Ein ehrlicher Steiger

Aus Hün un Perdün
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Gottfried Zechel und Werner Struppek im April 2016 an der ehemaligen Markenkontrolle der Zeche Mont-Cenis
Gottfreid Zechel bei seiner Ausstellung in der Akademie Mont-Cenis

Reviersteiger Gottfried Zechel war nach einer langen und anstrengenden Schicht auf dem Weg nach Hause. Kurz vor dem flachen, roten Backsteingebäude, das sich an der linken Seite des Zechenweges ausdehnte, hörte er plötzlich, wie jemand seinen Namen rief. „Hallo Steiger, Hallo Steiger Zechel“. Der Angesprochene drehte sich um, der Rufer, Steiger Zechel kannte ihn aus seinem Revier, kam etwas verlegen näher. Seine linke Hand hielt er unter der grauen Jacke versteckt, doch man konnte deutlich das Stielende erkennen. „Steiger, ich habe eine Bitte, ich brauche zu Hause einen neuen Schüppenstiel, können Sie das nicht für mich regeln“. Er zog den Stiel unter der Jacke hervor und wollte ihn seinem Vorgesetzten überreichen.

„Kollege, Willers, so einfach geht das nicht. Sie wissen, dass es sich hier um einen Diebstahl handelt, den ich eigentlich melden muss“.
Willers, der Sodinger Kumpel, druckste herum, schaute auf den grauen Asphalt des Zechenweges. „Ganz ehrlich, ich brauche den Stiel, dringend..“
Steiger Zechel blickte sich um, den Markenkontrolleur, der heute hinter der großen Glasscheibe in dem Flachbau saß, kannte er ebenfalls: Günter Wilmowski, genannt der dicke Wilm, und der war nicht gerade wegen seiner Genauigkeit bekannt. Im Gegenteil.

Zechel schmunzelte und nickte Lehrhauer Willers zu. „Ich habe da so eine Idee. Bleiben sie an der Markenkontrolle stehen, ich regele das.“ Er verschwand in dem Gebäude. Der dicke Wilmowski sah nur kurz von seinem Kreuzworträtsel auf, schließlich blieb sein Blick an dem Schüppenstiel hängen, den Zechel in der rechten Hand hielt.

„Ich möchte einen Diebstahl melden“, sagte Steiger Zechel und legte das Corpus Dilikti auf den Schreibtisch des Dicken. Der hob nur kurz den Kopf, sein Blick schwenkte zwischen den vor der Markenkontrolle stehenden Willers und Steiger Zechel hin und her.

„Mensch Steiger, son Aufstand wegen son pisseligen Schüppenstil. Mann, der Schreibkram wegen son bisken Holz...“ warf Wilmowski ein. „Gippt ett keine andere Lösung...?“

„Wilmowski, sie wissen, dass ich dazu verpflichtet bin, den Diebstahl zu melden. Ich beschlagnahme hiermit den Schüppenstiel und gebe ihn morgen vor Schichtbeginn im Magazin ab. In Ordnung?“

Der Dicke seufzte erleichtert. „Steiga, dat iss ma ne gute Idee. Glückauf.“

Zechel verließ mit einem schelmischen Grinsen den Raum, der Dicke widmete sich wieder dem Kreuzworträtsel, er hatte vermutlich schon längst den Vorfall vergessen. Der Steiger nickte dem Lehrhauer zu, sie gingen an der Markenkontrolle vorbei, strebten den Ausgang an der Mont-Cenis-Straße entgegen, als Zechel auf dem Weg, der von der Markentrolle zur Kaue führte, in einiger Entfernung seinen Fahrsteiger Kupczek erkannte. Auch der strebt dem Zechenausgang zu. Und mit Krupczek, das wusste Zechel, war nicht zu spaßen.

„So, die erste Hürde ist genommen, aber nicht umdrehen, der Krupczek naht, und wenn der den Stiel sieht, ist hier was los. Aber keine Bange, ich bin gleich wieder zurück“.

Der Steiger zeigte mit dem Kopf in Richtung des Haushaltswarengeschäftes Pflüger, das sich in unmittelbarer Nähe des Pütts an der Mont-Cenis-Straße befand.

„Sie warten draußen, ich gehe mal kurz da hinein,“ meinte der Steiger und verschwand in der Drehtür.

Als er wenige Sekunden später wieder auf der Straße, vor dem Geschäft stand, lief er doch direkt Fahrsteiger Krupczek in die Arme.

„Glückauf Zechel, na einen Schüppenstiel gekauft, wo es ihn doch im Magazin quasi umsonst gibt. Das ist mal ein ehrlicher Steiger... Glückauf“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt der Fahrsteiger in Richtung Beimberg davon, wo die Zechenelite wohnte.

Willers, der ratlos an der Straßenecke wartete, hatte den Vorfall gar nicht so richtig mitbekommen. Zechel übergab ihm nun den Stiel: „So, der ist nun sauber. Glückauf, bis morgen“.

Zechel ging Richtung „Denkmal“, wo er kurz in seine Stammkneipe Wiesmann vorbeischaute.

Immer noch kopfschüttelnd machte sich Willers ebenfalls auf den Heimweg und erzählte, dort angekommen, seiner Guste von dem Vorfall.

Als Zechel am anderen Morgen die Kaue betrat, hatte die Geschichte vom ehrlichen Steiger längst die Runde gemacht. Nach Schichtende musste und wurde diese Ehrung durch den Fahrsteiger daher mit ein paar Bierchen feuchtfröhlich begossen. Ein Kollege und BUV-Vorstandsmitglied, der in dieser geselligen Rundes neben Zechel saß, sagte leise: „Gut, das Krupczek keine Hausdurchsuchungen anordnen kann, da würde sicherlich in Sodingen so manches zweckentfremdete Püttgerät im Stall, im Keller oder im Garten auftauchen. Oder etwa nicht?“ Steiger Zechel schwieg lieber, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und lächelte nur süffisant. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel