Karin II. brachte Göring einst nach Herne

Bereits wenige Wochen nach der Machtergreifung durch die NSDAP herrschte in Herne große Aufregung, denn hoher Besuch aus Berlin tauchte plötzlich am Rhein-Herne-Kanal auf: Generalfeldmarschall Hermann Göring. Er kam aber nicht, um seine bereits am 8. April 1933 nach ihm benannte Straße zu begehen, sondern der Hibernia-Hauptverwaltung einen Besuch abzustatten. Als Chef der damals mächtigen Bergwerksgesellschaft fungierte Wilhelm Tengelmann (1901 – 1949). Der gebürtige Essener war neben dem aus Herne stammenden Heinrich Koppenberg (1880 bis 1960) einer der engsten, einflussreichsten Reichswirtschaftsführer und Vertrauter des Generalfeldmarschalls.

Die damalige Zechenzeitung berichtet danach über den Besuch aus Berlin wie folgt: „Hermann Göring ist da! ... Jedenfalls stand am 20. Juli 1939 morgens gegen 11.30 Uhr Hermann Göring unerwartet vor unserer Hauptverwaltung. Er hatte gelegentlich bei seiner Fahrt über die Wasserstraßen Deutschlands im Rhein-Herne Kanal mit seiner Jacht „Karin II.“ Station gemacht. Es ist verständlich, dass der Besuch des Generalfeldmarschalls wie ein Alarm durch die ganze Verwaltung lief und einige hundert Menschen wie einen Bienenschwarm durcheinander brachte. ... Von Herne aus ging dann, einem Wunsch des Generalfeldmarschalls entsprechend, die Fahrt weiter zum Hydrierwerk Scholven. Hermann Göring besichtigte mit großem Interesse dieses im Rahmen seines Vierjahresplanes neu entstandene Werk und äußerte seine lebhafte Befriedigung über den hohen Stand der Produktionsentwicklung …“

Ob Hermann Göring im Rahmen seines Besuches in Herne auch eine Grubenfahrt unternahm, ist nicht eindeutig überliefert. Fest steht, ein dokumentarisches Foto aus jenen Tagen zeigt Göring in einem weißen Arbeitsanzug, mit „Blitzer“ (Grubenlampe für leitende Zechenangestellte) und Lederhelm. Umringt wird der Gast von etlichen, vermutlich ranghohen „Bergleuten“.

Die Verquickung zwischen Partei und Hibernia war in den Jahren zwischen 1933 und 1945 recht eindeutig. Es lag vor allem an dem damaligen Generaldirektor Tengelmann.

So erfolgte bereits im Juni 1934 die Umwidmung des damaligen Herner Kinderheimes in Hullern zu einer Einrichtung nationalsozialistischer Wohlfahrts- und Volksgesundheitspflege für erholungsbedürftige Mütter der Städte Herne und Wanne-Eickel. Hatte sich die ruhige, idyllische Lage des Dörfchens Hullern zwischen Lippe und Stever mit seiner erholsamen Landluft mittlerweile auch in den führenden Herner NS-Kreisen herumgesprochen? Es ist schon erstaunlich, dass eine weitere Herner Institution, ein Wirtschaftsunternehmen, nämlich die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, dann 1938 / 39 einen Gutshof, deklariert als NS-Musterhof des Reichsnährstandes, mit zugehörigem Jagdhaus in der Hullerner Bauerschaft Stevern erbauen ließ.

Hier übernimmt nun wieder die Hibernia die Federführung. In Hullern engagierte sie sich für den Bau des „Gutes Borkenberge“, eines Musterhofes mit zugehörigem Jagdhaus. Bergassessor und Generaldirektor Wilhelm Tengelmann wird zuvor am 30. Januar 1935 von Heinrich Himmler (Reichsfüher SS) persönlich zum SS-Obersturmbannführer à la suite (Ehrenführer) befördert.

Der Heuerhof in Hullern wird auch nach 1945 weitergenutzt. Der Abbruch des Jagdhauses erfolgte jedoch 1968. Anfang April 1945 quartierte sich ein amerikanischer Kommandostab im Jagdhaus / Heuershof, auf dem Gutshof und im nahen Forsthaus ein, der von hier aus die Einnahme des „Ruhrkessels“, in dem sich 325.000 deutsche Soldaten der Heeresgruppe B befanden, koordinierte. Anschließend wurden die Gebäude britischen Einheiten überlassen. Nachdem das Anwesen von 1946 bis 1950 der Landkreisverwaltung Recklinghausen als Müttererholungsheim gedient hatte, übernahm danach die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG ihn wieder für einige Zeit in Eigenregie als Erholungsheim für die Belegschaftsmitglieder ihrer Schachtanlagen und Werke.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels fand schon viel früher den Weg nach Herne. Er nahm am 31. Juli / 1. August 1926 hier an einem Gautag teil. Ein Foto zeigt die Nazigröße während einer SA-Parade auf der Rathaustreppe stehend.

Hermann-Göring-Straßen gab es ab 1933 in Herne (Bebelstraße) und Wanne-Eickel (Bielefelder Straße). Die Umbenennungen erfolgten dann per Beschluss ab April 1945.

Zur Hibernia Bergwerksgesellschaft gehörten unter anderem folgende Schachtanlage: Shamrock, (Herne), Rheinbaben (Bottrop), Möllerschächte (Gladbeck), Hibernia, Bergmannsglück, Wilhelmine-Victoria (Gelsenkirchen), Westerholt (Westerholt), Alstaden (Oberhausen), Blumenthal (Recklinghausen), Schlägel und Eisen (Herten). [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel