Cranger Kirmes


Wolfgang Berke

Treibjagd, Pferdemarkt und Hechtkirmes

Eigentlich passt die Cranger Kirmes auch gut in das Kapitel der Rekorde: Sie ist, gemessen an den Aussteller- und Besucherzahlen, die größte Kirmes in NRW und nach dem Münchener Oktoberfest die zweitgrößte Deutschlands. Gleichzeitig dürfte die Cranger Kirmes auch das älteste Volksfest Deutschlands sein: Während der Hamburger Dom gerade mal 110 Jahre alt ist und die Münchener auf knapp 200 Jahre Wies’n zurückblicken können, geht der Ursprung unserer Kirmes viel weiter zurück. Bereits zum 568. Mal soll im Jahr 2003 die Cranger Kirmes stattfinden. Was eine ausgesprochen kühne Zeitrechnung ist, die sich obendrein auf die merkwürdige Geschichtsschreibung der Nazis stützt und vergisst, dass in einigen Kriegsjahren kein Rummel stattgefunden hat. Aber immerhin: Crange ist alt, verdammt alt.

Pferdemarkt, mitte-rechts im Hintergrund die Cranger Mühle, 1907

Schon im Mittelalter wurden im Emscherbruch Wildpferde gefangen, die dann bei Crange am Laurentiustag (10. August) versteigert wurden. Die zähen Emscherbrücher Dickköppe hatten einen guten Ruf, da sie hervorragend als Nutztiere einsetzbar waren, und so zog der Cranger Pferdemarkt etliche Interessenten von nah und fern an. Nachdem die Wildpferde 1825 praktisch ausgerottet waren, trat an die Stelle der Treibjagd mit anschließender Versteigerung ein ganz normaler Pferdemarkt.

Haus Crange, um 1900

Das Haus Crange wird erstmals urkundlich 1441 erwähnt – also nimmt man ohne gesicherten Beleg einfach an, dass zu diesem Zeitpunkt bereits Pferde in Crange feilgeboten wurden. Die Nazis bogen sich die Geschichte noch weiter zurecht. Im Bestreben, der Bevölkerung stets etwas Fulminantes zu präsentieren, beschlossen sie im Jahr 1935, dass die Ursprünge der Kirmes exakt 500 Jahre zurücklägen. Fertig war die Zeitrechnung, die auch heute noch gilt.

Andere Quellen, die noch verfügbar sind, relativieren die gängige Kirmes-Geschichtsschreibung. So hat die Kirmes mitnichten immer am oder um den Laurentiustag stattgefunden. Manchmal wurde in Crange auch erst eine Woche später gefeiert, wie alten Tageszeitungen zu entnehmen ist.

Schweinemarkt, 1925

Im 19. Jahrhundert und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war die Cranger Kirmes als Hechtkirmes bekannt und beliebt. Zahlreiche Besucher ließen sich an langen, im Freien aufgestellten Tischen für kleines Geld Hechte und andere leckere Fische schmecken, die man kurz zuvor aus der Emscher gezogen hatte. Über eine lange Zeit fand dieses Fischessen bei Garthmann, ansonsten am Schloss Crange statt. Mit dem Verschwinden des Fischbestandes in der Emscher wurde aus der Hechtkirmes die Cranger Kirmes.

Cranger Kirmes, um 1930

Bis in die 1930er Jahre war die Cranger Kirmes eine reine Dorfkirmes mit überwiegend selbst gebauten Buden und Ständen. Die wenigen Schausteller von außerhalb betrieben ihre Karussells anfangs mit Dampf, elektrisches Licht löste die Gas- und Karbidlampen erst 1909 ab.

Ein Festzelt soll es aber auch vor 100 Jahren schon gegeben haben. Anfangs dauerte die Kirmes nur ein Wochenende. Im Jahr 1946 feierte man zum ersten Mal fünf Tage in Crange. Die Verlängerung auf zehn Tage, so wie wir es heute gewohnt sind (seit 2017 auf 11 Tage erhöht), ist eine Erfindung aus dem Jahr 1973. 1975 sorgte die Ankündigung, dass die Cranger Kirmes erstmals in Herne stattfindet, für Verwirrung bei auswärtigen Besuchern. 1985 entdeckte man das Plattdeutsch wieder und erfand das Kirmesmotto „Piel op no Crange“.

Wenn wir sie nicht hätten, müsste man sie erfinden

Zehn Tage im Jahr ist Wanne-Eickel der Nabel der Welt. Na ja, fast! Schließlich gibt es immer im August und immer in Crange den größten Rummel weit und breit. In Deutschland ist uns nur noch das Münchener Oktoberfest über. Aber das dauert ja auch länger und das Gelände der Wies’n ist fünfmal so groß wie der Festplatz auf Crange. Weit über 400 Betriebe muss uns auch erst mal jemand nachmachen (okay ihr Münchener, ihr habt noch ein paar mehr – aber sonst?). Einen ganzen Tag auf Crange zu verbringen ohne eine Minute Langeweile zu haben, ist absolut kein Kunststück - es kostet nur ein kleines Vermögen. Aber man muss ja auch nicht jedes Fahrgeschäft ausprobieren und an jedem Pavillon ein Bier trinken. Die Cranger Kirmes macht auch viel Spaß, wenn man nur bummelt und guckt.

An jedem ersten Freitag im August beginnt Crange-Time. Zehn Tage lang leben dann die Anwohner in einer Art Ausnahmezustand. Zartbesaitete fahren weit weg in den Urlaub oder quartieren sich bei Freunden außerhalb Cranges ein. Wer bleibt, muss hart im Nehmen sein: Wildfremde Menschen parken im Vorgarten, riesige Buden verdunkeln das Wohnzimmerfenster, permanenter Lärm und intensive Gerüche dringen durch jede Ritze und gelegentlich liegt auch mal eine Person im Hauseingang, die dort definitiv nicht hingehört.

Alle anderen Wanne-Eickeler lieben es, auf Crange zu gehen. Zehn Tage lang Party (wenn man will), trotzdem zu Hause, ganz viel Besuch von außerhalb, sogar das Fernsehen ist ab und zu dabei. Jeden Tag strömen über 400.000 Besucher nach Wanne-Eickel, Zehntausende von Autos drängen in den ansonsten eher verschlafenen Norden Wanne-Eickels, und wenn’s der Polizei zu viele werden, macht sie kurzerhand eine Autobahnabfahrt dicht.

Natürlich wollen auch möglichst alle Schausteller nach Crange, und alle Gastronomen aus der näheren Umgebung sowieso. Was natürlich nicht geht, denn viel mehr als 450 Schau-, Aus- und Aufsteller passen nun mal nicht auf den Platz. Früher hatte die Firma Schwing immer noch etwas von ihrem Areal abgegeben, heute frisst sich die Kirmes weiter nach Westen, wofür mehr und mehr Teile des Sandbergs am Kanal abgetragen wurden.

Trotzdem reicht der Platz bei weitem nicht, also muss er verteilt werden. Das ist die große Stunde der Kirmes-Sheriffs. Unter dieser Bezeichnung kennt man seit Jahren die Ordnungsamtsleiter, die für die Platzvergabe verantwortlich sind und den ordnungsgemäßen Verlauf der Kirmes überwachen. Sie entscheiden, wer auf den Platz darf und wer nicht. Mit einem komplizierten Bewertungssystem prüfen sie die Crange-Tauglichkeit der Bewerber. Attraktionen und Neuigkeiten bekommen ebenso Pluspunkte wie Tradition oder Originalität eines Fahrgeschäfts oder eines Standes. Bei einem Dreifachlooping fällt die Entscheidung naturgemäß leichter als bei einer Losbude oder einem Bierstand.

Selbstverständlich sind die Kirmes-Sheriffs wie ihre großen Vorbilder im Western stets unparteiisch und unbestechlich. Ein Bösewicht, wer anderes behauptet! Die abgewiesenen Schausteller protestieren natürlich jedes Jahr, sprechen von Machenschaften oder gar Betrug, ziehen oft vor Gericht und dabei meist den Kürzeren. Die Lokalpresse berichtet regelmäßig darüber, und bisweilen haben die Scharmützel auch echten Unterhaltungswert. Zum Beispiel, wenn ein alteingesessener Wanne-Eickeler Gastwirt seinen Stammplatz und auch sonst keinen auf der Kirmes mehr bekommt, weil sein Bierstand eben so aussieht wie die meisten anderen Bierstände auch. Woraufhin der Wirt einen Mini-Förderturm basteln lässt, den er sich auf das Dach seines Pavillons montiert. Und zack ist er wieder dabei auf Crange. Weil originell.

Jeder junge Wanne-Eickeler durchlebt mehrere Kirmes-Phasen. Da ist zuerst mal die an der Hand der Eltern. Mit Karussellfahren, Losbuden, Ponyreiten, jeder Menge Pommes, Eis und Zuckerwatte. Leuchtende Augen, Stofftier (kostete Papa mehr als 50 Lose), verkorkster Magen, schwere Übelkeit.

Dann kommt der erste Kirmesbesuch ohne Erziehungs- und Aufsichtspersonal, meist mit Klassenkameraden oder Kumpels aus dem Viertel. Mit Schießbuden und allen rasanten Fahrgeschäften, jeder Menge Pommes, Eis und Cola, Schlüsselanhänger, Billigmesser. Leeres Portemonnaie, rebellierender Magen, Gleichgewichtsstörungen.

Reift die Wanne-Eickeler Jugend heran, erweitert sich der Kirmesbesuch auf eine zehntägige Präsenz. Mit sehr viel Rumstehen am Autoscooter (früher an der Raupe), nur noch den härtesten Fahrgeschäften, jeder Menge Pizza, Currywurst, Zigaretten und den Wesen vom anderen Geschlecht. Magenkrämpfe, Herzflimmern, Schwindelgefühl.

Hat der Wanne-Eickeler die Adoleszenz abgeschlossen, zieht es ihn vornehmlich an den Wochenenden nach Crange. Über den Platz schlendern, Fahrgeschäfte gucken, sehr ausgiebiges Rumstehen am Bierstand. Fischbrötchen, Spießbraten, sehr viel Bier – schwere Übelkeit, erhebliche Gleichgewichtsstörungen.

Während die ersten drei Gruppen noch recht einfach für Neues zu begeistern sind, legt die vierte Gruppe Wert auf Konstanz, Verlässlichkeit und am liebsten noch auf eine feste Adresse. Seit Mitte der 1980er Jahre heißt diese Steinmeisters Bierpavillon. Genau genommen sind es mindestens ein halbes Dutzend Pavillons, die zu einer kleinen Bierstand-Stadt aufgebaut werden. Damit hat Bernd Steinmeister in der Addition eindeutig die längste Theke Wanne-Eickels. Und die braucht es auch, denn spätestens ab 22 Uhr sind hier alle versammelt, die zur Szene gehören. Oder vor 30 Jahren gehörten.

Hier trifft man garantiert alle, die jedes Jahr hier stehen, die immer schon hier standen, oder diejenigen, die nur einmal im Jahr nach Wanne-Eickel kommen und vermehrt auch die eigenen Töchter und Söhne. Sofern man in den 1940er, 50er oder 60er Jahren geboren wurde. Sofern man zur Generation der 1980er oder 90er gehört, muss man natürlich damit rechnen, seine Eltern hier zu treffen. Steinmeister ist Kult, obwohl hier eigentlich nichts Besonderes passiert. Das Programm sind die Gäste selbst, und das macht mindestens ebenso viel Spaß wie die Fahrgeschäfte.

Bevor es Steinmeisters Bierpavillon gab, waren mehrere Jahre lang die Hülsmannfässer der zentrale Anlaufpunkt. Sie wurden bei weitem nicht so geliebt und lagen ungünstig in der Einflugschneise an der Dorstener Straße. Vor dem Intermezzo bei den Fässern gab es in den 1960er und 70er Jahren Lahnstein. Der Bierstand der Lahnsteins lag strategisch äußerst günstig neben dem Bayernzelt (Toilettenwagen nahe bei), war ein echter Familienbetrieb und hatte immerhin auch zwei Pavillons und einen kleinen Biergarten.

Wer nach 21 Uhr kam, musste sein Bier in der zweiten oder dritten Reihe trinken, wer zum Pinkeln raus musste, hatte das gleiche Problem. In der Regel mussten die Lahnsteins wegen der frühen Sperrstunde die Zapfhähne hochstellen, während am Stand noch die Hölle los war. Diese setzte sich daraufhin zum Wanner Markt in Bewegung, um im Monopol weiterzumachen. Heute gibt's kein Monopol mehr, was zumindest während der Kirmeszeit nicht tragisch ist, da man bis in die frühen Morgenstunden ja bei Steinmeister abhängen kann.


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Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2002

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