Belagerungszustand über Herne und Wanne-Eickel

Aus Hün un Perdün
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von Norbert Arndt

Am 15. Januar 1923 besetzen französischer Truppen unsere Stadt

Zum Jahreswechsel 1922/23 haben die arbeitenden Menschen in Herne und Wanne-Eickel die Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage und Lebensumstände. Die Novemberrevolution von 1918 hatte zwar die Hohenzollern-Monarchie hinweggefegt und wichtige politische und soziale Fortschritte gebracht. Im März 1920 war es gelungen, in einem bis dahin beispiellosen aber auch opferreichen Generalstreik die Weimarer Republik erfolgreich gegen putschende Generale und reaktionäre Politiker von rechts zu verteidigen. Gleichwohl sind - wenn auch von immer wieder aufflammenden Unruhen und Streikbewegungen begleitet – die alten Besitz- und Machtverhältnisse dabei, sich wieder zu etablieren. Im November 1922 war mit Wilhelm Cuno ein Mann der Wirtschaft Reichskanzler geworden. Die Regierungspolitik entwickelte sich deutlich nach rechts und zielte auf eine Machtprobe mit Frankreich. Die Lebenslage der Bevölkerung verschlechtert sich angesichts der galoppierenden Inflation von Tag zu Tag.

Das Deutsche Reich befindet sich nach der Niederlage im 1. Weltkrieg mit den im Versailler Vertrag zu zahlenden Reparationslieferungen an Frankreich im Rückstand. Der Versailler Vertrag hatte das Deutsche Reich als Urheber des Weltkrieges für alle entstandenen Schäden haftbar gemacht und zu Wiedergutmachungsleistungen verpflichtet. Die Reichsregierung lehnt die Forderungen der Alliierten als unerfüllbar ab. Französische und belgische Truppen besetzen daraufhin am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet. Noch am gleichen Tag wird über das besetzte Gebiet der Belagerungszustand verhängt.

Sicherung der Reparationsleistungen – passiver Widerstand

Ziel des Einmarsches ist es, Lieferungen von Kohle und Stahl aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich zu sichern. Die französische Regierung lässt dazu Schachtanlagen und Hüttenwerke durch Militär besetzen. Für die Besatzungszone zwischen Ruhr und Emscher werden besondere Pass- und Einreisebestimmungen erlassen.

Die Arbeiterschaft im Revier befolgt den Aufruf der Regierung unter Reichskanzler Cuno und reagiert auf den Einmarsch mit passivem Widerstand. So fahren die Bergleute zwar in die Gruben ein, fördern aber keine Kohle zu Tage. Vereinzelt kommt es zu Sabotageanschlägen. Im Rhein-Herne-Kanal werden Kohleschlepper versenkt, Schienen werden demoliert und Güterzüge zum Entgleisen gebracht. Die Reichsregierung will zwar die Protestbewegung für ihre außenpolitischen Ziele instrumentalisieren, zugleich fordert sie aber – wie es verschleiernd heißt – die „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.“

ieder für einen Augenblick im Besitz der politischen Macht

Während der Unruhen übernehmen die Arbeiter in einigen Revierstädten wie schon 1918 und 1920 wieder für einen kurzen historischen Augenblick die politische Macht, entwaffnen die Sicherheitsorgane und stellen proletarische Hundertschaften auf. Ihr Kampf richtet sich nicht nur gegen die ausländischen Besatzer sondern zugleich gegen die Herrschenden im eigenen Land.

15. Januar 1923: Herne und Wanne-Eickel werden besetzt

Am 15. Januar 1923 marschieren Truppen in Herne, Sodingen, Wanne und Eickel ein. Neben Kanonen und Panzerfahrzeugen führen sie wie im Krieg Feldküchen, Munitions- und Lazarettwagen mit sich. Die Truppen werden in Gasthäusern und Schulen einquartiert, die mit Stacheldrahtzäunen gegen Angriffe gesichert werden. Eine Kommandantur der französischen Armee wird in der Brockhoffschen Wirtschaft in Crange eingerichtet.

Wachsende Verarmung der Einen …

Plakate in deutscher und französischer Sprache verkünden der Bevölkerung eine Ausgangssperre zwischen 19.00 Uhr abends und 7.00 Uhr morgens. Zunehmende Arbeitslosigkeit und die uferlose Inflation steigern die Not der Bevölkerung. Unternehmer und Spekulanten legen ihr Bargeld in Sachwerten an und erwerben große Besitztümer. Demgegenüber verlieren kleine Sparguthaben des Mittelstandes und die Löhne der Arbeiter durch die beinahe stündliche Geldentwertung rapide an Kaufkraft und führen zu wachsender Verarmung.

… und wachsender Reichtum der Anderen

Noch am 15. Januar kommt es zu einem ersten ruhrgebietsweiten Ausstand. In immer neuen Streikwellen über das ganze Jahr, die im Mai ihren Höhepunkt erreichen, protestieren die Arbeiter nicht nur gegen die Drangsalierungen der Besatzungsmacht sondern auch gegen die erbärmlichen sozialen Lebensumstände ihrer Familien. Gefordert wird eine Lohnerhöhung um 50 % und eine Teuerungszulage. Um die größte Not zu lindern, richten die französischen Stellen in der Stadt öffentliche Suppenküchen ein.

Tote und Verletzte

Bereits die Mai-Unruhen fordern in Herne drei Todesopfer und viele schwer Verletzte. Die Streikwelle erreicht Herne am 24. Mai 1923. Auf der Zeche Mont-Cenis in Sodingen und Shamrock 1/2 in Herne kommt es zum Ausstand und zu Kundgebungen. Auf dem Zechenplatz von Shamrock kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikbrechern und Streikenden in deren Folge der Markenmeister Schmitz schwer verletzt wird. Er erliegt wenig später seinen Verletzungen im Krankenhaus. Im besetzten Herne und Wanne-Eickel herrscht eine strenge Pressezensur.

Flugblattverteilung durch den Shamrockschornstein

Das Verteilen von Flugblättern ist unter Strafandrohung verboten. Und dennoch ist an einem Morgen das weitere Umfeld der Zeche Shamrock von Flugzetteln übersät. Bergleute hatten die Flugblätter durch den 70 Meter hohen Kamin der Schachtanlage gejagt. Die Sogwirkung im Kamin und der Wind besorgten dann die Verteilung.

Auf Mont-Cenis setzt die Zechendirektion bewaffnete Polizei ein, um eine Urabstimmung der Bergleute über die Fortsetzung des Ausstands zu unterbinden. Die Bergarbeiter setzen sich mit Knüppeln und Steinen gegen die Schusswaffen der Polizei zur Wehr. Zwei Bergleute sinken tödlich getroffen zu Boden, vierzehn werden schwer verletzt. Vom 27. Mai bis zum 30. Mai tritt die Belegschaft von „Friedrich der Große“ in den Streik. Eine „Hundertschaft der Roten Ruhr Armee“ besetzt am 28. Mai die Anlage. Widerholt kommt es zu Feuergefechten zwischen der Polizei und der Proletarischen Hundertschaft.

Kanal durch Sprengung trockengelegt

Bei einer Schießerei auf der FdG-Anlage 3/4 wird der Bergmann Richard Hahne getötet, vier seiner Kumpels werden schwer verletzt. Die Polizei verhindert, dass beteiligte Frauen dem anfangs noch lebenden Verwundeten Hilfe leisten.

Am 26. Juni wird Horsthausen von französischen Truppen besetzt. Der Kohlenumschlag im Zechenhafen war am 8. April eingestellt worden. Infolge der Sprengung des Dortmund-Ems-Kanals war der Kanal bis zur Schleuse Herne-Ost nahezu trockengelegt.

Lohnerhöhung um 53,8 % durchgesetzt

Begleitet von Unruhen und weiteren erbitterten Arbeitskämpfen schließen Arbeitgeber und Gewerkschaften am 28. Mai 1923 für den Ruhrbergbau ein neues Lohnabkommen, das eine inflationsbedingte Lohnerhöhung von 53,8 Prozent vorsieht. Aber erst am 1. Juni wird die Arbeit wieder aufgenommen.

Unruhen halten nach Abzug der Besatzung an

Ab September 1923 stellt die Reichsregierung den passiven Widerstand ein und sucht mit der französischen Regierung eine Verhandlungslösung. Bis zum 31. Juli 1925 erfolgt die Räumung des Ruhrgebiets von den Truppen der Besatzungsmächte. Aber auch in den Folgemonaten kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Am 5. Dezember 1923 kommt es in Eickel und in Wanne zu großen Erwerbslosendemonstrationen. Die Demonstranten verlangen angesichts der Geldentwertung die Auszahlung der doppelten Erwerbslosenunterstützung.

Furchtbar sind die Blutopfer dieses Tages …

An allen Zahlstellen für Erwerbslose bilden sich Demonstrationsgruppen, die in geschlossenen Zügen, von Shamrock aus zum Amtshaus in Eickel, von Röhlinghausen, Unser Fritz und Schacht Wilhelm zum Amtshaus Wanne vordringen. Hier schießt die Polizei in die wütende Menge. 8 Demonstranten werden tödlich getroffen, 32 schwer verletzt. Sie werden durch eine Sanitätskolonne ins katholische Krankenhaus eingeliefert.

Die Namen der erschossenen Demonstranten:
Johann Rüllschewski (Eickel), Paul Hartmann (Eickel), Wortmann (Eickel), Willi Hauptfleisch (Eickel), Michael Wiskowski (Wanne), Walter Reinkens (Wanne), Wollenhaupt und Strzypski. Die Herkunft der beiden letztgenannten ist unbekannt.

Die Wanne-Eickeler Zeitung berichtet am nächsten Tag: „Ein unheilvoller Tag in der Geschichte unserer Gemeinden. Furchtbar sind die Blutopfer dieses Tages, groß ist die Erbitterung unserer Erwerbslosen über die vom Staate ihnen zugebilligten, tatsächlich ungenügenden Unterstützungssätze. “

Bis dahin hatte die Arbeiterbewegung unserer beiden Städte, seit ihrem Entstehen im Jahre 1878, viele „unheilvolle Tage“ erleben und erleiden müssen. Es sollte nicht dabei bleiben. Nur 10 Jahre später, im Januar 1933, wurden Gewerkschaften und Arbeiterparteien vor eine Probe gestellt, die sie nicht zu meistern in der Lage war. Mit der Machtübertragung auf die Faschisten folgten 12 bittere Jahre des Verbots, der Verfolgung, der Einkerkerung und des Mordens. Aber auch in dieser Zeit gab es in Herne und Wanne-Eickel Menschen die, nicht selten unter Einsatz ihres Lebens, Widerstand leisteten und an der Idee der Solidarität festhielten. [1]

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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Norbert Arndt