Der erste Flugplatz Nordrhein-Westfalens

Wolfgang Berke

Flugplatz Wanne-Herten: der erste Airport in Nordrhein-Westfalen

1908 beschloss der Kaiser anlässlich einer Flugvorführung der Gebrüder Wright, dass Deutschland auch fliegen müsse und demnach einen richtigen Flugplatz brauche. Am besten natürlich in Berlin. Im September 1909 wurde vor den Toren der Hauptstadt in Johannisthal der erste deutsche Flugplatz eröffnet. Spektakuläre Flugtage und Wettbewerbe lockten Hunderttausende an, die teures Geld für einen Tribünenplatz zahlen mussten. Ein echtes Hauptstadtspektakel mit kaiserlichem Segen.

In Wanne gab es zwar keinen Kaiser, dafür aber einen Amtmann Friedrich Weiberg. Und der befand, dass auch Wanne dringend einen Flugplatz brauche. Was Berlin kann, können wir schon lange, mag er gedacht haben – und erteilte im Sommer 1911 einem Parseval-Luftschiff die Erlaubnis, in Wannes Norden zu landen. Die damit einsetzende Flugbegeisterung erfasste auch die Nachbargemeinden Herten und Herne, und unter Federführung der Wanner entstand nördlich des späteren Kanals, bereits auf Hertener Stadtgebiet, der Flugplatz Wanne-Herten. Zu Pfingsten 1912 wurde er eingeweiht, nur zweieinhalb Jahre nach Johannisthal und gerade mal neun Jahre nachdem Wilbur und Orville Wright in den USA den ersten Lufthopser mit Motorkraft unternommen hatten.

Wer zuschauen wollte, musste zahlen, wer fliegen wollte, musste seinen eigenen Flugapparat mitbringen. Folgerichtig gab es am Terminal Wanne-Herten auch keine Flugsteige, sondern Eingänge zu den Tribünenrängen „I. Platz“ und „II. Platz“.
Das Bild zeigt keinen Acker sondern das amtliche Rollfeld.

Die Rheinisch-Westfälischen Flug- und Sportplatz-Gesellschaft mbH Wanne-Herten leistete Pionierarbeit im Rheinland und in Westfalen (NRW gab es damals ja noch nicht). Ein Flugplatz Düsseldorf tauchte erst Mitte der 1920er Jahre auf den Landkarten auf.

Die prominentesten Fliegerasse waren zu Gast im Emscherbruch: Dieses Foto zeigt Hans Grade, dem es als erstem Deutschen gelungen war, ein eigenes Motorflugzeug zu bauen.

Selbstverständlich unterhielt der Flugplatz Wanne schon nach kurzer Zeit die Erste Rheinisch Westfälische Fliegerschule. Zu diesem Zeitpunkt hatten gerade mal 300 Deutsche so etwas wie einen Flugschein in der Tasche. Einer von ihnen war Rudolph Bosenius (Lizenz Nr. 183 aus dem Jahre 1912), nach dem für kurze Zeit sogar der Platz im Emscherbruch benannt war.

Und auch sonst flogen in Wanne nicht Kreti und Pleti. Die crème de la crème gab sich die Ehre, hier ihre Kunst vorzuführen. Hans Grade (Lizenz Nr. 2 von 1910) war zu Gast am Kanal, der Mann, dem es als erstem Deutschen gelang, einen flugfähigen Aeroplan zu bauen.

Der kleine Mann mit der Strickmütze ist die Hauptperson auf diesem Bild – selbst wenn die anderen eindeutig wichtiger ausschauen. Edmond Audemars kletterte nach dem Foto wieder in seine Kiste und flog weiter nach Paris. Alleine natürlich ...

Oder der Franzose Edmond Audemars, der als Erster die Strecke Paris–Berlin schaffte und auf dem Rückflug in Wanne zwischenlandete. Die wenigsten Menschen dachten damals an einen Lufttransport von A nach B. Dementsprechend war natürlich auch der Flugplatz Wanne eingerichtet. Passagier- oder Abfertigungsgebäude gab es nicht, dafür aber eine Tribüne, auf der 1.000 Menschen Platz fanden. Inklusive Kassenhäuschen natürlich, denn irgendwie musste der Flugbetrieb ja bezahlt werden.

Der Flieger Georg Hans (Lizenz Nr. 373 aus dem Jahr 1913) legte eine weniger elegante, dafür aber durchaus beeindruckende Vorstellung hin: Sein Gefährt bohrte sich zu Ostern 1914 in den Flugacker. Nicht weniger spektakulär beendeten bereits vor ihm der schweizerische Hauptmann Jucker (gegen den Hangar gefahren) und der Bochumer Flieger Fritz Clauberg (Lizenz Nr. 182) mit einem Crash bei einer Notlandung ihre Darbietungen.

Die frühen Finanzierungskonzepte erwiesen sich aber meist als nicht tragfähig. Selbst Berlin-Johannisthal machte Pleite. Warum sollte es Wanne da anders ergehen? 1916 kamen die Flugplatzgebäude unter den Hammer und wurden landwirtschaftlicher Betrieb. Auch das Luftschiff „Charlotte“, der ganze Stolz der Wanner, fand eine neue Heimat.

Der Erste Weltkrieg regelte den Rest: Die Siegermächte verboten den Flugverkehr. Erst Anfang der 1920er Jahre fanden einige Flugbesessene eine Lücke in den Maschen des Versailler Vertrages und stiegen (ganz legal) mit Segelflugzeugen in die Lüfte. Als dann später Hakenkreuze auf den Leitwerken prangten, nutzten auch wieder Motorflugzeuge den Wanne-Eickeler Flugacker auf Hertener Gebiet. Allerdings nur für die kurze Zeit des „Tausendjährigen Reiches“ - danach war abermals Schluss mit luftig.

Die Segelflugtage in den 1950er und 60er Jahren lockten immer hunderte von Zuschauern in den Emscherbruch.

Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wagten sich dann wieder einige Wanne-Eickeler und Hertener in die Lüfte. Allerdings wieder nur mit Segelflugzeugen, die bis 1964 von einem umgebauten VW-Transporter mit einer langen Leine hochgezogen wurden. Das dritte Ende der Wanner Fliegerei ging nicht auf Kriege oder Konkurse zurück, sondern auf eine neue Hochspannungsleitung für das Steag-Kraftwerk. 30 Jahre lang diente das traditionsreiche Gelände dann noch den Modellfliegern als Heimat. Seit 1994 geht auf dem Flugplatz Emscherbruch gar nichts mehr in die Luft.

P.S.: Nicht auszudenken, wie es heute wäre, wenn die Pioniere von einst in den ersten schwierigen Zeiten durchgehalten hätten. Ferienflüge nach Mallorca und interkontinentaler Linienverkehr ab Airport Emscherbruch ...


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Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2002

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