Das alte Amtsgericht an der Bahnhofstraße

Aus Hün un Perdün
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Gruß aus Herme mit altem Rathaus und Amtsgericht, um 1903

Wer hätte nicht schon mal bei einem Stadtbummel seine Phantasie spielen lassen und darüber nachgedacht, was sich wohl hinter den Mauern jener Häuser abspielt, an denen man gerade vorbeispaziert. Der folgende Beitrag von Manfred Hildebrandt führt uns an die Bahnhofstr. 7c, wo früher einmal das Herner Amtsgericht stand. Zwar ist diese Justizbehörde längst ins Viertel am Friedrich-Ebert-Platz umgezogen, und das Gebäude selbst hat vor einigen Jahren dem City-Center weichen müssen, aber die wechselvolle Geschichte des Hauses erschien uns so interessant, daß wir sie für die Bürgerillustrierte haben aufschreiben lassen. Den Älteren zur Erinnerung, den Jüngeren zur Kenntnis.

Herne gehörte ursprünglich zum Gerichtsbezirk Strünkede. Durch Patent vom September 1814 war in Bochum das Stadt- und Landgericht eingerichtet worden, in dessen Amtsbezirk auch Herne lag. Von 1849 schließlich bis ins Jahr 1879 waren das Kreisgericht und das Amtsgericht Bochum für Herner Rechtsstreitigkeiten in erster Instanz zuständig. Mit dem „Gesetz, betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts in Herne" vom 20. März 1889 wurde der Schlußpunkt unter jahrelange, zähe Verhandlungen gesetzt, die Hermann Schaefer, zu jener Zeit noch Amtmann in Herne, geführt hatte. Das vier Richtern als Amtssitz dienende Haus an der Bahnhofstraße wurde am 1. Oktober 1892 seiner Bestimmung übergeben. Amtsrichter August Jost und Assessor Schmitz waren die ersten Gerichts-Herren dieser neuen Instanz.

Platzmangel macht Neubau notwendig

Die Amtsgeschäfte liefen gut, und zwölf Jahre später bereits mußten aus Platzmangel weitere Räumlichkeiten in Privathäusern dazugemietet werden. Als sich herausstellte, daß man auf Dauer auch mit dieser Notlösung nicht leben konnte, trafen sich im Mai 1907 der inzwischen zum Ersten Bürgermeister avancierte Schaefer, Vertreter des Justizministeriums, des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und des Amtsgerichts mit dem Kreisbauinspektor, um über einen Neubau zu beraten. Inzwischen war nämlich klar geworden, daß wegen der geplanten Neuorganisation der Justizverwaltung und einer damit einhergehenden Erweiterung der Zuständigkeiten von Amtsgerichten auch mit einer deutlichen Stellenvermehrung zu rechnen war, und das vorhandene Gebäude endgültig aus allen Nähten platzen würde. Es sollte allerdings noch 14 Jahre dauern, bis die von Rathausbaumeister Wilhelm Kreis erbauten neuen Amtsräume am Bergelmanns Hof bezogen werden konnten.

Den Richtern folgt die Polizei

In das freigewordene Haus an der Bahnhofstraße 7c zog anschließend die Polizeiverwaltung ein. Für die Beamten baute man die ehemaligen Zellen zu Diensträumen um; im Kellergeschoß entstanden neue Zellen und Wachräume. Am 22. Juli 1922 konnte das Staats-Hochbauamt Dortmund dem Regierungspräsidenten Arnsberg berichten, daß die Umbauarbeiten erfolgreich abgeschlossen seien und „die noch auszuführenden Arbeiten das Gebäude nicht wesentlich verändern", sondern „wie die bereits ausgeführten Arbeiten einer Verbesserung der Gebäude" darstellten. Doch auch die Polizei blieb nicht lange Herr im Haus: Im Mai 1929 taten es die Polizeibeamten ihren Kollegen vom Amtsgericht gleich und zogen in einen Neubau am Behördenviertel.

Räume für die Bücherei

Nachdem der letzte Aktendeckel fortgeräumt war, stapelte die städtische Bücherei ihre Bücher in den Regalen. Seit 1912 fristete die Bücherei in den Kellerräumen des Rathauses ihr Dasein, und die Bibliothekare waren froh über den Ortswechsel, der sie samt ihren Folianten endlich ans Tageslicht brachte. Die Leser übrigens auch, wie der Herner Anzeiger einen Tag nach der Eröffnung am 15. Januar 1930 schrieb. Schon eine viertel Stunde vor Eröffnung hatte sich eine lange Schlange Lesehungriger gebildet, was die Zeitung als Beweis dafür wertete, „wie sehr die Bücherei einem Bedürfnis entspricht. Selbst von den entlegensten Grenzen der Stadt wird sie in Anspruch genommen..."

Töpferkunst im Amtsgericht

Einen Monat später erhielt die Bücherei Gesellschaft; in zwei Etagen mietete sich das städtische Museum mit seinen Sammlungen ein. Von Museumsleiter Karl Brandt inszenierte Sonderausstellungen zu Themen wie „Ruhrbesetzung" (1922/24), „Neuzeitliche Töpferkunst" (1936), „Nationaler Kitsch" (1936) sowie „Flachs und seine Bearbeitung in alter und neuer Zeit" (1936) lockten in den Folgejahren viele Besucher an. Daß das Museum im September 1938 dann doch ins Obergeschoß von Schloß Strünkede einzog, hatte neben der besseren Unterbringung einen weiteren, besonderen Grund. Unter Tagesordnungspunkt 8 hatte die Runde der Herner Dezernenten nämlich bereits zwei Jahre zuvor folgende Überlegung angestellt: „Die vier Zimmer im Haus Bahnhofstraße 7c sollen der SA Standarte 457 Herne zur Benutzung als Standartengeschäftszimmer zu einem Mietpreis von monatlich 50 RM überlassen werden...". Die Nazis hielten dann tatsächlich 1938 Einzug und machten das ehemalige Amtsgerichtsgebäude für acht Jahre zum Zentrum ihrer örtlichen Machtentfaltung. Als nunmehr sechster Mieter zog nach dem Zweiten Weltkrieg im Januar 1946 das städtische Wirtschaftsamt in die von den Nazis geräumten Räume ein. Zuvor allerdings waren wieder einmal einige Umbauarbeiten nötig, bevor in fünf großen Räumen die Arbeit aufgenommen werden konnte.

Ein Haus verschwindet

Als die ärgste Not gelindert war, kam im Februar 1950 wieder die Kultur zu ihrem Recht. Es zogen ein die Bücherei und zwei Monate später die 1948 gegründete Bücherei des deutschen Ostens. Doch auch deren Aufenthalt sollte nicht von Dauer sein. Neunzehn Jahre später, am 15. April 1969, vollzog sich der endgültig letzte Umzug an der Bahnhofstraße 7c. Die Herner Zeitung faßte es unter der Überschrift „Das alte Amtsgericht unter der Spitzhacke. Stadtsanierung hinterläßt kräftige Spuren" zusammen. Anstelle des Amtsgerichts wuchs das City-Center in die Höhe. Damals hatte man mit Denkmalschutz eben noch nicht so viel im Sinn. Heute denkt man natürlich anders darüber und saniert längst behutsam und mit Augenmaß. Für das ehemalige Amtsgericht kommt diese Einsicht zu spät, und so erinnern nur noch leicht vergilbte Fotos in den städtischen Archiven an jenes Gebäude. [1]

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Quelle

  1. Hildebrandt 1988 Herne - Unsere Stadt, 1988 S. 36-37