Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, Aus- und Übersiedler

Susanne Peters-Schildgen

Ein Flüchtlingsmädchen auf dem Herner Bahnhof, August 1946

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der Zustrom der Flüchtlinge und Vertriebenen Herne und Wanne-Eickel vor eine Fülle neuer Aufgaben und Probleme. Im Verlauf des Jahres 1946 gelangten rund 5.000 Flüchtlinge und Vertriebene in die beiden Städte. Der größte Teil stammte aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie. Hinzu kamen Personen aus der sowjetisch besetzten Zone sowie aus den baltischen Staaten ausgewiesene Volksdeutsche. Durch diesen Bevölkerungszuwachs wurde Herne 1947 zum zweiten Mal (nach 1933) zur Großstadt.

Vorläufige Anweisung für die Aufnahme von Flüchtlingen, Vorblatt
Vorläufige Anweisung für die Aufnahme von Flüchtlingen, Schlussbestimmungen

Gemeinsam bemühten sich das Wohnungs- und Ernährungsamt sowie die Wohlfahrtsverbände um die Versorgung und Unterbringung der Neuankömmlinge. In Gemeinschaftsküchen und Schulspeisungsküchen wurden die Mahlzeiten zubereitet. Außer den Flüchtlingsfürsorgestellen entstanden Flüchtlingsausschüsse, die sich jeweils zur Hälfte aus Flüchtlingen und Ansässigen zusammensetzten und den Flüchtlingsämtern zur Seite standen. Aufgrund des herrschenden Wohnungsmangels wurden Luftschutzbunker, Schulen, Turnhallen, Gaststätten und Baracken zu spärlich ausgestatteten Notunterkünften umfunktioniert. Das Durchgangslager für die Vertriebenen in Wanne-Eickel befand sich in der Berufsschule an der Wilhelmstraße. Die angrenzende Turnhalle diente als Entlausungsbaracke. In der Leoschule in Holthausen wurde 1947 unter der Leitung der Heilsarmee das erste Flüchtlingsaltersheim in Nordrhein-Westfalen eingerichtet, das bis 1948 existierte. Überall im heutigen Herner Stadtgebiet entstanden halbzylindrische Wellblechhütten, im Volksmund "Nissenhütten" genannt, die ihren Namen dem englischen lngenieur P. N. Nissen verdanken.

Durch den Wohnungsneubau, die Instandsetzung und den Ausbau zerstörter Häuser konnte das Problem der Unterbringung der Vertriebenen langfristig gelöst werden. Kriegsschadenrenten, Eingliederungskredite und Wohnungshilfen erleichterten ihnen die wirtschaftliche und damit die soziale Eingliederung. Ihre berufliche Integration bereitete kaum Probleme, da im Bergbau dringend Arbeitskräfte benötigt wurden. Frauen fanden hauptsächlich in hauswirtschaftlichen Berufen ein neues Arbeitsfeld.

WAZ Herne, 15. Juli 1991[1]

Weihnachtsfeiern, Theateraufführungen, der "Tag der Heimat" und die Gründung von landsmannschaftlichen Vereinigungen umreißen das Spektrum der "Vertriebenenkultur": 1951 übernahm Herne die Patenschaft für die beiden niederschlesischen Städte Jauer und Strehlen, aus denen besonders viele Vertriebene stammten. Diesem Beispiel folgte Wanne-Eickel 1962 mit der Patenschaft für Ortelsburg in Ostpreußen. 1948 wurde in Herne die "Bücherei des Deutschen Ostens" gegründet. 1989 erfolgte die Neukonzeption und Umwandlung dieser städtischen Einrichtung in eine Stiftung bürgerlichen Rechts, die den Namen "Martin-Opitz-Bibliothek" erhielt.

Zu den Spätfolgen des Krieges gehörten die gegen Volksdeutsche in Osteuropa gerichteten Diskriminierungs- und Zwangsassimilierungsmaßnahmen sowie der Vertreibungsdruck. Anfang der 1980er Jahre begann die Aussiedlerzuwanderung, zunächst von Deutschen aus Polen, später aus Rumänien und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, die 1990 ihren bisherigen Höhepunkt erreichte. Die Stadt Herne, Kirchen und Wohlfahrtsverbände betreuten diese Menschen. In einer von wirtschaftlichem Wohlstand und hoher Arbeitslosigkeit gleichermaßen geprägten Zeit war die Bereitschaft der Gesellschaft zur Aufnahme der Aussiedler erheblich gesunken. Kultur und Sprache boten genügend Angriffsflächen, um sie als "Nichtdeutsche" auszugrenzen.




Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Stadt Herne[2]
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Quellen

  1. Dieser Artikel und diese Bilder wurden von der Westdeutschen Allgemeine Zeitung für das Hün un Perdün-Wiki zur Verfügung gestellt und unterliegen dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieses Textes und/oder dieser Bilder außerhalb des Hün un Perdün-Wikis ist die Genehmigung beim Zeitungsverlag einzuholen. Die Genehmigung umfasst Veröffentlichungen u.a. aus der Westdeutschen Allgemeine Zeitung und den Ausgaben aus Beständen des Herner Stadtarchivs.
  2. Aus: Auf dem Weg ins Paradies? Wanderungsbewegungen im Ruhrgebiet am Beispiel Herne, Seiten 50 - 51