Blaue Weihnachten

Aus Hün un Perdün
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Heiligabend. Werner hockte in der kleinen Kammer, einem Zimmer im ersten Stock des Bergmannshauses in Horsthausen, er saß auf der schmalen Fensterbank und schaute hinunter in den Garten. Dahinter, nur einige Meter vom Fenster entfernt, stand bereits das nächste Gebäude. Doch nichts rührte sich, es war Heiligabend. Da versammelten sich die Familien in der warmen Wohnstuben und warteten auf das Christkind — die Bescherung. Werner, der 13-Jährige, grinste hämisch: „Christkind“.

Aber immerhin konnte er mit einem Geschenk rechnen. Unten in der Wohnstube, die von einen Kaminofen, der aus braunen, glänzenden Kacheln bestand, dominiert wurde, herrschte noch rege Betriebsamkeit, denn der Tannenbaum musste noch geschmückt werden. Doch das Schmücken zog sich wie immer hin. Werner, der Sohn des Bergmannes Heinz, musste sich in Geduld üben, lustlos blätterte er daher in seiner Auswahl alter Comics, wie „Prinz Eisenherz“ und „Akim, der Held aus dem Dschungel“. Der Junge wartete ungeduldig auf das alles erlösende Klingelzeichen und die Erkennungsmelodie, die aber wie immer von einer schwarzen Scheibe kam. Aber im Wohnzimmer „kämpfte“ währenddessen Werners Vater mit den letzten Christbaumkugeln, Mutter Else stand immer noch in der geblümten Kittelschürze in der Nähe und probiert den Aufgesetzten. „Heinz, der schmeckt aber“.

Ungeduldig drehte sich Heinz auf der kurzen Leiter um und blickte seine Frau an. „Sitzen die Kugeln richtig, reiche mir doch bitte mal das Lametta“.

Else nickte, stellte das Likörglas ab und suchte in einem alten Schuhkarton, der sonst auf dem Schrank des Schlafzimmers stand, die feinen Silberstreifen heraus. Wortlos übergab sie ihrem Mann eine „Handvoll Silber“, dann griff sie erneut in den Karton, darin befanden sich einst ihre guten Pömps, die sie vor drei Jahren mal im Schuhhaus Köller erworben hatte, und zog die silberne Tannenbaumspitze hervor.

Ihr Mann schüttelte den Kopf: „Else, einen Moment noch“.

Auf dem Tisch lagen eingepackt in beigefarbenem Papier mit Weihnachtsmustern die Geschenke: ein neues Oberhemd für Heinz, eine paar schicke Nylons für Else, dazu ein Kasten Pralinen. Auch Werners Geschenk lag hier, es sollte die Überraschung des Jahres 1958 sein.

In der Küche, in einem großen Bräter, der auf dem „Herner-Herd“ stand, schmorte bereits ein Kaninchenbraten. Der Braten verbreitete einen köstlichen Duft in der Wohnung. Else verschwand in dem kleinen Badezimmer und zog sich um, währenddessen hatte der Hausherr den Baum zu Ende geschmückte. Minutenlang stand er vor der rund zwei Meter hohen Tanne und beäugte sie fachmännisch.

„Else, können wir“, rief er plötzlich, seine Frau hatte sich inzwischen umgezogen und nickte Heinz zu. Werners Mutter platzierte noch schnell die Geschenke unter dem Baum, an dem einige weiße Kerzen darauf warteten, angezündet zu werden. Endlich erklang im Hausflur das Glöckchen: Bimm, bimm, bimm“.

Werner warf das Comicheft schwungvoll auf sein Bett und stürzte zur Tür, riss sie auf. Nun erklang auch das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ — Eine alte Schellackplatte, das wusste Werner drehte sich auf dem Plattenteller in einem modernen Phonoschrank, auf den seine Eltern ganz besonders stolz waren.

Werner stürmte ins Wohnzimmer, blieb sekundenlang vor dem Baum stehen und suchte nach seinem Geschenk. Er bückte sich, hob es auf und umarmte seine Mutter, dann seinen Vater. Dann riss er das Papier auf, ließ es achtlos auf den Boden fallen. Zum Vorschein kam ein „Blaumann“, ein blauer Arbeitsanzug, so wie sein Vater auf dem Bergwerk trug. Der Junge lächelte ein wenig, und blickte seinen Vater an. „Ist aber noch nicht alles“. Mit einem Lächeln gab er seinem Sohn einen Briefumschlag. „Sieh nach,“ warf Else ein. Der Junge öffnete den Umschlag, ein mehrseitiges Schriftstück kam zum Vorschein: Ein Lehrvertrag der Zeche Friedrich der Große.

„Unterschrieben von mir und Piepenfritz-Ausbildungsleiter Dr. Scharberg,“ warf Bergmann Heinz nicht ohne Stolz ein.

„Prima,“ meinte Werner und rannte, das Geschenk unter dem rechten Arm geklemmt, aus dem Raum, wo immer noch der Kinderchor das bekannte Weihnachtslied auf Schellack sang. Else und Heinz sahen sich ratlos an, dann ein Poltern, Werner stand wieder im Wohnzimmer, er trug den Blaumann und hatte seine alte, dunkelblaue Skimütze auf. Der Bergmann lächelte verschmitzt: „Dienstag, wenn die Feiertage vorbei sind, nehme ich die mal mit zum Pütt. Versprochen“.

So kam es auch, so marschierten an diesem Morgen Werner und sein Vater zum Pütt, aber Werner konnte nur einen kurzen Blick in die Kaue werfen, dann musste er wieder zurück, während sein Vater längst in Richtung Hängebank zur morgendlichen Seilfahrt unterwegs war. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel