Flüchtlinge beziehen Köllings Hof (HZ 1958)

Aus Hün un Perdün
Wechseln zu: Navigation, Suche


Erfreuliche Maßnahme der Stadtverwaltung
Flüchtlinge beziehen Köllings Hof
Abbruchreifes Gehöft vorläufig Wohnhaus / Zurückhaltung auch am Bahnhofsvorplatz geboten
HZ-1958-05-13-Kölling.jpg

Wahrscheinlich in der Woche nach den Pfingstfeiertagen wird der nächste gröbere Transport von Flüchtlingen und Aussiedlern aus den polnisch besetzten Gebieten die Reise vom Auffanglager Wentorf bei Hamburg nach Herne antreten. Wieviel Personen es sein werden, steht noch nicht fest, die Stadtverwaltung rechnet jedoch mit mindestens zehn Familien, für die demnach auch eine Unterkunft bereitgestellt werden muß. Nachdem bereits vor einigen Wochen die Stadt keinen anderen Weg mehr sah, als die Säle von zwei privaten Gaststätten als Notunterkünfte für Flüchtlinge zu beschlagnahmen, macht sie jetzt von einer anderen Möglichkeit zur Unterbringung Gebrauch und dringt dabei erfreulicherweise nicht wieder mit Zwangsmahnahmen in die Privatsphäre von Bürgern unserer Stadt ein. Die neu zu erwartenden Flüchtlinge sollen in dem von der Stadt auf Abbruch erworbenen Köllingschen Gehöft hinter dem Stadtgarten untergebracht werden.

Dem Zwang zur Ansiedlung von bergbauunabhängigen Industriebetrieben in Herne ist Köllings Hof zum Opfer gefallen. Für den Ausbau des Industriegeländes wurden sämtliche Ländereien hinter dem Stadtgarten bis zur Castroper Straße benötigt. Und gerade auf diesen Ackern pflanzte Bauer Kölling früher seine Kartoffeln und erntete seinen Roggen und Weizen. Mit der industriellen Nutzung dieser Grundstücke wurde dem Hofe die Existenzgrundlage entzogen, das Gehöft war nicht mehr lebensfähig.

"Umsiedlung" nach Baukau

Da es überdies in einer Verbandsgrünfläche liegt, beschloß der Herner Rat den Abbruch des Gebäudes. Zur schnellen Durchführung dieses Beschlusses kam der Stadtverwaltung sehr gelegen, daß der Landwirt Schulte-Stade einen anderen Hof außerhalb von Herne übernahm und unsere Stadt verließ. So konnten die Bewohner des Köllingschen Gehöftes auf den Hof von Schulte-Stade in Baukau "umgesiedelt" werden. Nach vollständiger Räumung hätte also mit dem Abbruch begonnen werden können.

Wertvoller Wohnraum

Doch nichts davon: Das Gebäude bleibt vorläufig erhalten, es wird im Augenblick sogar noch ausgebaut. Denn die für die Unterbringung der nach Herne kommenden Flüchtlinge verantwortlichen und um ihre Aufgabe wahrlich nicht zu beneidenden Beamten unserer Verwaltung kamen auf den klugen Gedanken, den vorhandenen Wohnraum auf Köllings Hof weiterhin auch wohnungsmäßig zu nutzen. Als Bauerngehöft hat das Gebäude zwar seinen Wert verloren, aber für die Unterbringung von Flüchtlingen und Aussiedlern ist es noch überaus wertvoll. Insbesondere wird die Stadt dadurch nicht erneut in die Zwangslage versetzt, das Eigentum von Privatleuten seiner eigentlichen Zweckbestimmung völlig zu entfremden.

Entscheidende Gegensätze

In diesem Zusammenhang ergeben sich unwillkürlich Parallelen zu anderen Hausabbruch-Plänen der Stadt. Wir denken da besonders an die auf der Abbruchliste an oberster Stelle stehenden den Häusern an der künftigen Einmündung der Sodinger Straße und Steinweg [... Sie sollten] nicht fallen. Hier liegt nämlich kein zwingender Grund zu unverzüglichen Maßnahmen vor.

Gefahrenquelle bleibt
Wertvollste Wohnungen in bester Wohnlage enthalten diese Häuser am Bahnhofsvorplatz, die verschiedene Herner gern abreißen möchten, um dem Bahnhofsvorplatz ein repräsentatives Aussehen zu geben. Wir meinen, daß erst das Flüchtlingselend und die Wohnungsnot beseitigt werden müßten, ehe man an die Ausführung solcher Pläne geht.

Anderer Ansicht ist der für die Herner Nebenausgabe einer auswärtigen Tageszeitung verantwortliche Redakteur, der sich am Wochenende mit diesem Thema befaßte und dabei auf die Verkehrsgefahren am Bahnhofsvorplatz hinwies. Diese Gefahren sind nicht hinwegzuleugnen, nur möchten wir gern einmal wissen, woher der betreffende Redakteur seine "Weisheit" schöpft, daß mit der Anlage von Verkehrsinseln an einem freigelegten Bahnhofsvorplatz die Gefahrenquelle an dieser Stelle verschlossen wird. Mit den Verkehrsinseln wächst nur noch die Unfallgefahr für den Fußgänger, der zur Straßenbahn will oder die Straßenbahn gerade verlassen hat und das „rettende Ufer" des Bürgersteigs zu erreichen versucht. Denn der Passant muß dann mitten durch den beiderseits der Inseln fließenden Kraftfahrzeugstrom hindurch während er jetzt noch an den Haltestellen relativ gefahrlos ein- und aussteigen kann hinter der haltenden Straßenbahn die anderen Fahrzeuge stoppen müssen.

Fahrzeugschlangen? Die werden sich auch nach der Anlage von Verkehrsinseln gerade am Bahnhofsvorplatz nicht vermeiden lassen, denn hier wird man notgedrungen Lichtsignalanlagen aufstellen müssen, deren rotes Licht bekanntlich "Halt" bedeutet . . .

Nur Ställe und Hinterhöfe

Von dieser Seite kann man also das Pferd nicht aufzäumen, nicht die Notwendigkeit und Dringlichkeit des Abbruches der Häuser Bahnhofstraße 99 bis 107 begründen. Und da wir gerade von Pferden sprechen: An übelste und primitivste Roßtäuschermethoden wurde man beim Betrachten der Bildmotive und beim Lesen der entsprechenden Unterschriften erinnert, mit denen jener Redakteur sein lediglich als traditionell tiefen Bückling zum Rathaus und keineswegs als ernsthaften Diskussionsbeitrag zu wertendes Elaborat über das Projekt Bahnhofsvorplatz zu untermauern versucht. Er zeigt nämlich seinen Lesern lediglich Stallungen und Hinterhöfe am Bahnhofsvorplatz und will den Anschein erwecken, als ob sich die Häuser selbst in einem ähnlichen Zustand befänden.

[...]

Siehe auch

Quellen und Anmerkungen

  • Stadtarchiv Herne: Ordner Bauernhöfe und Kotten in Herne.