Don Camillo und Peppone im alten Amte Sodingen

Katholische und evangelische Volksschule Vellwigstraße, jetzt Grundschule an der Vellwigstraße, 1950er-Jahre[1]

Mit der ehemaligen Zeche Teutoburgia eng verknüpft ist die Geschichte der Grundschule an der Vellwigstraße, denn durch die Inbetriebnahme der Zeche stiegen auch die Bevölkerungs- und Schülerzahlen. Wegen Raumnot wurden Schulklassen in Wirtschaften untergebracht, Not- und Wanderklassen eingerichtet sowie Baracken aufgestellt.
Nachdem Überlegungen, die Peter und Paul-Schule an der Kirchstraße und die Falkschule an der Castroper Straße zu erweitern, verworfen wurden, wurde mit Datum vom 22. Juli 1913 vom Gesamtschulverband Sodingen ein Schulneubau in der Nähe von Teutoburgia beschlossen.

Schreiben des Presbyteriums Sodingen vom 30. April 1914[1]

Die neue Schule brauchte natürlich einen Namen, und so wurde in der Schulvorstandssitzung am 03. April 1914 der Name Bonifatiusschule vorgeschlagen und angenommen. Diese Benennung sorgte für einen Eklat, denn die Schule war für katholische und evangelische Schulklassen bestimmt. Das Presbyterium der evangelischen Gemeinde Sodingen legte am 30. April 1914 Protest gegen die Namensbestimmung ein. Als Grund des Protestes wurde eine Gefährdung des konfessionellen Friedens angegeben, da der heilige Bonifatius eindeutig ein Schutzpatron der Katholiken sei und die Gefühle der evangelischen Bevölkerung in Börnig verletzt werden könnten.

Durch diese Eingabe wurde auf verschiedenen Ebenen eine Lawine losgetreten. So meinte der Sodinger Anzeiger vom 05. Mai 1914 zu wissen, dass sich der Name Bonifatiusschule in der Gemeinde schon eingebürgert habe und durch den Protest "Aufregung und Erbitterung in die Gemeinde getragen wird". Schließlich, so wurde ausgeführt, "können mit dem Namen Bonifatius doch wohl alle einverstanden sein. Bonifatius war es, der unseren heidnischen Vorfahren, den alten Deutschen, das Christentum gebracht hat. Bonifatius als der Apostel Deutschlands steht allen christlichen Bekenntnissen gleich nahe". Dieser Ansicht schloss sich die Mehrheit in der Schulvorstandssitzung am 03. Juni 1914 an und lehnte eine Namensänderung als unbegründet ab.

Der Ortsschulinspektor und evangelische Pfarrer Otto Koetter, aus Castrop stammend und seit dem 04. Dezember 1902 für den Kirchenbezirk Börnig-Holthausen-Sodingen eingesetzt, stimmte dagegen und schaltete die Königliche Regierung in Arnsberg ein.
Die Angelegenheit fand weiteren Widerhall in der Presseberichterstattung. Die Sodinger Zeitung stellte am 08. Juni 1914 fest, "daß es sich bei dem Beschluss des Schulverbandes um eine Paritätsverletzung bedauerlichster Art handelt". Der Sodinger Anzeiger konterte am 09. Juni 1914, "daß es sich um eine Lappalie handle, daß von gewisser Seite aus der Mücke ein Elephant gemacht werde". Das Thema beschäftigte die Presse noch einige Zeit.

Amtmann Max Wiethoff[1]
Pfarrer Otto Koetter[1]

Derweil lieferten sich der katholische Amtmann Wiethoff und der evangelische Pfarrer Koetter ein gut dreijähriges Scharmützel. Die Königliche Regierung in Arnsberg stimmte der Namensgebung zwar nicht zu, ließ aber die Möglichkeit offen, diesen Namen nach einer erneuten Beratung im Schulvorstand zu genehmigen. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es allerdings nicht zu einer offiziellen Genehmigung. Der Name Bonifatiusschule hatte sich aber längst etabliert. Pfarrer Koetter tat sich schwer mit dieser Tatsache und verlangte am 19. Dezember 1916 von Amtmann Wiethoff, den Namen Bonifatiusschule nicht mehr zu verwenden, da weiterhin keine Genehmigung vorläge. Bei der Königlichen Regierung beschuldigte er Amtmann Wiethoff "den Burgfrieden gebrochen und den konfessionellen Frieden im Amte Sodingen gestört zu haben".
Max Wiethoff wehrte sich mit einem umfangreichen Bericht an die Königliche Regierung. Die Anschuldigungen wies Wiethoff weit von sich und stellte seinerseits fest, dass der Protest gegen den Namen Bonifatiusschule lediglich von Pfarrer Koetter ausgegangen sei, der als "unduldsamer Geistlicher" bekannt ist. Im weiteren Verlauf des Berichtes geht er auf weitere "Unduldsamkeiten" Koetters ein und stellt sein eigenes Bestreben heraus, "gerade den konfessionellen Frieden zu pflegen und nach allen Richtungen zu fördern". Der letzte Bericht Wiethoffs in dieser Angelegenheit, verfasst am 27. April 1917, schließt mit den Worten: "Nachdem der Pfarrer Koetter nunmehr von hier verzogen ist, ist die persönliche Seite der Angelegenheit für mich erledigt".

Schulen in Börnig, Stadtplan Herne 1928, links: Josefschule, Falkschule und Peter und Paul-Schule (von oben nach unten), rechts: Bonifatiusschule[1]

Nun genehmigte die Königliche Regierung in Arnsberg am 23. Juni 1917 die Weiterführung des Namens Bonifatiusschule, da "die neue Schule in Börnig nun schon mehrere Jahre tatsächlich in der Bevölkerung Bonifatiusschule genannt wird und eine bestimmte Benennung auch im amtlichen Verkehr nicht zu umgehen ist". Noch bis in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre hinein fand sich der Name Bonifatiusschule auf Herner Stadtplänen wieder. Erst Ende der 1950er-/Anfang der 1960er- wandelte sich im allgemeinen Sprachgebrauch die Schule von Bonifatius- zu Vellwigschule. Schließlich wusste die Westfälische Rundschau am 16. März 1967 zu berichten, dass in absehbarer Zeit die Vellwigschule in eine Gemeinschaftsgrundschule umgewandelt wird. Der entsprechende Antrag ging am 15. März 1967 beim Schulamt ein. Der damalige Oberbürgermeister Robert Brauner sprach am selben Abend auf einer Versammlung zu den Eltern. Die Umwandlung erfolgte dann zum Schuljahresbeginn 1968/1969.

Der Amtmann und der Pfarrer waren sich übrigens in vielen Angelegenheiten uneins, und so fragt man sich, ob Wiethoff und Koetter die realen Vorbilder für die zwischen 1952 und 1965 verfilmten Geschichten um Don Camillo und Peppone[Anm. 1] sind.[2]

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Anmerkungen

Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Fotos: Stadtarchiv Herne
  2. Ein Text des Stadtarchivs Herne