Herkunft von Asylbewerbern und Flüchtlingen (Mitte 1975 bis Mitte 1995)

Susanne Peters-Schildgen

Seit Mitte der 1970er Jahre haben sich die Schwerpunkte der Herkunftsgebiete der Zuwanderer durch den Zustrom von Flüchtlingen, Asylsuchenden, Aus- und Übersiedlern wesentlich erweitert und verlagert. Mitte der 1990er Jahre lebten Menschen aus rund 150 Nationen in Herne. 1995 wurden etwa 1.700 Flüchtlinge und Asylbewerber ermittelt. Hinzu kamen 700 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina. Die Herkunftsländer von Asylbewerbern und Flüchtlingen ließen sich Mitte der 1990er Jahre in vier Hauptgebieten zuordnen: dem afrikanischen Kontinent und hier besonders der Westküste, den ehemaligen Ostblockstaaten[Anm. 1], dem Nahen Osten sowie Ost- und Südostasien.

Hauptursachen für Flüchtlingsbewegungen waren Kriege, politische Konflikte, Entkolonialisierungsprozesse, blutige Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen, Folter, Terror, Verfolgung, Armut und Hunger. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze im Herbst 1989, aber auch des „Eisernen Vorhangs"[Anm. 2], und der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien[Anm. 3] lösten einen Zuwanderungsschub von Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa aus. Der Zerfall der Sowjetunion[Anm. 4] in 15 unabhängige Staaten und die damit verbundenen Konflikte - wie Tschetschenien als einen Brennpunkt - hatten bis 1996 3,6 Millionen Flüchtlinge zur Folge.

Seit Beginn der 1980er Jahre hatten sich die Kämpfe religiöser Gruppierungen um die Wiederherstellung religiös fundierter Gesellschaftsformen verschärft. Davon waren vor allem Algerien, der Sudan, Tadschikistan und Ägypten betroffen. In Afrika südlich der Sahara, in einigen Gebieten des mittleren Ostens, im Sudan, in Südosteuropa und im Kaukasus hatten sich die kriegsähnlichen Zustände an den staatlichen Neuordnungen entzündet, die nicht an die bestehenden nationalstaatlichen Traditionen anschließen konnten. Ähnliches gilt auch für die seit 1947 andauernden Auseinandersetzungen um Kaschmir[Anm. 5] und die gewaltsame Annexion Kuwaits im August 1990 durch den Irak[Anm. 6].

Innerstaatliche Kontroversen um eine gerechtere Verteilung von Land und wirtschaftlichen Ressourcen sowie von Macht zwischen ethnischen Gruppen kennzeichneten die Situation in Ruanda, Burundi und im Sudan. Flüchtlingsbewegungen wurden darüber hinaus durch Unabhängigkeitsbestrebungen von Völkern sowie durch die Verfolgung ethnischer Minderheiten ausgelöst. Dies betraf in erster Linie die lbo (in Nigeria), Sahauri (in der Westsahara), Eriträer (in Äthiopien), Kurden (in der Türkei), Tschetschenen und Abchasen (im Kaukasus), Ostpakistani (in Ostpakistan), Tibeter (in Tibet), Tamilen (in Sri Lanka) und die Timoresen (im Malaiischen Archipel). Mitte 1990 lebten rund 600 Tamilen in Herne. Viele waren bereits in den 1980er Jahren aus Sri Lanka geflohen. Im Norden und Osten des Inselstaats herrschte seit 1983 ein blutiger Krieg[Anm. 7], der von der gezielten Verfolgung ethnischer Minderheiten überlagert wurde, zu denen auch die Tamil sprechende Bevölkerung zählte.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Stadt Herne[1]
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Anmerkungen

Quellen