Etwas über die Wasserversorgung in alter Zeit (Brandt 1966)

Aus Hün un Perdün
Wechseln zu: Navigation, Suche

Von Karl Brandt

Etwas über die Wasserversorgung in alter Zeit
Fund eines hölzernen Pumpenrohres - Erinnerung und Rätsel zugleich
von Karl Brandt

Unsere Tageszeitungen berichteten im Juli 1965 in Wort und Bild, dass in der Fundamentgrube für die neue Sparkasse am Hauptbahnhof in etwa 5 m Tiefe ein hölzernes Saugrohr für eine Pumpe zutage kam, das oben dicht zugestopft war.

Ich war am 16. Juli durch die Bauleitung verständigt worden und sah mir den Fund an. Es war nicht das erste Mal, dass ich eine solche Holzröhre zusehen bekam. In Recklinghausen, im Stadtkern, sind bisher zwei solcher Röhren im Boden steckend aufgefunden worden, ferner in Datteln und in Bochum je eine. (In Bochum bei der Tiefgarage Dr. Ruer-Platz.) Derartige Funde sind Beiträge zur Geschichte der Wasserversorgung einer Stadt oder eines Dorfes. Ohne Frischwasser kein Leben!

Früher ein wichtiges Handwerk

Zuerst der neue Herner Fund: Ein Baumstamm, in unserem Falle von der Rotbuche, wurde mit einem Beil achtkantig geschlagen, Dann wurde der so vorbereitete Stamm in etwa 1,50 m Höhe aufgebockt. Vor einem Ende wurde ein mehrere Meter langer eiserner Bohrer genau auf die Mitte des Stammes angesetzt. Damit er genau in die Mitte des Stammes eindringen konnte, lag der Bohrer auf hölzernen Gabeln genau waagerecht. Die Gabeln gaben ihm die genaue Führung. Mindestens zwei Mann drehten nun den Bohrer, und in nicht allzu langer Zeit waren Ausbohrungen von 4 und mehr Metern ausgeführt. Wahrscheinlich wurde Buchenholz deswegen verwendet, weil es sich in der erwünschten Länge leichter als Eichenholz durchbohren ließ. Von dem Herner Fund wurden rund 70 cm geborgen. Die achtkantige Röhre hat einen Außendurchmesser von 19 und 18 cm. Die Bohrung hat einen lichten Durchmesser von 7 cm, ist jedoch nicht überall genau rund geworden.- Genauso sahen auch die Brunnensaugrohre aus den vorgenannten Städten aus, wovon sich Stücke in den Heimatmuseen dieser Städte befinden.

In Datteln konnten wir die Anlage eines solchen Holzrohres als Saugrohr für eine Pumpe genauer untersuchen. Danach hatte man vor der Einrahmung des Rohres eine etwa 2 m tiefe trichterförmige Grube ausgehoben, auf deren Grund das unterste angespitzte Rohr gesetzt worden war. Das lange Rohr erhielt ein Führungsgerüst aus Holz, damit es beim Einrammen senkrecht in den Boden eindrang. Ein einziges Rohr langte so gut wie nie bis in den Grundwasserhorizont. Es mussten vielmehr stets mehrere Rohre aufeinandergesetzt werden. Dabei war jeweils das untere Ende des einzutreibenden Rohres so angespitzt und zugerichtet, dass es in die Öffnung des zuvor eingetriebenen Rohres möglichst genau und dicht passte, damit beide und eventuelle weitere Rohre eine Einheit bildeten. Es erforderte Erfahrung und Geschicklichkeit, die Rohre genau aufeinander passend einzutreiben, und es waren tüchtige Fachleute, die Brunnen und Pumpenanlagen bauten, aus denen ein bestimmter Bezirk oder eine einzelne Ansiedlung mit Trinkwasser versorgt wurde.

Heute wie' vor Zeiten
Trinkwasser ist lebenswichtig

Wem bewusst ist, wie heute unser ganzes Leben von der zuverlässigen modernen Wasserversorgung abhängt, der begreift, was in früheren Zeiten Brunnen und Pumpen bedeuteten. Jedenfalls stellten die vor rund 200 Jahren bei uns aufgekommenen Saugpumpen der Art, wie sie zu dem jetzt gefundenen Brunnenrohr gehörten, das Ende einer langen Entwicklung der Wasserversorgung dar. Ihr Anfang ist das aus Bach, Fluss oder Quelle geschöpfte Wasser gewesen. Dazwischenliegen alle Arten von Brunnen und Zisternen, aber auch Quellwasserleitungen wie die römischen.

Brunnenfunde in Herne wie in der weiteren Umgebung

Zu dem auf dem Sparkassengrundstück aufgefundenen Brunnenrohr sei weiter unten noch einiges gesagt. - Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass es in Herne eigentlich die zweite Entdeckung dieser Art ist. Auf dem Grundstück Schäfer an der Ritterstraße, also .wenig westlich vom Schloss Strünkede, kam der Rest eines Baumstammbrunnens zum Vorschein. Ein fast 1 m im Durchmesser dicker Eichenstamm war innen ausgeholt, so dass die Wand etwa 10 cm dick war. Solch einen Baumstammbrunnen haben wir vor ein paar Jahren auch auf dem Hof der Ritterschänke am Markt in Recklinghausen ausgegraben. (Siehe: Karl Brandt, Ein Baumstammbrunnen aus dem Mittelalter, ausgegraben in Recklinghausen, mit 7 Abbildungen, Vestisches Jahrbuch vol. 59 (1957) p. 7-15.)

Der Baumstammbrunnen von der Ritterstraße in Herne lässt sich ebenso datieren wie der in Recklinghausen, denn Herr Schäfer hat in dem Brunnen einen glasierten Spinnwirtel aus Siegburger Steinzeug und Scherben dieser Siegburger Keramik gefunden, die dem 15 . Jahrhundert angehören. Diese Funde beweisen aber letzten Endes nur, dass der Brunnen in diesem Jahrhundert vorhanden und noch in Benutzung war. - Der in Recklinghausen entdeckte Brunnen dürfte nach den dabei gemachten Bodenfunden im 13. Jahrhundert gebaut worden sein. Jedenfalls sind Baumstammbrunnen schon aus germanischer Zeit bekannt, so aus dem 2. bis 4. Jahrhundert nach Christus.

Im Laufe meiner langen Forschertätigkeit habe ich in der Umgebung von Herne viele alte Brunnen untersucht. Als den ältesten mittelalterlichen möchte ich jenen in Recklinghausen-Suderwich, wenig südlich der Autobahn, ansehen, der 1965 bei der Anlage der neuen Wasserleitung Haltern-Witten aufgedeckt wurde. In 4 m Tiefe fanden sich dort Spalthölzer, die im Abstand von rund 30 cm kreisrund und in die Erde eingetrieben waren. Ganz unten waren sie mit dichtem Flechtwerk untereinander verbunden, damit die Erde aus dem Schacht fern gehalten wurde und das Grundwasser einsickern konnte. Die kantigen Spalthölzer waren hier aus Eichenholz, das im Laufe der Jahrhunderte tiefschwarz und sehr hart geworden war. Das Flechtwerk bestand aus Haselruten, die sehr brüchig und weich wie ein Schwamm geworden waren. Anhaltspunkte für das Alter dieses Brunnens von 90 cm Durchmesser waren nicht vorhanden.

Den wohl ältesten bisher bekannten Brunnen des Ruhrgebietes überhaupt, der dazu durch die Beifunde mit Sicherheit datiert werden konnte, habe ich zusammen mit Herrn Wendhof, Castrop-Rauxel-Pöppinghausen, Ringelrodtweg, im Jahre 1959 auf seinem Grundstück untersucht. Herr Wendhof hatte in etwa 2 m Tiefe kohlschwarze Eichenholzreste bemerkt, die sich bei unseren Untersuchungen als Reste der Holzverschalung eines eckigen Brunnens von 90 cm Durchmesser herausstellten. Eine große Anzahl dabei gefundene germanische und importierte römische Scherben sowie eine große römische Bronzemünze datierten diesen Brunnen in das 3 . bis 4. Jahrhundert nach Christus. über diese Siedlung werde ich demnächst für "Herne - unsere Stadt" schreiben.

Zuerst sind im alten Dorfe Herne und auf den außerhalb liegenden Einzelgehöften mit Sicherheit hauptsächlich eckige Brunnen aus Holz vorhanden gewesen. Manche von ihnen hatten, wie Funde in Recklinghausen nachgewiesen haben, in den vier Ecken Senkrechtbalken, hinter denen die Holzbohlen hochkant standen. Bei manchen waren die Eckbalken nicht vorhanden. Bei diesen Brunnen waren die einzelnen gleich breiten Bohlen an den Enden ineinander verzapft, also Rahmen auf Rahmen gesetzt.

Über die alte Wasserversorgung in den Städten unseres Gebietes unterrichtet wohl am besten: A. Dorider, "Geschichte der Stadt Recklinghausen", 3. Fortsetzungsband des zweibändigen Werkes von H. Pennings, Dorider 1955, Vestisches Archiv Recklinghausen. - Die hier aus sicheren schriftlichen Überlieferungen gewonnenen Darstellungen konnten durch unsere Befunde im Boden bestätigt und erweitert sowie auf die Dörfer übertragen werden. Ähnliche und gleiche Brunnen haben wir uns auch im alten Herne vorzustellen.

Ein guter Vorschlag - der Verwirklichung wert

Doch nun noch einmal zurück zu dem Brunnenfund auf der Sparkassen-Baustelle an der Beckstraße. Dort quillt, mindestens in den letzten Juli-Tagen, da ich diese Zeilen schreibe, immer noch das Wasser, obwohl man es zu stoppen versucht hat.

Als ich mir erneut die Sache ansah, waren einige andere Zuschauer der Ansicht, man könne vielleicht das ausströmende und doch wohl gute Wasser in einer ordentlichen Brunnen- und Pumpenkammer auf fangen und es mit einer heute nicht mehr teuren elektrischen Pumpe empor fördern, um mit diesem Wasser die mit wenigen Metern Leitung erreichbare Springbrunnenanlage auf dem Bahnhofsplatz, vielleicht auch noch einen Schmuckbrunnen im oder vor dem Sparkassengebäude selbst zu speisen. Der erste würde dann weniger leicht veralgen und die Stromkosten für die dortige Pumpe könnten auf die Förderpumpe "verlagert" werden. Nicht zuletzt aber würde die Sparkasse der Gefahr enthoben sein, eines Tages doch noch in ihren Kellerräumen nasse Füße zu bekommen.-

Nun, ich fand den Gedanken gut, zumal ich noch zu denen gehöre, denen das vom Quell und vom Brunnen gebotene Wasser etwas Heiliges ist, das man nicht missachtet, verdreckt oder zu verdrängen versucht. Aber, werte Zeitgenossen, die Sie da an der Baustelle gute Vorschläge hatten, - haben Sie schon einmal in die fertige "Planung" irgendeiner Verwaltung und in deren Kosten hinein neue Gedanken und gar Änderungsvorschläge geäußert?! Da habe ich so meine Erfahrungen! Da wird man erst einmal mit Kosten die Mehrkosten errechnen, wird Gutachten einholen (mit Kosten), denn man darf (?) oder kann (!) ja nicht "so aus der Hand" und bei obendrein verschiedenartigen Zuständigkeiten eine solche schöne Sache, die dem Privatmann nur wenig Kosten und Mühe machen würde, "über die Bühne ziehen". Ich habe in diesem Fall aber einige Hoffnung auf die Elastizität und Großzügigkeit der Sparkasse selbst und darauf, dass ja, was die Grün- und Springbrunnenanlage auf dem Bahnhofsplatz betrifft, unser so wendiges Garten- und Friedhofsamt teilweise mit zuständig ist. Von dort ist man ja noch etwas Improvisation und unkompliziertes Zupacken gewöhnt. - Vielleicht also tut sich da etwas.

Woher kommt dieses Wasser? - Warum dort eine Pumpe?

Nun, neben diesem "Vielleicht" stand bei mir im Gespräch mit den Mitbürgern an der Baustelle noch etwas: Wird dieser zweifellos jetzt unter einem gewissen Druck stehende Brunnen nicht bald, nicht früher oder später einmal versiegen? Damit kommt man zu der Frage, wo her dieses Wasser kommt, wie es mit den Bodenschichten an dieser Stelle steht. - Und mit dieser Frage und der anderen, zu welchem Haus, Hof oder Grundstück der Brunnen einmal gehört habe, hat mich die Redaktion von "Herne - unsere Stadt" bedrängt.

Ob der Brunnen vielleicht nur jetzt in diesem Jahr erheblicher Niederschläge den jetzigen Wasserreichtum und den jetzigen Druck hat, ist eigentlich belanglos. Würde er jetzt in der Bauzeit versiegen, sich vielleicht zunächst verstopfen lassen, so wäre vermutlich die Gefahr, dass er in ähnlichen nassen Zeiten unerwartet Überraschungen verursachte. - Man sollte ihn also "ernst nehmen" und - nutzen!

Woher nun kommt dieses Wasser, wie ist es dort mit den Bodenschichten? Dazu eine kleine "geologische Abhandlung": Der geologische Schichtenaufbau im Untergrund ist hier entscheidend. An der Beckstraße haben wir zuunterst den grauen Emschermergel der Jüngeren Kreidezeit, der wasserundurchlässig ist. Auf seiner bankigen Oberfläche sammeIt sich das Grundwasser und strömt und drückt zum tiefsten Punkt. über dem bankigen Mergel folgt eine starke Schicht verwitterter, jetzt etwas toniger Mergelarten, an deren Basis sich das Grundwasser staut. Darüber liegen fast 2m sandige Ablagerungen mit Kiesstreifen, die von Schmelzwassern der nordischen Inlandeisdecke II stammen. Den Abschluß nach oben bildet ein "Eschboden", der Jahrhunderte hindurch durch Düngung mit Rasenplanken entstanden ist. Nebenan unter dem Optalhaus war er über 1 m mächtig. Das Grundwasser steht, abgesehen von seinem Gefälledruck, auch unter dem Druck der genannten, insgesamt etwa 6 m mächtigen auflagernden Schichten. Und da nun dieser Grundwasserspiegel durch das Brunnenrohr nach oben eine Öffnung hat, wird das Wasser empor gedrückt.

Da in den letzten Monaten die Niederschläge sehr reichlich waren und noch andauern, ist bei uns der Grundwasserspiegel mehr als gesättigt und schon deshalb wird das Wasser noch lange aus der Brunnen- oder Pumpenröhre sprudeln, aber wie lange? Und wenn sich gerade an der Baustelle eine MuIde im Emschermergel befindet, dann wird sich hier naturgemäß stets das Wasser sammeln. Ob damit eine Beeinträchtigung für den Sparkassenbau besteht, müssen die Bausachverständigen ergründen und beurteilen. Es kann aber auch sein, dass die klugen Brunnenbauer bewusst oder zufällig mit ihrem Brunnenrohr eine starke Wasserader im Emschermergel angeschnitten haben. Trifft das zu, dann kann das Wasser Jahre, ja Jahrzehnte aus der Röhre quellen.

Welcher Hof, welches Haus hat dort ehemals gestanden?

Die Frage nach dem Zweck von Brunnen und Pumpe verbindet sich naturgemäß mit der nach dem Haus oder Gehöft , das dort gestanden haben könnte. - Nun, diese Frage habe ich mir selbst gestellt und sie ist mir gleich nach dem Auffinden des Brunnens als Aufgabe von der Redaktion und danach ständig von Heimatfreunden gestellt worden. - Ich muss gestehen, ich kann sie leider zunächst nur dahingehend beantworten, dass, soweit ich Unterlagen besitze und kenne, für diese Stelle keinerlei Gebäude aus älterer Zeit belegt oder bekannt ist. Zusammen mit Freunden, versuche ich, näheres zu ermitteln. Ich wurde auch schon gefragt, ob man an dieser Stelle lediglich eine - dann allerdings eigentlich aufwendige Viehtränke hätte schaffen wollen. Das mag sein, aber es waren doch dafür schließlich genügend Bachtränken in der Nähe. [1]

Verwandte Artikel

Quellen

  1. Karl Brandt Herne - unsere Stadt - April 1966 S. 7 f.