Ein Pechtag

Samstagnacht kurz nach 24 Uhr. In der Häusern der oberen Goethestraße brannte kaum noch Licht. Alles war ruhig und friedlich. Ab und zu bellte ein Hund, dann sah man im Schatten eines Hauseinganges Rauch aufsteigen, ein Husten, ein Klappern, wieder Ruhe - eine letzte Zigarette vor dem Schlaf, der die Sorgen, Nöten aber auch die Freude des Lebens überdeckten konnte.

Ich pfiff leise ein Lied, das ich an diesem Abend im Tanzlokal mehrfach gehört hatte. Meine Lieblingsband „The Morenos“ spielten es wenigstens einmal pro Abend während ihres Auftritts bei Cramer in Sodingen. „She Loves You“ summte ich nun, als ich von der Mont-Cenis-Straße in die Goethe-Straße einbog, in der ich mit seinen Eltern und meinen Geschwistern lebte. Als ich wenig später vor dem zweigeschossigen Haus stand, wurde es mir schlagartig bewusst: Schlüssel vergessen. Aber wie ins Haus, wie in die Wohnung kommen? Ich rief zunächst leise, um nicht die gesamte Nachbarschaft zu wecken. Nichts rührte sich. Ich ging nun ratlos vor dem Hauseingang hin und her. Dann ging bei den Nachbarn endlich das Licht an, das Geräusch einer sich öffnenden Tür war zu hören und schlurfende Schritte. „Wacholder Emil“, stellte ich fest.

„Hallo Emil“, rief ich hinauf, doch keine Antwort. Der Nachbar verschwand in der Gemeinschaftstoilette der Etage. Ich versuchte es nochmals: „Hallo Emil“. Wieder keine Reaktion. Das Toilettenfenster wurde mit einem lauten Knarren geöffnet, dann fiel eine Tür ins Schloss, schlurfende Schritte im Flur, das Licht erlosch. Ruhe.

Ich atmete tief durch, sah nach Oben. Das Toilettenfenster war immer noch geöffnet. Es war gerade groß genug, damit sich ein Mann durchzwängen konnte. Neben dem Fenster verlief das Fallrohr der Regenrinne. Ich umfasste es, atmete tief durch und zog mich Stück für Stück daran hoch. Bald stand ich auf dem Sims des Erdgeschossfensters.

Katzengleich überwand ich die letzten Meter. Schließlich hatte ich es geschafft. Vorsichtig schob ich mit dem rechten Fuß das 50 mal 50 Zentimeter große Fenster ganz nach Innen. Nun folgte der schwierigste Teil des Einstiegs. Ich setzte mich zunächst auf die Fensterbank, dabei hingen meine Beine bereits in dem kleinen Toilettenraum, in dem es fürchterlich stank. Ich bekam fast keine Luft mehr, doch es blieb mir keine Wahl, ich schob mich langsam vorwärts. Mein rechter Fuß fand schleßlich im Dunkeln den Rand der Toilettenschlüssel und als ich das gesamte Gewicht auf diesen Fuß stellte, rutschte ich ab. „Mist, verdammter“, fluchte ich laut. Aber ich hatte es geschafft. Ich stand mit dem rechten Fuß in der Toilettenschlüssel, stützte mich ab und schaltete das Licht ein. Eine nackte Glühbirne warf ihr kahles Licht in den kleinen Raum. Da sah und roch ich es: Wacholder-Emil, der zuvor hier sein Geschäft erledigte, hatte vergessen, die Spülung zu betätigen. Mir wurde übel, langsam zog ich den Schuh aus der Hinterlassenschaft des offensichtlich betrunkenen Nachbarn. Gut, das es im Flur einen Spülstein gab, hier beseitigte ich wohl ziemlich lautstark wenig später die Fäkalreste. Plötzlich stand meine Mutter, sie trug einen geblümten Morgenmantel aus einem Polyestermaterial, hinter mir und schaute mich fragend an: „Mudder, ob du das glaubst oder nicht, das ist eine ganz, ganz lange Geschichte...“ Mutter wollte sie aber nicht hören. Sie verließ ein wenig kopfschüttelnd den inzwischen übelriechenden Etagenflur. Ich pfiff leise „She Loves You.“ [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel