Cowboy und Indianer

Gelangweilt hockte ich auf den grauen, ausgetretenen Betonstufen, die in unser Haus an der Goethestraße führten. Keiner meiner Spiel- oder Schulkameraden ließ sich an diesem Nachmittag auf dem Hof hinter den grauverputzten Häusern blicken. Zurück in die Wohnung wollte ich nicht, denn dort würde mir Mutter bestimmt wieder eine der ungeliebten Aufgabe zuteilen. Daher saß ich missmutig auf der ersten Stufe und schaute in Richtung Nachbarhaus. Auf einmal tauchte mein Bruder Walter auf, in der linken Hand trug er Einkaufsnetz, das ich gut kannte. Es gehörte Frau Bitterberg, die sich die im Erdgeschoss befindliche Wohnung, bestehend aus zwei kleinen Zimmern, mit ihrer Tochter Marlies teilte. Ihre Tochter arbeitete als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft an der Altenhöfener Straße im Schatten der Herz-Jesu-Kirche.

„Warst aber lange weg“, empfing ich meinen Bruder, der das Netz, in dem sich einige Lebensmittel befanden, von der linken in die rechte Hand wechselte. Der Griff des Netzes hinterließ einen Striemen in der Handfläche.

Frau Bitterberg, ein gemütliche, ältere Frau, die einen geblümten Kittel trug, riss das Fenster auf und schaute uns an. „Na, alles besorgt. Hast du auch an meine Zigaretten gedacht?“

Walter nickte, stieg die beidem Stufen hinauf und verschwand in der grünen Haustüre. Die Nachbarin lachte mich an: „Nächstes mal gehst du wieder“. Ich stimmte zu. Ein Kopfnicken genügte. Die „Dicke Bitterberg“, wie wie unsere Nachbarin auch heimlich nannten, schloss das Fenster.

Weil Frau Bitterberg nicht gerne einkaufen ging, betraute sie oft uns Kinder mit dieser Aufgabe. Und diese Gänge wurden mit 20 Pfennig oder mit Süßigkeiten belohnt, daher spielten wir oft und gerne unter dem Küchenfenster unserer Nachbarin. Diesmal hatte leider den Zeitpunkt verpasst und mein Bruder Walter kam in den Genuss eines bezahlten Einkaufganges. Knapp drei Minuten später stand Walter wieder auf dem Hof. Er lächelte mich an. Ließ ein Zehn-Pfennig-Stück in die rechte Hosentasche rutschen, mit der linken Hand klopfte er auf die linke Tasche seiner Lederhose. Er griente dabei hämisch. Ich wusste es längst: Die Dicke Bitterberg hatte Walter nicht nur mit einem Zehner, sondern auch mit Süßigkeiten abgespeist.

Unsere Nachbarin riss erneut das Fenster auf, legte ein Kissen auf die innenliegende Fensterbank und drapierte ihren mächtigen Busen darauf, während sie sich gleichzeitig eine Zigarette anzündete.

„Na Jungs, alles klar“, fragte sie und zog voller Inbrunst an der Filterzigarette.

Wir nickten. Ich ergriff als der Ältere schließlich das Wort. „Ist heute nicht viel los, wollten eigentlich Cowboy und Indianer auf dem alten Friedhof und der Pferdewiese spielen“.

Die Dicke lachte: „Cowboy und Indianer. Und dat in Herne. Klasse. Ihr habt doch keine Gäule.“

Sie lachte glucksend. Ich zog meinen Bruder am Arm aus dem Sichtfeld des Fensters. „Komm, Abmarsch“. Walter folgte mir wortlos.

Unterwegs schmiedeten wir dann Angriffs- und Verteidigungspläne. „Lass` uns Bögen bauen. Auf dem Friedhof gibt es ja genug geeignete Sträucher“, sagte ich, während wir die Mont-Cenis-Straße erreicht hatten. Gegenüber dem Haus Clement sprangen wir über die Abgrenzungsmauer und verschwanden in dem parkähnlichen Friedhof.

Hier kannten wir uns bestens aus. Der hintere Teil, der an die Gärten zwischen Pferdewiese/Ostbach und Schillerstraße und Schlagenkamp grenzte, war unsere Prärie. Pfeil und Bogen herzustellen war für uns eine Kleinigkeit. Entsprechendes Werkzeug und Material führte ich immer zum Leidwesen meiner Mutter damals in den Hosentaschen mit. Nach einer Viertelstunde hatten wir es geschafft – die ersten Pfeile sausten durch die Herner Nachmittagsluft.

Aber wo blieben die Feinde? Keine Angreifer von der nahen Schillerstraße in Sicht. Alles ruhig auf unserer Prärie. Nur ein paar ältere Frauen und Männer hantierten, ohne von uns Notiz zu nehmen, in den unzähligen „wilden“ Gartenparzellen.

Ich hatte eine Idee. „Komm, wir schleichen uns an. Wer den anderen zuerst sieht, darf ihn gefangennehmen“. Walter stimmte missmutig zu, denn Anschleichen war nicht sein Ding. „Alles klar?“ fragte ich ohne die Antwort meines jüngeren Bruders abzuwarten und verschwand hinter einem mächtigen Holunderbusch. Walter schaute sich ein wenig ängstlich um, den Bogen mit dem eingelegten Pfeil hielt er dabei in Brusthöhe. Ich schlich weiter, und wartete geduldig. Meinen Bruder beobachtete ich eine Weile durch das schützende Busch- und Blätterwerk, dann marschierte er aber langsam los. Ich hinterher, tauschte jedoch plötzlich hinter ihm auf.

„Was suchst du in meinen Jagdrevier?“ fauchte ich. Mein Bruder drehte sich um, lies Pfeil und Bogen fallen. Ich grinste hämisch. „Du bist mein Gefangener, ab an den Marterpfahl“. Dabei zeigte ich auf einen Baum, der in der Nähe eines Gehweges stand. „Ich soll was ..“ stammelte Walter.

„Mach schon roter Bruder..“

Mein brüderlicher Gefangener lehnte sich mit dem Rücken an den Baum, ich kramte ein Stück Schnur aus der Hosentasche und fesselte ihn. Dann setzte ich mich nach Indianerart ein paar Meter von ihm entfernt auf den Boden.

„Du bist ein schlechter Krieger, du hast eine Strafe verdient.“ Ich erhob mich und ging schnurstracks auf meinen gefesselten Bruder zu, zog siegessicher aus seiner linken Hosentasche das „Objekt meiner Begierde“ hervor: Eine halbe Tafel Vollmilch-Nuss-Schokolade.

„Die gehört mir“, jammerte mein Bruder, er senkte schnell verschämt den Kopf. „Na gut, nimmt dir schon ein Stücksen.“

Ich ging zurück an den Platz, wo mein Bogen mit eingelegten Pfeil lag, der in Richtung Marterpfahl zeigte. Wortlos aber mit viel Pathos, so wie wir es in entsprechenden Hollywood-Schinken gesehen hatten, hockte ich mich erneut nieder und verzehrte mit großen Genuss die Vollmilch-Nuss. Meinem Bruder rannen die Tränen übers Gesicht. „Indianerehre. Du hast dem Spiel doch zugestimmt. Und dem Sieger gehört nun mal die Beute.“

Der Gefesselte nickte und lächelte. „Jau, du bist der bessere Indianer“.

Später, auf dem gemeinsamen Nachhauseweg, fühlte ich mich plötzlich schlecht. Ich hielt mir den Bauch: „Scheiß Schokolade“, sagte ich leise. Mein Bruder lachte hämisch: „Das kommt davon, wenn man ne halbe Vollmich-Nuss alleine frisst. Aber, ein Indianer kennt doch keinen Schmerz“.

Er lief voran, ich kam nicht hinterher, denn die Bauchschmerzen setzten mir arg zu.

Am anderen Tag war alles vergessen, wir gingen nun gemeinsam zum Pöhlen auf die Pferdewiese. Auch diesmal wählten wir den Weg über den Friedhof, vorbei an dem Baum, der mir als Marterpfahl diente. Diesen Baum gibt es übrigens noch heute in der Grünanlage. Nur er ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte dicker und mächtiger geworden. Ein echtes Park-Prachtstück. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel