des „Fuldaer Mobils“, Norbert Stevenson, zu sprechen. Er gewann diesen für eine Tätigkeit in Herne. Hier konstruierte er das Fahrgestell völlig um. Statt des bisherigen Zentralrohrrahmens erhielt der „Pinguin“ nun einen Doppelrohrrahmen. Die als unsicher empfundenen ersten Prototypen waren nunmehr haltbarer und sicherer Dank der veränderten Konstruktion von Stevenson. Auch die Karosse des Fahrzeuges wurde ein weiteres Mal umgearbeitet. Hierbei wirkte die Karosseriefirma Wickenbrock aus Recklinghausen mit. Der nächste Pinguin wurde völlig umgebaut.

Müthing erkannte, dass ein Zweisitzer nur begrenzte Verkaufschancen hatte. Deshalb erhielt das Fahrzeug jetzt eine hintere Sitzbank. Für diese neue Ausführung fand sich ein Lizenznehmer: Rudolf Stierlen, Inhaber der Rothenburger Metallwerke, der baute bisher Landmaschinen und suchte einen neuen Geschäftszweig. Per Zeitungsannonce fanden Müthing und Stierlen zusammen. Dieser engagierte sich finanziell beim Ruhrfahrzeugbau und gab zwölf Versuchsfahrzeuge in Auftrag. Zwei dieser Wagen sollten nach Fertigstellung auf eine 35 000 Kilometer lange Erprobungsfahrt geschickt werden. Erst wenn diese Tour zur Zufriedenheit verlief, wollte Stierlen einen Vertrag mit Müthing perfekt machen.

Im Mai 1954 rollten so die beiden ersten Fahrzeuge der von Stevenson verbesserten Baureihe auf die Straße. Im Juli 1954 lieferte Müthing die bestellten 12 Fahrzeuge bei Stierlen ab. Einen richtigen Vertrag gab es allerdings nicht. Die Serienproduktion sollte nicht mehr in Herne stattfinden. Werkzeuge, Geräte, Zeichnungen, Büromöbel und Personal schaffte man im August 1954 überraschend nach Schweinfurt. Müthing glaubte immer fest daran, dass der Serienbau seines Kleinfahrzeuges kurz vor dem Beginn stünde. Doch es geschah nichts.

Inzwischen wurden auf dem Markt andere Kleinfahrzeuge vorgestellt (Goggomobil, Kabinenroller, Isetta). Stevenson und Stierlen wiesen Müthing darauf hin, dass die Pinguin-Konstruktion nicht mehr zeitgemäß sei. Im Dezember 1954 ließ Stierlen wissen, dass er den Pinguin nicht mehr bauen würde. Dementsprechend wurden alle Mitarbeiter entlassen, die Stierlen erst vor einem knappen Jahr aus Herne geholt hatte. Die Rothenburger Metallwerke gingen im Januar 1956 in den Besitz einer anderen Firma über, das Zweitwerk Schweinfurt wurde ganz geschlossen. Um den Pinguin kümmerte sich nun niemand mehr. Er geriet völlig in Vergessenheit.

Es existieren leider nur ganz wenige Fotos von den Herner Fahrzeugen, Mitarbeitern und den Räumlichkeiten. Zeitzeugen gibt es ebenfalls nicht mehr. An die Produktionsstätte, die sich einst an der Baumstraße in befand, erinnert ebenfalls nichts mehr. [1]

Weblinks

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Quellen

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel