Die Herner Bergarbeiterunruhen von 1899

Susanne Peters-Schildgen

Die als "Herner Polenkrawalle" mit blutigem Ausgang in die Geschichte eingegangenen Bergarbeiterunruhen von 1899 sind beispielhaft für die Integrationsprobleme ruhrpolnischer Bergarbeiter im ausgehenden 19. Jahrhundert, die sich in einer überstürzt industrialisierten, durch mangelnde kulturelle und soziale Einrichtungen gekennzeichneten Region gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, allgemein gegen die fremdenfeindliche Staats- und Gesellschaftsform, zur Wehr setzten.

Anlässlich der Herner Bergarbeiterunruhen rief die polnische Bochumer Zeitung "Wiarus Polski" ihre Landsleute mit diesem Flugblatt dazu auf, zu Ruhe und Ordnung zurückzukehren. Bochum, 29. Juni 1899.

Der am 23. Juni 1899 von überwiegend jugendlichen polnischen Schleppern und Pferdetreibern auf der Zeche "Von der Heydt" in Baukau begonnene Aufruhr richtete sich in erster Linie gegen die Erhöhung der Knappschaftsbeiträge, die hauptsächlich jüngere Mitglieder betraf. Dass diese Beitragserhöhung gleichzeitig eine bessere Absicherung der Bergleute bedeutete, war den Streikenden nicht bewusst. Sie registrierten lediglich eine geringere Lohnauszahlung, weil die erhöhten Beiträge rückwirkend einbehalten wurden. Durch die polizeiliche Auflösung einer öffentlichen Bergarbeiterversammlung am 25. Juni in der Gastwirtschaft Bomm an der Bochumer Straße wurde den Teilnehmern die Möglichkeit genommen, sich über die jüngsten Vorfälle zu informieren. Die Situation spitzte sich zu. Am 27. Juni 1899 kam es in der Herner Innenstadt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen ausständigen Bergleuten und Polizei. Die Verwundetenliste nennt 16 Personen mit Schusswunden. Zwei Bergleute starben an ihren Verletzungen. Noch am selben Abend ließ der Bochumer Landrat eine Bekanntmachung verbreiten, in der er seinem entschlossenen Vorgehen gegen die Unruhestifter unter Androhung schärferer Gegenmaßnahmen Nachdruck verlieh. Am 29. Juni rief die Redaktion der polnischen Zeitung "Wiarus Polski" ihre Landsleute in einem Flugblatt zu Ruhe und Ordnung auf. Erst mit Unterstützung der eigens aus Münster angeforderten Militäreinheiten wurden die Tumulte gewaltsam beendet. Nachdem wieder Ruhe auf den Zechen eingekehrt war, gingen die Zechenverwaltungen mit Entlassungen und Strafschichten gegen die Ausständigen vor. Die "Rädelsführer" wurden in den Kreisen der polnischen Herner Sozialdemokratie ausfindig gemacht und zu übermäßig hohen Haftstrafen verurteilt.

Ein in der "Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter-Zeitung" veröffentlichtes Gedicht fasst die Ereignisse in Herne zusammen und nennt die Hauptursachen. Fehlende Unterstützung durch die Gewerkschaften, mangelnde Streikerfahrung, Organisations- und Sprachprobleme sowie das übereilte und brutale Einschreiten der Polizei und des Militärs waren ausschlaggebend für das Scheitern der Bergarbeiterunruhen. Erst nach Beendigung des Aufruhrs informierte der Bochumer Knappschaftsverein die Bergleute umfassend über das neue Statut, das die Bergarbeiterunruhen ausgelöst hatte. Die Gewerkschaften hielten zahlreiche Versammlungen ab und betrieben verstärkt Mitgliederwerbung unter den polnischen Bergleuten.

Waren die Herner Bergarbeiterunruhen auch nicht der unmittelbare Anlass zur Gründung einer eigenen Gewerkschaft, so dürften sie dennoch das Klassenbewusstsein der polnischen Minderheit gestärkt und die gewerkschaftliche Organisationsbildung vorangetrieben haben. 1902 wurde die polnische Gewerkschaft "Zjednoczenie Zawodowe Polskie" - ZZP in Bochum ins Leben gerufen, die nach den beiden großen Streiks von 1905 und 1912 zur drittstärksten Gewerkschaft hinter dem "Christlichen Gewerkverein" und dem "Alten Verband" avancierte und mit ca. 50.000 Mitgliedern eine ernstzunehmende politische Größe darstellte.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Stadt Herne[1]
Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet.

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Quellen