Der falsche Mitarbeiter

Aus Hün un Perdün
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Die Sirene kündigte wie üblich die Frühstückspause um 9.30 Uhr an. Es war ein schöner Sommertag im Juni 1961. Etliche Mitarbeiter des mittelständischen Herner Unternehmens strömten ins Freie, um ihre mitgebrachten Brote zu verzehren. Der Großteil der Belegschaft hockte auf der Grünfläche, die dem Verwaltungstrakt vorgelagert war, aß und genoss die wärmende Sonne.

Der Firmenchef blickte kurz von einer Bestell-Liste auf, und vertiefte sich wieder in seine Arbeit. Wenig später blieb sein Blick jedoch auf der großen Wanduhr hängen, die über dem Konferenztisch in seinem Arbeitszimmer hing. Punkt 9.45 Uhr kündigte die Firmensirene wie gewöhnlich das Ende der Frühstückpause an. Die Belegschaft, die auf dem Rasen hockte, erhob sich und strebte wieder den Werkshallen zu.

Aus reiner Gewohnheit schaute der glatzköpfige Chef wieder auf die Wiese, und sah dort einen Mann sitzen, der offenbar das akustische Pausenzeichen überhört hatte. Der Herner riss daher das Fenster seines Büros auf und rief hinunter: „He, sie, die Pause ist zu Ende. An die Arbeit.“

Der Rasenhocker dreht sich kurz um, goss Kaffee aus einer Thermoskanne in den Becher, biss danach herzhaft in ein Butterbrot. „Gleich, gleich“, schrie er zurück.

Der Werkchef schloss das Fenster, beobachtete aber den Mann auf dem Rasen, der aber keine Anstalten machte, die Pause trotz seiner Aufforderung zu verlassen.

Wieder riss der Glatzkopf das Fenster auf und brüllte: „He, Mann, es wird aber langsam Zeit..“ Dann knallte er das Fenster zu. Doch der Angesprochene blieb auf dem Rasen sitzen. Der Herner schäumte inzwischen vor Wut. Er griff zum Telefon, zitierte seine Sekretärin herbei.

„Schreiben Sie“, wies er der jungen Frau schließlich an: „Zahlen sie dem Überbringer 500 Mark. Damit sind seine Ansprüche gegen uns abgegolten.“

Die Sekretärin schrieb wie befohlen, der Firmenchef unterschrieb wortlos, die junge Frau übergab danach das Schriftstück dem immer noch auf dem Rasen sitzenden Mann, der sich aber umdrehte, und dem Werkschef noch freundlich zunickte.

„So einen Faulpelz kann ich in meinem Unternehmen nicht gebrauchen“, meinte der Herner und widmete sich wieder den anfallenden Arbeiten.

Tage vergingen. Da fiel dem Herner Firmenchef eines morgens wieder die Episode mit dem Rasensitzer ein. Er beschloss, auf seinem Weg in die Buchhaltung und dem Lohnbüro nach dem von im jüngst entlassenen Mitarbeiter zu fragen.

Lohnbuchhalter und Kassenchef gab ihm schließlich Auskunft: „Wir haben laut ihrer Anweisung dem Mann die 500 Mark ausgezahlt. Ob er aber seine Papiere abgeholt hat, weiß ich nicht. Ich frage mal nach.“

Wenig später kam die Antwort: „Der Mann, dem sie die 500 Mark gezahlt haben, war gar nicht unser Mitarbeiter, es war der Fahrer einer Spedition, der auf der Grünfläche sitzend, darauf gewartet hatte, dass sein LKW entladen wird“.

Das Gesicht des Herners lief rot an. Wenige Tage später wurden Bargeldauszahlungen in dem Unternehmen eingestellt, alle Mitarbeiter mussten von diesem Zeitpunkt an, ihre Geldgeschäfte über eine Bank abwickeln. Lohn und Gehalt wurden von nun an auf ihre Konten überwiesen. Über den falschen Mitarbeiter ärgerte sich der Unternehmer noch lange, er tauchte jedoch nie mehr in seinem Betrieb auf. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel