Der "Wiesmannsche Hof" wird jetzt eingeebnet (WAZ 1953)

Aus Hün un Perdün
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Zeitschicht

Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. April 1953

Von alten Herner Bauernhöfen:

Man kann sich noch gut erinnern. So sah einst der schöne „Wiesmannsche Hof" an der Ringstraße aus. Heute ist es ein Trümmerhaufen, der bald ganz der Spitzhacke zum Opfer fällt.
Der "Wiesmannsche Hof" wird jetzt eingeebnet
Das Haus ist verfallen - In der Küche wächst Kohl - Es ist schon lange her

Wenn man über die neue Ringstraße geht, die von der Bergstraße bis zur Wiescherstraße schon fertiggestellt ist und zum Hofe Koppenberg herüberblickt, liegt dort zwischen einigen Pappeln ein Gemäuer, wo - mancher Herner erinnert sich schon gar nicht mehr daran - bis zum Kriegsende der Wiesmannshof stand. Selbst diese "historischen Fundamente" werden nur noch kurze Zeit zu sehen sein. Die Stadt wird das Grundstück einebnen lassen und dem Landwirt Koppenberg als Ersatz für seine Aecker geben, die ihm durch den geplanten Grünring verlorengehen.

Der Wiesmannsche Hof war nicht nur der älteste auf Herner Boden, als er noch stand; er unterscheidet sich von den anderen bäuerlichen Anwesen auch durch sein merkwürdiges Ende. Vielfach wird angenommen, er sei durch eine Bombe zerstört worden. Zwar fiel er dem Krieg zum Opfer, doch hatte eine Bombe nur teilweise schuld daran. Die großen Gebäude des Hofes wurden einfach nach und nach abgetragen — von denen, die die Bestandteile gebrauchen konnten. Im Jahre 1943 ging eine Bombe in der Nähe nieder, die das Gehöft teilweise beschädigte. Und wie es bei alten Gebäuden ist — die Schäden waren nicht mehr aufzuhalten. Wer ein paar hundert Ziegel brauchte, besorgte sie sich dort, ebenso wurden Balken und alles Holz fortgeschleppt. Nicht etwa auf einmal; nach und nach fielen die Gebäude zusammen, bis auf den Ziegelmauern nur ein Lehmhäufchen übrigblieb. 1946 kam die große Zeit der Schrebergärten, und nicht nur rings um den ehemaligen Hof herum wurde Gemüse angebaut, sondern auch in den Stallungen und Zimmern selber. Noch heute stehen im ehemaligen Schweinestall Erdbeerpflanzen und in der ehemaligen großen Bauernküche Kohlstrünke.

Das ist ein unrühmliches Ende für einen so großen Hof, der, wie auf dem mächtigen Schmuckbalken über der Tür stand, 1706 erbaut wurde. Seitdem wurde er ständig von den Wiesmanns bewirtschaftet, die zuerst Leibeigene der Herren von Strünkede, dann freie Bauern waren. Vor ungefähr zwanzig Jahren ging das Anwesen in das Eigentum der Stadt Herne über. Dieser „Wiesmannsche Hof" war nicht der ursprüngliche; zum ersten Male wird ein Hof solchen Namens im Märkischen Schatzbuch erwähnt, und zwar — in Sachen Steuern! Sechs Gulden waren es 1486, der damalige Höchstsatz. Das beweist die außerordentliche Wohlhabenheit dieses Hofes zu der Zeit. — Wenn er heute noch stände, würde er wohl weit mehr zahlen müssen, obgleich er bei weitem nicht mehr so groß wäre.

Der Historische Verein "Hün un Perdün" Herne e.V. veröffentlicht diesen Artikel/Text, dieses Zitat, unzensiert ggf. für das Wiki bearbeitet. Jedoch weisen wir darauf hin, dass dieser Text nur im Zusammenhang seiner Entstehungszeit zu betrachten und kritisch zu hinterfragen ist. Nach wie vor hat er aber einen lokalgeschichtlichen Wert. Als historisches Dokument stellt er einen Diskussionsbeitrag dar, der heutige Sichtweisen bestätigen oder ergänzen kann.




Quelle

Stadtarchiv Herne Dokumentensammlung: Bauernhöfe und Kotten in Herne

Siehe auch

Anmerkungen