Hauerbrief als Abschussliste

Fritz war Anfang der 1960er-Jahre als Grubenschlosser auf einem Herner Pütt, der Zeche Friedrich der Große, tätig. Als er eines Tages seinen Freund Helmut besuchte, der in Sodingen wohnte, sah er erstmals die blonde Bärbel.

Helmut wohnte auf der Uhlandstraße. In dieser Straße gab es bis in die 1970er-Jahre noch das Lebensmittelgeschäft Borgmann. Helmut wohnte zwei Häuser weiter, so kam Fritz zwangsläufig am Geschäft vorbei und mit den beiden Auszubildenden ins Gespräch.

Eigentlich hatte Fritz ja ein Auge auf Hannelore geworfen, aber es klappte nie mit der Verabredung – sie musste in ihrer Freizeit noch die kleineren Geschwister „hüten“. So kam es, dass Fritz sich mit Bärbel, die war die Ältere der beiden Azubis, verabredete. Was er aber nicht wusste, Bärbel wohnte irgendwo in Constantin.

Bus fahren – oder Radeln – Fehlanzeige.

Zu Fuß ging es über die Wilhelm-Busch-Straße, In der Tennscheuer und Gysenbergstraße bis zum Landwehrweg. Hier führte ein Pättken in den dunklen Wald. Fritz wollte es zunächst nicht glauben, aber hinter den hohen Bäumen, im Schatten von Constantin Schacht 10, stand einsam und allein ein Wohnhaus.

Zeche Vereinigte Constanin der Große

Hier wohnte Bärbel mit ihrer Großfamilie. Ihr Vater war, wie sich bald herausstelle, Bergmann auf Constantin 4/5. So begleitete Fritz, der in der Stadtmitte wohnte, Bärbel tagelang zu Fuß von ihrer Arbeitsstelle bis nach Constantin.

Eines Tages standen sie im Elternschlafzimmer, das sich im ersten Stock des einsamen Hauses befand. Bärbel wollte ihrem Freund etwas zeigen. Etwas Geheimnisvolles. Hinter dem alten, mehrtürigen braunen Kleiderschrank holte sie zunächst lächelnd ein Gewehr hervor. „Keine Angst, das Gewehr ist nicht geladen. Es gehört meinem Vater“. Sie schob das Kleinkalibergewehr wieder hinter den Schrank, ging zum Fenster, schob die Gardine zur Seite und öffnete das Fenster. „Schau mal, da unten“. Auf der hügeligen Wiese, die sich fast bis nach Hiltrop erstreckte, tummelten sich Kaninchen und Hasen.

„Unser Sonntagsbraten“, lachte die junge Constantinerin und ging zurück ins Zimmer. „Na, die wird doch jetzt nicht wohl auf Jagd gehen“, dachte Fritz, während Bärbel auf den gerahmten Hauerbrief ihres Vater zeigte, der neben der Eingangstür hing. Sie lächelte verschmitzt und drehte den Brief um. Auf der Rückseite sah Fritz Striche, nichts als Striche. „Die Abschüsse“, lachte die Auszubildende und Fritz erwiderte das Grinsen, während sie die Urkunde auf auf der Vorderseite einen Bergmann mit Abbauhammer, Lederhelm und Grubenlampe zierte, wieder zurecht rückte.

Tage später war Fritz in Constantin zum Essen eingeladen; es gab – natürlich Kaninchen. Der junge Mann stand dankend auf, denn Kaninchenbraten gehört nämlich nicht zu seinen Lieblingsgerichten. Bärbel war erschrocken und beleidigt zugleich, so zerbrach dann auch ihre kurze Freundschaft nach einer Einladung zu einem Wildererschmaus im Hause eines Bergmannes. [1]

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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel