Götz Kratzenstein

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Götz Kratzenstein
Kratzenstein in seinem Arbeitszimmer
Jürgen von Manger und Götz Kratzenstein

Götz Kratzenstein (geboren am 17. Oktobr 1923 in Hagen-Haspe) lebt in Recklinghausen-Suderwich

Pfarrer Götz Kratzenstein: „Mit Menschen arbeiten ...!

Als Götz Kratzenstein das Albrecht-Dürer-Gymnasium in Hagen verließ, da wollte er zunächst Offizier werden. Auch ein Leben als Landwirt konnte sich der musikbegabte Pennäler einst vorstellen. 1933 gehörte der damals zehnjährige Götz dem Eichenkreuz, einer der evangelischen Kirche nahestehenden Organisation an. Sie wurde verboten und der Sohn des evangelischen Pastors war auf einmal Mitglied des Jungvolkes. „Weil unserer Gruppe in Haspe damals ein Wimpel fehlte, bat ich meine Mutter um Hilfe. Und sie half. Bald flatterte uns bei offiziellen Auf- und Ausmärschen ein neuer Wimpel voran, den meiner Mutter aus einem alten Lutherrock meines Vaters geschneidert hatte“ , lacht Götz Kratzenstein, wenn er an die Braune Zeit in seiner Heimatstadt Hagen zurückdenkt, der, wie er es immer betonte, gerne mit Menschen arbeiten wollte.

Nach dem Jungvolk kam die Zeit der Hitlerjugend. Hier schlug der pfiffige Hagener den Gruppenführern ein Schnippchen, denn er sollte unbedingt dem Bannorchester beitreten. Weil das Orchester jedoch sonntags zur Gottesdienstzeit probte und Götz aber bereits als Kirchenmusiker tätig war, sagte er ab und geriet bei der Hitlerjugend in Vergessenheit. Doch bald klopfte das Militär an und Götz Kratzenstein wollte unbedingt in die Marine. Man stellte jedoch ein Augenleiden fest und aus war es mit der Offizierskarriere. Er versuchte es über einen Umweg und wollte nun Militärarzt werden. Aber auch hier hatte er keinen Erfolg und wurde schließlich als Offiziersanwärter in Glückstadt zum Funker ausgebildet. Über Holland kam Fähnrich Kratzenstein schließlich mit einer Schnellboot-Einheit ins französische Le Havre, wo er völlig unspektakulär kurz nach der Invasion der Alliierten 1944 als Leutnant in Gefangenschaft geriet.

Hier traf er auf den bekannten schwedischen Theologen Birger Forell, der im Auftrag des CVJM Kriegsgefangene betreute. Während seiner Zeit im Lager wurde dem Hagener auf einmal klar: Ich werde Pfarrer. Im Lager wurden verschiedene Studiengänge von etlichen Dozenten angeboten. Leutnant Götz Kratzenstein entschied sich für die Theologie und lernte unter anderem Hebräisch. Schon bald musste der angehende Theologe vor deutschen Kameraden seine erste Predigt halten. Und bald kamen die ersten Zweifel auf, denn der angehende Pastor gehörte während der Lagerzeit der Kabarett-Gruppe „Die schrägen Sechs“ an. „Wir boten eine Mischung aus Akrobatik, Artistik, Kabarett und Variete“, erinnert Kratzenstein. „Weil einmal ein Mitglied der Gruppe auf der Bühne eine schlüpfrige Bemerkung machte, wurde ich von einem damaligen Theologie-Dozenten gerügt“. Zwei katholische Geistliche, die sich ebenfalls in Kriegsgefangenschaft befanden, überredeten den jungen Leutnant jedoch zum Weitermachen.

Eine Nieren-Kolik sorgte nach zwei Jahren Aufenthalt in England für eine schnelle Rückkehr in die Heimat, wo er 1947 nicht nur mit dem Theologie-Studium in Marburg begann, sondern auch heiratete. Seine Frau, die aus Stettin stammt, lernte er in Hagen kennen. In Marburg übernahm Götz Kratzenstein auch die Leitung des Studentenchores. „Von den 40 Mark, die es nach der Währungsreform gab, kaufte ich Chornoten“, schmunzelt der Pfarrer. In Münster und an der Kirchenmusikschule in Herford setzte der Familienvater danach seine Studien fort. Über Dortmund-Wambel, Bochum-Hiltrop kam er schließlich 1954 nach Castrop-Rauxel. Hier wurde er Pfarrer in Schwerin. An den Schweriner Berg erinnert sich der Theologe zeitlebens gerne. „Zunächst ging es dort mit dem Motorrad hinauf, später mit einem VW-Käfer“. Aber schließlich wurde die Familie auf dem Berg sesshaft. Rund 1000 Hausbesuche absolvierte der junge Pfarrer damals in der Gemeinde, die ab 1960 eine neue Kirche erhielt. Als Jurymitglied konnte der agile Theologe sogar den bekannten Architekten des Bochumer Schauspielhauses, Prof. Graupner gewinnen. Unter der Leitung von Architekt Kölsche und den Künstlern Kratz und Hellwig entstand ein sechseckiges modernes Bauwerk mit einem freistehenden Glockenturm.

16 Jahre lang war Götz Kratzenstein, der Klassische Musik wie Werke von Johann-Sebastian Bach liebt, auf dem Schweriner Berg, dann wurde ihm 1970 die Leitung der Krankenhausgemeinschaft Herne-Castrop-Rauxel übertragen; eine neue Gesellschaft entstand, und Götz Kratzenstein brachte neue Ideen mit. Er gründete die „Grünen Damen“, die immer noch ehrenamtlich im Krankenhaus tätig sind, kümmerte sich um die Ausbildung und ließ eine Krankenpflegeschule in Herne bauen. Ab 1971 stieß er in Herne auch zum Team des Krankenhausfunkes „forum 7“ und wurde der große Förderer der Ehrenamtlichen um Claus Schmidberg und Alf Rolla, die auch bald Karriere in verschiedenen Medienberufen machen sollten. Über 30 Jahre lang war Kratzenstein beliebter Moderator von Sendungen zu den Themenbereichen „Lebenshilfe und Klassischer Musik“.

Mit vielen Prominenten ist und war Pfarrer Kratzenstein befreundet. Mit einigen drückte er sogar die Schulbank und heckte als Jugendlicher Streiche aus, darunter mit dem ehemaligen Erzbischof von Paderborn, Kardinal Johannes Degenhardt, dem langjährigen Wehrbeauftragten des deutschen Bundestages, Willi Weiskirch, und dem Schauspieler und Kabarettisten Jürgen von Manger. Und viele Anekdoten und Geschichten seiner ehemaligen Freunde kann der ehemalige Krankenhausmanager, Kirchenmusiker, Kabarettist und Menschenfreund seinen Gästen erzählen.

Auch viele Jahre nach seiner Pensionierung im Jahre 1985 machte Götz Kratzenstein, wie er schmunzelnd verriet, noch gerne theologische Hausbesuche. „Früher verteilte ich sehr oft persönlich die Infohefte des Krankenhauses. Heute, starte ich aus gesundheitlichen Gründen lieber Telefonanrufe,“ sagte der Pfarrer und blickt von seinem Hochhausfenster hinüber zur Herner Kreuzkirche. „In den vergangenen vier Wochen habe ich 29 Stunden am Telefon gesessen, um mit einsamen, kranken und alleinstehenden Menschen, die ich kenne, zu sprechen,“ sagt er leise. Das Schild „Denkmal“, das ihm einst während einer Feier als Gag überreicht wurde, bekommt nun eine ganz andere Bedeutung. Nach dem Tod seiner Frau Brigitte im August 2010 zog er jedoch nach Recklinghausen, wo auch seine Tochter lebt. [1]


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Quellen

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel