Im Ledigenheim

Auf diesen Brief hatte Ernst Waldenburg schon lange gewartet. Seinem Zimmerkollege Gerd Diebels fielen sofort die seltenen Briefmarken aus dem Luftpostumschlag auf. „Wer hat dir den geschrieben“, wollte der korpulente Kumpel wissen. Waldenburg, ein junger Bergmann, der aus Norddeutschland stammte, drehte den ungeöffneten Brief in seinen Händen: „Der kommt aus Canada. Mein Freund Hans Müller hat mir geschrieben“.

„Мensch, ich wusste ja gar nicht, dass du einen Freund da drüben hast“, sagte Diebels, zeigte in Richtung Westen und setzte sich auf das Bett. Waldenburg ging an das Fenster und schaute hinaus. Er sah den Weg, der von der Gysenbergstraße, vorbei an Feldern bis nach Herne-Süd führte, dann schweifte sein Blick hinüber zu dem Haus am Stennert, einem markanten Ziegelbau, der gegenüber dem „Bullenkloster“ lag.

„Was ist, willse nich lesen was dein Kumpel aus Canada so schreibt“. Diebels machte ein Pause: „Ist der Trapper oder auch Bergmann“, setzte er nach. „Nein, der war mal Kumpel in Castrop-Rauxel auf Victor. Aber vor ein paar Jahren ist er rüber mit der „General Taylor“ von Bremen aus. Nun arbeitet er dort bei der canadischen Eisenbahn. Ich soll nachkommen, er hat schon alles in die Wege geleitet“. Diebels richtete sich im Bett auf: „Du willst auswandern. Da bin ich aber platt“. „Naja, ist ja noch nicht endgültig, müssen noch ein paar Formaliltäten erledigt werden. Ein bissken bleibe ich noch auf Mont-Cenis“, antwortete der Blonde und öffnete den Brief.

Auf der Fensterbank sitzend las Ernst Waldenburg Zeile für Zeile und grinste schließlich. „Ist ein prima Kerl, der Hans. Wir kennen uns aus Glückstadt, da haben wir zusammen die Lehre gemacht. Und als es keine Arbeit mehr gab, sind wir ins Revier gekommen. Er blieb in Castrop auf Victor hängen, ich hier auf Mont-Cenis in Sodingen. Nun ist er schon lange weg und ich soll nachkommen“.

„Nicht schlecht, da kommst du eines Tages wieder zurück und hast eine dickes Bankkonto, da kannst du hier so richtig auf den Putz hauen“, lachte Diebels und verließ grinsend den Raum. Ihn zog es nach Wiesmann, seiner Stammkneipe, am Sodinger Denkmal, denn er der junge Kumpel hatte Durst auf ein Bier.

Den Brief aus Canada schob der junge Hauer, der seit einiger Zeit im „Flöz Hugo“ tätig war, unter das geblümte Kopfkissen. Dann machte er sich fertig für die Schicht. Bevor er die Junggesellenbude im Ledigenheim verließ, schaute er noch einmal aus dem Fenster.

Der Brief seines Freunde ging Ernst nicht aus dem Kopf. Daher war er während der folgenden Schicht nicht so konzentriert bei der Sache. Da passiert es: Eine Steinlage brach aus dem Hangenden und erwischte den blonden Hauer. Seine rechte Hand war verletzt, mehrere Knochen gebrochen. „Sie sind bald wieder hergestellt“, sagte man dem Verletzten, als er mit einem dicken Verband wieder ins Ledigenheim am Ostbach zurückkehrte. Als der nächste Brief aus Canada im Sodinger „Bullenkloster“ eintraf war die Enttäuschung groß.

„Hans hat mir mitgeteilt, dass es für die Einwanderer klare Regeln gibt: Sie müssen unter anderem kerngesund sein“. Und Ernst klagt seit dem Unfall in „Hugo“ über Schmerzen an der rechten Hand, die nun nicht mehr voll zu gebrauchen war. Ernst blieb daher in Herne, malochte weiter auf dem Pütt, sein Freund Hans aber lebte bis zu seinem Tod noch jahrelang in Canada.[1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel