Das alte evangelische Kinderheim an der ehemaligen Kanonierstraße in Eickel

Ev. Kinderheim an der Kanonierstraße (Hirtenstraße), 1908

„1000 Kinder haben in den 11 Jahren des Bestehens unseres Hauses bei uns Aufnahme gefunden, und wie die Not in den Familien anhält, so das Bitten um Aufnahme. Beständig sind 130-140 Kinder im Hause.“ Diese Worte finden sich auf einer Postkarte, die der damalige Pfarrer Engeling für den Vorstand des evangelischen Kinderheims in Eickel im März 1908 verfasste.

Erste Hinweise über ein Kinderheim für die Gemeinden Eickel und Wanne stammen aus den Jahren 1882/83. Zu diesem Zeitpunkt wurde das evangelische Gemeindehaus an der damaligen Bismarckstraße in Eickel (die heutige Richard-Wagner-Straße) gebaut. Dieses Gebäude diente zeitgleich als Synodal-Kinderheim, Kleinkinderschule, Missionsverein, Jünglingsverein, Jungfrauenverein sowie als Wohnung der Gemeinde und für die Schulschwestern. Außerdem befanden sich darin ein Sitzungszimmer sowie ein Saal für Kirchenfeiern. Erbaut wurde es aus Spendengeldern. Den Unterhalt bestritt man aus Mietverträgen und Zuschüssen der Kirchenkasse. Aus den genannten Geldquellen wurde das Gebäude gleich mehrfach erweitert, nämlich 1895 (Bau eines Saales) und 1898 (Anbau im vorderen Teil). Legt man die Postkarte zu Grunde, wurde das Kinderheim im Jahr 1897 eröffnet. Die offizielle Eröffnung dürfte aber bereits 1895 gewesen sein. Darauf weist zumindest ein Artikel aus der Wanner Zeitung vom 25.10.1920 hin. 1901 fanden 127 Kinder im Kinderheim eine Unterkunft.

Die damaligen Lebensumstände der Bevölkerung machten bald einen Neubau notwendig, und so wurde 1904 in der früheren Kanonierstraße (jetzt Hirtenstraße) das neue Kinderheim seiner Bestimmung übergeben. Die Not war groß und auch der Vorstand des Kinderheims hatte mit finanziellen Problemen zu kämpfen. So schrieb Pfarrer Engeling auf der bereits zitierten Postkarte weiter: „Wir wollen gerne dienen, um die Kinder vor leiblicher und sittlicher Verwahrlosung zu behüten, wir wollen die Arbeit tun. Liebe und Geduld üben, aber die nötigen Mittel müssen wir erbitten. Bei der Schuldenlast des Hauses und bei den grossen Ausgaben, die Nahrung, Kleidung, Unterricht fordern, bedürfen wir sehr der Hilfe. Im Namen dessen, der gesagt hat: „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“, bitten wir herzlich: Helft uns freundlich, dass unsere Hände gestärkt und unserer Herzen ermuntern werden zu nötigem und gesegnetem Dienst!“

Ab Mitte der 1920er Jahre nahm die Zahl der Kinder rapide ab, sodass die freigewordenen Räume für ältere Menschen genutzt wurden. Aus dem Kinderheim wurde 1930 ein Senioren- und Kinderheim. Beide Abteilungen wurden von Schwester Luise Schlotte geführt, die bereits seit 30 Jahren Leiterin des Kinderheims war. 1938 übernahm Pfarrer Stockum die Dienstgeschäfte. Im Rahmen der Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkrieges wurden die Heimkinder 1943 ins Paderborner Land evakuiert. Das Gebäude wurde durch Bombentreffer stark beschädigt. Die Kellerräume wurden jedoch noch bis 1951 als Notwohnungen genutzt. Danach wurde die Ruine wieder aufgebaut und ab 1954 diente das Haus dann nur noch als Seniorenwohnheim.

Wann und wohin die Heimkinder wieder zurückkehrten bleibt aber bis heute ein Geheimnis.

Ein Text von Horst Schröder, veröffentlicht am 16. Juni 2016 im Herner Wochenblatt.

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Quellen

Herner Wochenblatt, 16. Juni 2016

Postkarte: Stadtarchiv Herne