Emil und die 'dritten Zähne'

Aus Hün un Perdün
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Unser Nachbar Emil war ein rechtschaffener Mann – arbeitsam und fleißig. Nach seiner Maloche auf dem Bau, half der Maurer noch bei einem Bauern in Bochum-Hiltrop aus. Wir Kinder aus dem Dichterviertel staunten sehr, denn Bauer Koch holte seinen „Knecht“ meist mit dem Auto — einem viertürigen, schwarzen Mercedes Benz in Herne ab. Immer, wenn der Wagen auf unserem Hof an der Goethestraße stand, war er von den Kindern umringt. So eine Limousine fuhr in unserem Viertel niemand. Emil, selbst zweifacher Familienvater, hatte aber eine große Leidenschaft: Er trank gerne mal einen Wacholderschnaps.

Daher hatte der Maurer, der in seiner Freizeit noch im Stall von Bauer Koch schuftete, schnell seinen Spitznamen weg: ‚Wacholder-Emil’. Eines Tages, Emil hatte wohl eine sehr volle Lohntüte nach Hause gebracht, passierte es. Der Maurer gönnte sich nach dem harten Arbeitstag einen kräftigen Schluck seines geliebten Schnapses. Dabei blieb es nicht. Der Familienvater nahm vermutlich einen Zug zu viel aus der Pulle, denn es wurde ihm speiübel. So rannte er bald auf das Etagenklo und übergab sich. Als er zurück in die Wohnküche kam, erschrak seine Frau Erna: „Emil, watt ist passiert. Du siehst so komisch aus“.

‚Wacholder-Emil’ grummelte nur, stutzte fuhr mit der rechten, schwieligen Maurerhand durch das Gesicht. „Wo sind deine Zähne geblieben“, fragte seine Erna weiter und sah sich ihren Gatten noch einmal genauer an. Der hatte auf einmal einen lichten Moment, drehte sich wortlos herum und marschierte wieder zurück in die Etagentoilette, aus der es mittlerweile verständlicher Weise stark nach Wacholder roch.

Emil riss die Türe auf, bückte sich über die Kloschlüssel und griff hinein. Sekunden später huschte ein Lächeln über sein Gesicht, denn er hatte sein „teures Esszimmer“ wieder gefunden.

Wie einen Schatz trug er die „Dritten“ zum Spülbecken auf der Etage, drehte den Wasserhahn auf, schwenkte den Zahnersatz mehrmals unter dem kalten Strahl hin und her und steckte die Prothese wieder in den Mund. Zufrieden torkelte er in die Wohnküche zurück, wo seine Frau Erna, die am Küchentisch saß, hörbar aufatmete, als sie ihren Mann wieder mit seinen kostbaren „Dritten“ im Mund erblickte. „Emil, gottseidank, nen neuet Esszimmer wäre vorläufig nämlich nich drin gewesen...“ [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel