Bildbeschaffung

„Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte“ – eine alte Weisheit, vor allem im Zeitungsgewerbe. In meiner langen journalistischen Laufbahn musste ich mich auch mit dieser Thematik auseinandersetzen, denn will man einen Bericht – eine Zeitung – gut verkaufen, muss und sollte sie auch gut bebildert sein. Neben den einst festangestellten Fotojournalisten/Fotoredakteuren kann die Medienlandschaft auf Fotos, zurückgreifen, die ihnen Agenturen liefern. Aber auch freie Mitarbeiter bieten sehr oft den Zeitungen ihre Arbeit an. Sie sind für die Mantelredaktionen oder Lokalredaktionen im Einsatz. In den 1960er bis in die späten 1990er-Jahre, als sich die Medienlandschaft im Revier stark veränderte, gab es in jeder Stadt, jedem Kreis oder in der Region einen (oder auch mehrere) freien Fotojournalisten, der die jeweiligen Redaktionen mit aktuellem Bildmaterial unterstützte.

Ich gehörte ab Ende der 1960er-Jahre auch dazu. In dieser Zeit war ich bis zu meiner Festanstellung im Jahre 1973 als Fotojournalist zwischen Castrop und Mülheim im Einsatz. Und manchmal wurde ich auch gebeten, Bilder von außergewöhnlichen Ereignissen, wie Flugabstürzen, Mordfällen oder ähnliches zu besorgen. Eine heikle Aufgabe. An einen Fall, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte, erinnere ich mich noch ganz genau: An den Absturz einer Beachcraft King Air 90 am 22. Januar 1971. Es war eine Flugzeug, das der Wanne-Eickeler Firma Heitkamp gehörte.

Als ich vom Absturz des Sechssitzers hörte, fuhr ich in die Redaktion der Ruhr Nachrichten an der Bebelstraße. In der anschließenden Konferenz wurden auch die Namen der Toten genannt: Oberbürgermeister Erwin Topp aus Wattenscheid, Oberstadtdirektor Georg Schmitz, Baurat Kurt Wille, Heitkamp-Prokurist Josef Peckelsen und die Piloten Alfred Krummlauf und Rolf Brennholt.

„Den kenne ich“, sagte ich in der Kurzkonferenz. Redaktionsleiter Heinz Kurtzbach fragte daher nach einem Foto des Herners. Ich verneinte, versprach aber, es zu besorgen. Heitkamp-Pilot Brennholt wohnte damals auf der Schillerstraße, manchmal, wenn er von einem Flug mit seinen Chefs zurückkam, kehrte er gerne noch auf einen „Absacker“ ins Goethe-Eck ein. So kamen wir damals ins Gespräch. Es war, wie man im Revier so sagt, eine Thekenbekanntschaft. Ich fuhr als an diesem Nachmittag in die Schillerstraße, klingelte traf aber niemanden an. Eigentlich war ich erleichtert, denn in so einer Situation jemanden um ein Foto zu bitten, fiel mir schwer.

Was war an diesem Januarnachmittag geschehen? Der Herner Flieger mit er Kennung D-ILTU befand sich auf dem Flug von Frankfurt nach Fritzlar. Die Wattenscheider Stadtspitze hatte sich zuvor in Begleitung von Josef Peckelsen über den Stand der Bauarbeiten an der dortigen Stadtbahn informieren lassen. Später stellte sich heraus, dass die Maschine in Dörgesberg am 798 Meter hohen Altkönig in einer Wolkenbank vermutlich die Orientierung verlor und gegen den Berg knallte, wo sie zerschellte. Später errichtete man an dieser Stelle einen Gedenkstein.

Jahre später kam ich in eine ähnliche Bildbeschaffungssituation. In Gelsenkirchen war ein „schwerer Junge“ der Polizei ins Netz gegangen. Die Redaktion der Bild-Zeitung aus Essen fragte bei mir nach entsprechendem Material an, musste aber wieder passen. Doch der zuständige Redakteur in Essen, ein langjähriger Herner Freund, hatte eine Idee. Wir trafen uns später vor dem Haus des Verhafteten, einem jungem Mann. Als wir um ein Passfoto baten, lehnte die Mutter des Inhaftierten zunächst ab. Doch mein Freund ließ nicht locker: „Dann veröffentlichen wir das Foto, dass bei der Verhaftung entstand. Es zeigt ihren Sohn, wie er in Handschellen von der Polizei abgeführt wird“. Das saß. Ein paar Minuten später hockten wir erleichtert und lachend in unseren Fahrzeugen, denn die angedrohten Verhaftungsfotos existierten nämlich nicht. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel