Kindheit in Herne: Kistensuche auf dem Marktplatz

Aus Hün un Perdün
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Auf dem Weg von der Schule bis zur Haustüre wurden meist Pläne für den Nachmittag geschmiedet. So war es jedenfalls bei mir damals, als ich die Katholische Schule an der Schulstraße besuchte. Zwar war ich 1953 erst offiziell wieder nach Herne zurückgekehrt, fand mich in der neuen Umgebung in der Stadtmitte in der Nähe der alten Feuerwache im alten Dichterviertel gut ein. In unmittelbarer Nähe wohnten auch einige Mitschüler, mit denen ich daher oft meine Freizeit verbrachte. Unser Weg führte uns vorbei über die heutige Glockenstraße – damals noch Marienstraße – mit dem alten Marienhospital, die Hermann-Löns-Straße überquert und schon waren wir auf der Goethestraße. Hier stand meist schon fest, was wir an Nachmittag unternehmen wollten. Da gab es ja nicht viele Möglichkeiten.

Meist stromerten wir durch die Gegend, waren im Ostbach unterwegs, pöhlten Fußball auf der Pferdewiese zwischen Schillerstraße und Altem Friedhof an der Mont-Cenis-Straße, durchstreiften die Gärten, die es in den 1950er-Jahren noch im Bereich der heutige Sodinger Straße in unserem Viertel gab. Unsere Streifzüge führten uns manchmal auch in den Stadtgarten, die Ostbachteiche oder auf den Marktplatz vor dem Rathaus.

Eines Tages, ich hatte mich mit Reinhold (Jäger) und Helmut (Gidaczweski) verabredet. Wir wollten nach Beendigung des Wochenmarktes nach ausrangierten Obstkisten suchen, weil man aus dem Holz schöne Schwerter für Ritterkämpfe basteln konnte. Gesagt, getan. Nach dem Mittagessen, half ich Mutter noch beim Abwasch, dann konnte ich endlich die Wohnung verlassen, vor dem Haus warteten meine beiden Schulfreunde.

Der Weg zum Marktplatz war nicht weit, dort bauten die Händler gerade ihre Stände ab, verstauten ihre Kisten in ihre Fahrzeuge. Die leeren Kisten ließen sie liegen, denn wenn der letzte Markthändler den Platz verlassen hatte, rückte die Müllabfuhr/Straßenreinigung an und machte die Fläche wieder besenrein.

Wir durchsuchten also die Kistenhaufen nach brauchbarem Material, und wurden fündig. Jeder von uns fand ein oder zwei hölzerne Behälter, in denen Obst oder Gemüse transport worden war. Ich benötigte aber noch eine Kiste, als ich im Stapel eine Kiste fand, die noch randvoll mit Äpfeln gefüllt war. Ratlos standen wir Drei vor der Kiste und wussten nicht weiter: Mitnehmen, stehenlassen oder den zuständigen Marktmeister informieren. Ich suchte also den städtischen Mitarbeiter, den man sofort an der „Geldkatze“ — einer riesigen Geldbörse — die vor seiner Brust baumelte, erkannte. Der Herr des Marktes sah sich die Kiste an, schüttelte den Kopf und bat uns, auf die Kiste aufzupassen. „Wir bringen die Kiste dem Händler, der wohnt in Riemke,“ meinte er mit Kennerblick. Wir stapelten sorgsam unsere Schwerter-Kisten auf dem Platz auf, kletterten in den VW, nachdem der Markmeister die Kiste mit den dufteten Äpfel ebenfalls in dem Wagen untergebracht hatte.

Bis nach Riemke war es ja nicht weit. Der Händler war gerade dabei, seinen dreirädrigen Kleinlaster (Tempo) zu entladen, als wir auf seinem Hof auftauchten. Der Marktmeister berichtete von dem Fund, holte die Kiste aus dem Wagen und übergab sie dem Besitzer, der uns, weil wir so ehrlich waren, je mit einem Apfel aus der Kiste belohnte. Als der VW nach über 30 Minuten Abwesenheit wieder auf dem Marktplatz eintraf, war die Fläche bereits geräumt, und unsere Kisten, aus den wir Holzschwerter basteln wollten, waren verschwunden. Auf dem Rückweg kaufte Helmut im Laden neben Labochs-Bude auf der Mont-Cenis-Straße ein neues Sigurd-Heft, wir verschlangen die quasi Abenteuer unseres Comic-Helden und hatten bald die geplante Bastelaktion vergessen. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel