Der Hakenwurm

Aus Hün un Perdün
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Der gemeine Hakenwurm (Ancylostoma duodenale) war eine typische Wurminfektion der Bergleute, welche weitreichende gesundheitliche Probleme bis hin zum Tode führen konnte.

Bergleute waren besonders bedroht, weil eine gleichbleibende Temperatur von mind. 20 ° Celsius erforderlich ist, und die sanitären Bedürfnisse nur unzureichend sauber erldigt werden konnten.

Zu diesem Thema veröffentlichte dr. Wortmann 1903 einen Artikel in der Zeitschrift "Glückauf"[1], indem er Untersuchungen zum Hakenwurm in der Zeche Julia schilderte:

"Über die Lebensfähigkeit der Ankylostomum-Larven in den trocknen Grubenpartien.
Von Dr. Wortmann, Baukau
Für die Entwicklung der Ankylostomum-Larven aus den Eiern sind drei Faktoren von großer Wichtigkeit:
Feuchtigkeit, Wärme und Abschluss des Lichtes. Fehlt auch nur eine von diesen Bedingungen, so wird die Fortentwicklung der Eier und die Bildung von Larven gehemmt. Man kann schon in mikroskopischen Präparaten von Ankylostomum-Larven, die im Brutschrank im Kot gezogen sind, beobachten, wie die sich hin und her schlängelnden Larven niemals über die Grenze der feuchten Kotflache hinausgehen; sie ziehen sich, wenn sie einmal mit dem Kopfende über dieselbe hinauskommen, schleunigst wieder in die feuchte Partie zurück. Legt man ein solches Präparat so lange in die Sonne, bis die dünne Kotschicht ausgetrocknet ist, so findet man die Larven regungslos, lang ausgestreckt und tot vor. Dasselbe sieht man, wenn solche Präparate einige Zeit in einer Temperatur unter 15° Celsius liegen bleiben.
Den günstigsten Ort für die Entwicklung der Larven bieten natürlich die Gruben, da in ihnen die oben genannten drei Faktoren zusammentreffen; und in diesen werden wieder die Strecken am meisten in Betracht kommen, die neben einer ständigen Temperatur von 25—35° C. einen entsprechenden Grad von Feuchtigkeit besitzen. Um nun genauer die Bedeutung der Feuchtigkeit in dieser Beziehung kennen zu lernen, sind auf der Zeche Julia in Baukau bei Herne verschiedene Versuche mit der Züchtung von Ankylostomum-Larven in einer Strecke angestellt, die eigens für diese Zwecke hergerichtet war.
Die Versuchsstation liegt im Nordflügel von Flöz Präsident auf der 5. Sohle, in einer Begleitstrecke, deren Abbau einstweilen gestundet ist. Sie ist an beiden Seiten durch einen Bretterverschlag abgekleidet. Um eine eventuelle Verschleppung von Wurmlarven aus dem Raume zu verhindern, ist an beiden Seiten quer über die Sohle eine ¼ m hohe Mauer gezogen, die einen starken Kalkanstrich erhalten hat; dieser ist auch über derselben an den Wanden und der Firste ausgeführt.
Die Temperatur in dem Raume betragt ständig 25° C.; im übrigen ist derselbe fast völlig trocken, man findet auf der Sohle nur nach Abräumen der oberflächlichen Kohlenstaubschicht einen ganz geringen Grad von Feuchtigkeit.
Am 27. März 1903 ließ man 2 Hauer, die als Wurmkrank befunden worden waren, in diesem Raume je einen Kothaufen auf die Sohle ablegen. Als man nach einigen Tagen nachsah, waren die Kothaufen verschwunden; sie konnten nur von Mäusen, die diese Strecke bewohnen oder passieren, aufgefressen worden sein. Da der Gedanke an eine etwaige Verschleppung von Ankylostomum-Eiern und -Larven durch die Mäuse nahe lag, so wurden 5 Mäuse in dieser Strecke in Fallen gefangen und seziert. Bei der Sektion fanden sich jedoch in den Darmwandungen keine Parasiten irgendwelcher Art, auch die mikroskopische Untersuchung des Darminhaltes ergab keine Eier oder Larven, ebenso nicht die Untersuchung einzelner Partien der Mundschleimhaut, der Schnauz- und Bauchhaare und der Füße.
Am 31. März wurden in der Station die Stuhle von 2 Wurmkranken, die nur wenige Eier enthielten, in Blechtöpfen mit Deckel aufgestellt; jeder Stuhł hatte ein ungefähres Gewicht von ½ kg. Diese Faeces waren am 11. April, wo sie wieder herausgeholt wurden, schon auf wenige Reste völlig ausgetrocknet; bei der mikroskopischen Untersuchung fand sich in den Präparaten nur eine gleichmäßige, körnig aussehende Masse, die irgend welche bestimmte Gebilde nicht mehr erkennen ließ.
Am 17. April ließ man wieder 2 Wurmkranke ihren Kot auf die Sohle der Station ablegen; man überdeckte diese Haufen dann zum Schutz gegen die Mäuse mit Drahtglocken. Am 24. April wurde ein Kothaufen von 2 kg, der aus mehreren, sehr stark eierhaltigen Stühlen zusammengesetzt und durch Zusatz von warmem Wasser zu einem dickflüssigen Brei umgewandelt war, auf der Sohle unter einer Drahthaube gelagert. Bei der Revision dieser Kothaufen am 16. Mai ergab sich, dass die ersten beiden wieder bis auf einige harte Brocken völlig eingetrocknet waren. Es wurden nun nicht allein von diesen Brocken selbst, sondern auch überall aus der näheren Umgebung von nicht über 1 m, ebenso von der inneren Wand und der Oberfläche der Drahtglocke Proben entnommen und mikroskopisch untersucht. Es waren aber in keinem einzigen Präparat Eier oder Larven zu entdecken.
Der dritte Kothaufen war auf etwa 1 ½ Pfund zusammengeschrumpft. Auch hier wurden viele Präparate, teils aus der Oberflache, teils aus der Mitte, teils am Rande des Kotes entnommen, weiterhin von dem Fuß der ihn überdeckenden Drahthaube, dann aus der näheren Umgebung, auch von dem etwas feuchten Fuß eines nahestehenden Stempels. Die Proben von letzteren Stellen ergaben bei der mikroskopischen Untersuchung nichts Besonderes; diejenigen von der stark eingetrockneten Oberflache und dem äußersten Rande des Haufens enthielten hier und da unausgebildete und in Trümmer zerfallene Ankylostomum-Eier und verschiedene, aber abgestorbene Ankylostomum-Larven. Die Proben aus der Mitte des Haufens. in der sich noch eine starke Feuchtigkeit erhalten hatte, wimmelten jedoch von Ankylostomum -Larven; ihre Bewegungen waren aber im allgemeinen langsamer, als man sie im Brutschrank zu beobachten pflegt. Immerhin zeigte sich bei der großen Masse der Larven doch eine ziemliche Anzahl abgestorben, auch das Zusetzen von warmem Wasser rief bei diesen keine Bewegung mehr hervor. Vereinzelt waren noch Ankylostomum-Eier in ihrem ursprünglichen Furchungsstadium (4— 7 Furchungskugeln), also solche, die sich nicht weiter entwickelt hatten, zu sehen.
Am 25. Juni, also nach 5 Wochen, wurden die letzten Bröckelchen von den am 17. April abgelegten Kothaufen mikroskopisch untersucht; die Präparate enthielten außer vielen Schimmelpilzfaden nur eine gleichmäßige, körnige Masse, in der sich nichts von Eiern oder Larven oder sonstigen Lebewesen fand. Dasselbe war bei dem am 24. April ausgesetzten Kot der Fall; es fanden sich zahlreiche Pilzfaden, im übrigen war der Kothaufen auf wenige harte Bröckel zusammengeschrumpft, die auch nicht die geringste Spur von Feuchtigkeit mehr erkennen ließen. In den von diesen hergestellten mikroskopischen Präparaten ließen sich im ganzen nur noch drei tote Ankylostomum-Larven nachweisen, deren Körperumrisse nur noch schwach zu erkennen waren.
Fasst man das Resultat dieser Versuche kurz zusammen, so kann man behaupten, dass in den Grubenpartien mit entsprechender Temperatur sich aus in den Kothaufen enthaltenen Ankylostomum-Eiern nur dann Larven entwickeln und dass dieselben nur so lange lebensfähig bleiben, als der Kot selbst noch einen gewissen Grad von Feuchtigkeit besitzt; dass jedoch die Larven in dem Maße absterben, wie die Feuchtigkeit des Kotes abnimmt. Die völlige Eintrocknung des Kotes geht in verhältnismäßig kurzer Zeit, in wenigen Wochen, vor sich, und damit. ist das Schicksal der Larven besiegelt, mit anderen Worten: in warmen und zugleich trockenen Grubenabschnitten ist der eierhaltige Kot ungefährlich."

Literatur

  • Lars Bluma: Der Hakenwurm an der Ruhr. Umwelt, Körper und soziale Netzwerke im Bergbau des Kaiserreichs, in: Der Anschnitt, 61, 2009, H. 5-6, S. 314-329

Weblinks


Siehe auch


Quellen

  1. Glückauf - Berg- und Hüttenmannische Wochenschrift, Essen, XXXIX. Jahrgang, 1. August 1903. S. 732. digital unter: http://delibra.bg.polsl.pl/dlibra/info?forceRequestHandlerId=true&mimetype=application/pdf&sec=false&handler=pdf&content_url=/Content/10509/no31_1903.pdf