Damals durften sie mit dem Bauern ins Kino: Kriegsgefangene kehren zum Köllinghoff zurück (WAZ 1964)

ERINNERUNGEN AUS DEM FOTOALBUM: Frau Kölling (links) und Madame Vacandare. Neben dem ehemaligen Kriegsgefangenen (rechts) ein Freund aus alten Tagen.

Damals durften sie mit dem Bauern ins Kino: Kriegsgefangene kehren zum Köllinghof zurück

Nach 19 Jahren zu Besuch — Das Baby von 1940 bewirtschaftet elterlichen Hof

Auf den Bauernhöfen Kölling an der Germanenstraße und Stegmann im Ostbachtal wurde in den letzten Tagen viel Französisch gesprochen. Zwei Franzosen — ehemalige Kriegsgefangene — besuchten mit ihren Frauen Frau Kölling. Bei Stegmann war ein ehemaliger Zivilgefangener zu Gast. Die beiden Frauen lernten 19 Jahre nach Kriegsende die „unfreiwillige Gastgeberin" ihrer Männer kennen: Frau Kölling.

Die Wiedersehensfreude war groß — trotz der Sprachschwierigkeiten. Die Franzosen hatten ihre Deutschkenntnisse vergessen, und Frau Kölling sprach nur noch einige Brocken Französisch. Mit vielen Gesten wurden Gespräche geführt, gemeinsame Erlebnisse aus dem Gedächtnis hervorgekramt, alte Fotografien angeschaut.

Monsieur Léon Vacandare und seine Frau aus der Normandie konnten ein paar Tage länger als die Mitgefangenen in Herne bleiben. Auf ihrem Hof sieht der Sohn nach dem Rechten. Der Sohn, der geboren wurde, als der Vater den Weg nach Herne in die Gefangenschaft antrat.

„Léon hatte furchtbar viel Heimweh", erinnert sich Frau Kölling. Es fällt der Bäuerin schwer, in dem untersetzten 54jährigen Mann den Gefangenen Léon von damals wiederzuerkennen.

Im August 1940 kam Léon zu Bauer Kölling auf den Hof, der damals noch in der Nähe des Stadtgartens lag. Nach dem Krieg mußte der Bauer sich in Baukau ansiedeln. Das Gelände seines Hofes wurde für Industrieansiedlungen gebraucht.

Der Franzose, der im April 1945 wieder in seine Heimat zurückkehren konnte, fragte jetzt sofort nach „Chef Kölling". Mit ihm konnte er allerdings kein Wiedersehen mehr feiern. Er ist seit Jahren tot.

Léon kann über seine ,,Gastgeber" nur Gutes erzählen. Morgens wurden er und sein Mitgefangener René ab und zu um vier Uhr geweckt. Allerdings nicht, um zu arbeiten. Bauer Kölling ließ sie Nachrichten hören — aus Frank-reich.

Junge Polin jahrelang verborgen

An anderen Tagen nahm er seine Gefangenen mit in die Stadt. Sie trugen Zivil und begleiteten ihn ins Kino. Alles Dinge, die verboten waren. „Man konnte schon allerhand machen", erzählt Frau Kölling. „Aber auffallen durfte man nicht!"

Das Ehepaar Kölling tat noch andere Dinge, bei denen es nicht auffallen durfte: Während des Krieges entdeckte Frau Kölling bei einem abendlichen Spaziergang ein junges Mädchen, das sich auf dem Friedhof versteckt hielt. Die Hunde der Bäuerin hatten das Mädchen verbellt.

Auf die Frage, was es denn hier treibe, antwortete es auf polnisch. Es stellte sich heraus, daß die junge Polin in Herne von einem Gefangenentransport gesprungen war. Sie hatte gehofft, hier einen Verwandten zu treffen.

Die Eheleute Kölling nahmen die Polin auf. Ohne Papiere. Niemand durfte etwas davon erfahren. Daher gaben sie in der ersten Zeit an, daß das Mädchen taubstumm sei.

Später erzählten sie, die Polin sei Fremdarbeiterin. Nach dem Krieg konnte sie gefahrlos in die Heimat zurückkehren. Noch heute schreibt sie Frau Kölling.

Ihr sehnlichster Wunsch: Sie möchte einmal wieder nach Deutschland. Aus der Erfüllung des Wunsches wird wahrscheinlich nichts. Die junge Polin von damals ist heute Mutter von fünf Kindern.

Siehe auch

Quellen

  • Stadtarchiv Herne: Ordner Bauernhöfe und Kotten in Herne.