Ein Koffer voller Fußball-Erinnerungen

Jahrelang stand der braune Koffer unbemerkt im Hobbyraum von Georg Clement. Als er ihn vor einiger Zeit erstmals öffnete, staunte der Herner nicht schlecht, denn der Inhalt barg über 100 Jahre deutsche Zeitungs- und Sportgeschichte. Etwa 150 Zeitungen aus den Jahren von 1889 bis in den 1960er-Jahre kamen zum Vorschein. „An Bismarcks Bahre“ lautete die Überschrift des ältesten Fundstückes, das aus Schwetzingen stammt. Auch eine Sonntagszeitung für Deutschland – ebenfalls aus dem Jahre 1889 – befand sich in dem zeitgeschichtlichen Koffer.

Ein Großteil des Kofferinhaltes, meist Zeitungen aus Herne, Sodingen und Umgebung, kamen in den 1950er-/1960er-Jahren auf den lokalen Markt. Die Vorfahren von Georg Clement, der in diesem geschichtsträchtigen Haus aufgewachsen ist, haben alles, was ihnen wichtig erschien, gehortet, gesammelt. Die Großeltern von Georg Clement, der 1944 geboren wurde, konnten nicht ahnen, dass das Gebäude gegenüber dem alten Friedhof der Pfarrei St. Bonifatius — heute eine Parkanlage – mal Geschichte schreiben würde. In dem 1899 gebauten Haus zog 1908 nämlich einmal vorübergehend die Sparkasse ein. Dort, wo Georg Clement heute eine gemütliche Bibliothek hat, wurden vor 100 Jahren noch Bankgeschäfte gemacht.

Georg Clement mit Koffer o. J. [1]

Besonders gerne wühlt der gebürtige Herner in den Zeitungen aus den 1950-/1960er-Jahren, damals berichteten Herner Zeitung, Ruhr Nachrichten, WAZ und Rundschau ausführlich über die heimische Sportszene, die von der Westfalia und dem Vorortrivalen SV Sodingen beherrscht wurden. Diese Sportarchiv hat Georg Clement eigentlich seinem Vater zu verdanken, denn der war nicht nur ein begeisterter Westfalia-Fan, sondern auch der Onkel des berühmte Mittelstürmer Gerd, den aber alle nur „Bimbo“ riefen. Natürlich begleitete Georg Clement damals auch seinen Vater zu den Spielen der Mannschaft vom Schloss Strünkede. Besonders an das legendäre Spiel auf dem Weg zur Deutschen Fußballmeisterschaft am 29. Mai 1960 kann sich Georg Clement noch gut erinnern. Leider verloren die Herner damals die wichtige Begegnung gegen den Hamburger SV mit 3:4-Toren.

Für Vater Willi Clement war Neffe Gerd Clement immer der beste Spieler auf dem Platz. „War es mal nicht so, legte sich mein Vater, wenn sein Freund Willi Padberg, der ebenfalls ein großer Westfalia-Fan war, eine andere Meinung hatte, ein paar Schmolltage ein,“ erinnert sich der Herner, der gerne in dem Koffer voller Erinnerungen stöbert. Nach den Heimspielen der Westfalia ging Willi Clement regelmäßig seinen Bruder Hans besuchen, der nämlich nur einen strammen Schuss weit entfernt in der Nähe des Stadions am Schloss wohnte. Dort wurde dann auch mit großer Spannung der Westfalia-Mittelstürmer nach den Sonntagsbegegnungen erwartet. Hier wurde, so erinnert sich der Herner, in familiärer Runde jeder Spielzug der legendären Mannschaft mit Hans Tilkowski, Helmut Benthaus, Horst Wandolek und Co. damals nochmals ausgiebig analysiert.

Georg Clement mit Koffer o. J. [1]

Georg Clement besuchte in dieser Zeit, als die Westfalia den Ton in der Oberliga West angab, auch einige Auswärtsbegegnungen der Blauweißen, in der sich fast alles um seinen Vetter Gerd drehte. So stand er in Sodingen, in Gelsenkirchen-Horst, in Dortmund und in Oberhausen auf den Zuschauerrängen. Als Schüler versuchte sich der 1944 geborene ebenfalls sein Glück als Spieler - natürlich bei der Westfalia. Er spielte ein Jahr unter dem damaligen Trainer Tomhorst, um danach an den Sodinger Förderturm zu wechseln. Hier traf er auf Horst Wandolek aus der Herner Meistermannschaft von 1959, der damals den SV Sodingen coachte. Aber nur ein Spiel in der Zweitvertretung der Sodinger absolvierte der Sportler von der Mont-Cenis-Straße im Glück-Auf-Stadion unter dem MC-Fördergerüst am Holzplatz.

Georg Clement mit Ball im Trikot des FC Homann (Goethe-Eck). [1]
Von 1967 bis 1972 führte Clement dann die Mannschaft des FC Homann aufs Feld. Damals erlebte die Theken- und Hobbymannschaftsszene im Ruhrgebiet ihre Blütezeit. Mit einem Spieler aus der großen Westfaliazeit pflegt Georg Clement heute noch Kontakte: Mit Torwart Hans Tilkowski. Ab und zu besucht er ihn, holt sich ein Buch mit Autogramm des bekannten Keepers ab, um es dann an Freunde und Bekannte zu verschenken. Im Koffer, den einst seine Mutter mal auf dem Dachboden des Hauses aus der Gründerzeit deponiert, ist nämlich kein Platz mehr. [2]


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Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Foto: Friedhelm Wessel
  2. Ein Artikel von Friedhelm Wessel