Beitrag zur Frage der Herkunft, Bedeutung und Entwicklung eines Ortsnamens Herne - Haranni

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Der Originaltext/Artikel dieser Seite stammt von Theodor Droste und wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet.
Autor Theodor Droste
Erscheinungsdatum 1983 Haranni 1983 S. 18-25
Stand: Mit freundlicher Genehmigung des Haranni-Gymnasiums Herne vom 23. November 2015

Theodor Droste
Beitrag zur Frage der Herkunft, Bedeutung und Entwicklung eines Ortsnamens
Herne - Haranni

I.

Ortsnamen, Namen bewohnter Orte, sind Zeugen der Vergangenheit, und es ist begreiflich, dass immer wieder die Frage auftritt, was sie bedeuten. Die Erforschung der Ortsnamen hat von jeher ein lokalgeschichtliches Interesse gehabt, sie ist aber daneben schon frühzeitig in den Dienst der allgemeinen Geschichte getreten. Die Ortsnamen geben uns nämlich nicht nur Kenntnis von der Siedlung deutscher Stämme, sie lehren auch, dass in gewissen Gegenden vor dem Deutschen andere Sprachen dagewesen sind, von denen wir sonst keine oder nur mangelhafte Kunde haben (So ist die Emscher, um als Beispiel einen naheliegenden Naturnamen anzuführen, zweifellos vorgermanischen, d.h. keltischen Ursprungs. Die 947 überlieferte Form „Embiscara" enthält die keltische Präposition „ambi" = um und das Doppelsufix „isc" und „car", die beide auf „Wasser, Sumpf" hinweisen, also auf ein Sumpfgewässer). Vielfach sind, wie schon E. Förstemann [1], der Altmeister der deutschen Namenforschung, betont hat, Orts- und Flurnamen „das letzte Asyl verblassender Sprachaltertümer". Ihre Bedeutung für die Heimatgeschichte ist vor allem darum groß, weil aus dem sprachlichen Stamm des Namens nicht selten die Landschaft hervorblickt, wie sie zur Zeit der Namensgebung in Erscheinung trat.
Dass die Ortsnamenkunde lange Zeit als ein Tummelplatz des Dilettantismus galt und auch im neuen Gewande einer „gelehrten Volksetymologie" höchst selten die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit zu überschreiten vermag, lag an ihrer Tendenz, die notwendige Beziehung zwischen „Wörtern und Sachen" sträflich zu vernachlässigen. Es gehört zur sprachlichen Eigenart der Ortsnamen, dass ihre Schreibung erst im 19. Jahrhundert wirkliche Festigkeit erlangt hat, eine wissenschaftliche Deutung also um eine detaillierte Untersuchung ihre Entfaltung in der Zeit und ihrer Staffelung im Raum nicht herumkommt. Ortsnamen haben ihre Geschichte, und nur dann, wenn diese genügend aufgeklärt werden kann, ist der erste Schritt, der sich um die sprachlich-lautgesetzliche Entwicklung des Namens zu bemühen hat, muss ein zweiter folgen. Lange Zeit hat die Ortsnamenkunde diesen zweiten Schritt nicht getan und die Tatsache unbeachtet gelassen, dass Namen nicht nur sprachliche Gebilde sind, denen man mit linguistischer Akrobatik beikommen könnte, sondern auch ein Produkt des vorgeschichtlichen Lebensraumes, der erst bei großräumiger Betrachtungsweise Leben und Aussagekraft gewinnt. Was also bei der Namenerklärung mit berücksichtigt werden muss, ist das Gesetz der landschaftlichen Gebundenheit, dem fast alle Ortsnamen unterliegen. Am Beispiel des Ortsnamens Herne soll im folgenden gezeigt werden, dass eine Vernachlässigung der geographischen Umweltbedingungen zu Fehldeutungen führen kann, wie sie in den wenigen Versuchen zur Aufhellung des heutigen Städtenamens allenthalben zu finden sind.

II

II.1

Da die Ortsnamen unter dem Einfluss der verschiedensten Kräfte im Laufe der Jahrhunderte nicht selten stark entstellt worden sind, hat jede Beschäftigung mit ihnen nicht von der modernen, schriftdeutschen Namensform auszugehen, sondern von der Überlieferung und Geschichte. Wir finden unter den Ortsnamen leicht verständliche, dann andere, die erst bei dem Zurückgehen auf ältere Formen klar werden, und schließlich solche, die aus deutschem Sprachgut nicht deutbar sind. Der Ortsname Herne gehört zweifellos zur zweiten der angegebenen Möglichkeiten.

Da ältere Namensformen nur aus Urkundenbüchern, Urbarien, Losungs- und Stadtbüchern zu ersehen sind, muss namengeschichtlich als ein glücklicher Umstand gelten, das das alte Kloster Werden/Ruhr bereits im 9./10. Jahrhundert über Landbesitz im Herner Raum verfügte. So finden wir die erste nachweisbare Überlieferung des Ortsnamens Herne im ältesten Heberegister des berühmten Benediktinerklosters. Das für unsere Untersuchung maßgebende Urbar, das um 890 angelegt wurde und zur Lagebestimmung der abgabenschuldigen Besitzungen häufig Flurnamen verwandte, erwähnt einen Berathwini aus einer im Borahtron Gau (Brukterer-Gau) gelegene Bauernschaft (villa) mit der Bezeichnung „Haranni". Aus der in altniederdeutscher Sprache beschriebenen Pergamentseite des genannten Urbars geht hervor, dass das Kloster Werden im Herner Raum eine Vollhufe Landes besaß und der erwähnte Berathwini als Pächter dem Kloster zu Abgaben und Dienstleistungen verpflichtet war.
Abgesehen von den kultur- und wirtschaftshistorisch interessanten Verflechtungen, die hier deutlich werden, ist die Erwähnung von „haranni" vor allem darum so bedeutsam, weil es im Emschergebiet nur wenige Siedlungen gibt, die ihren Namen über einen so langen Zeitraum bis in die früh- bzw. vorchristliche Zeit Westfalens zurückverfolgen können. Und wer die heutige Stadt, die nur mühsam die verworrenen und überstürzten Passagen ihrer Entwicklung zu verdecken vermag, im Bereich der alten Dionysius Kirche durchstreift, wird kaum auf den Gedanken kommen, dass er auf uraltem Siedlungsgelände steht, das schon vor mehr als 1000 Jahren als Bauernschaft urkundliche Erwähnung fand.

II.2

Eine der Voraussetzungen für die wissenschaftliche Beurteilung eines Ortsnamens ist die klare Erkenntnis seiner sprachlichen Formentwicklung. Da im „Großen Privilegienbuch" des Klosters Werden aus der Mitte des 12. Jh. das alte „haranni" bereits als „hernen" erscheint, ‚ist nach den sprachlich-lautgesetzlichen Umständen zu fragen, welche diese Entwicklung eingeleitet, in weniger als 300 Jahren abgeschlossen haben und so für die heutige Form des Ortsnamens verantwortlich zu machen sind. Dazu bedarf es einiger sprachgeschichtlicher Vorbemerkungen.

(a)

Beim Vergleich von „haranni" und ,,herne(n)" fällt besonders auf, dass der Stammvokal „a" in der Wortwurzel „har" zu einem „e" umgewandelt worden ist. Diese Erscheinung ist in der Sprachwissenschaft als i-Umlaut bekannt. Unter Umlaut Verstehen wir die Entwicklung eines Lautes unter der Einwirkung eines anderen, speziell für das Althochdeutsche die Umwandlung eines Vokals (a) durch ein folgendes „i" oder den Halbvokal „j". Da der althochdeutsche Primärumlaut lediglich das kurze „a" erfasst und zu einem „e" umgeformt hat, muss der umgelautete Stammvokal der Wortwurzel „har" ebenfalls kurz gewesen sein. Diese Feststellung ist nicht unwichtig, und wir kommen beizeiten auf sie zurück. Lautgesetzlich ist der Umlaut ein kombinatorischer Lautwandel, d.h. er entsteht unter dem Einfluss nachbarlicher Laute, im Gegensatz zum spontanen Lautwandel, der sich unabhängig von der lautlichen Nachbarschaft vollzieht. Seiner phonetischen Natur nach ist er eine Assimilation (Angleichung), d.h. das ,,a" gleicht sich dem folgenden „i" an und wird zu „e" (angelus - engil-Engel; baki - beki - beke - Bach) psychologisch gesehen ist er eine Frühzündung: die für den Vokal der folgenden Silbe erforderliche Mundstellung wird vorausgenommen und wirkt sich bereits auf den Vokal der vorhergehenden Silbe aus. So musste aus „haranni" lautgesetzlich „herenni" entstehen: das „i" der Nebentonsilbe hat mit seiner aufhellenden Wirkung das „a" der Haupttonsilbe durch eine Vorwegnahme der Mundstellung in ein „e" verwandelt.
In den ältesten althochdeutschen Sprachdenkmälern haber wir noch keinen Umlaut, in den Texten des 8. Jhd. können wir sein Eindringen beobachten, im 9.Jh. Ist er überall durchgeführt. Da seine Stoßrichtung von Norden nach Süden weist, das um 890 in Werden angelegte Urbar aber noch „haranni" verzeichnet, kann angenommen werden, dass im Gegensatz zur konservativen Schreibweise schon im 9. Jh. die gesprochene Sprache das umgelautete „herenni" bevorzugte.

(b)

Noch vor dem Primärumlaut fand eine andere sprachgeschichtliche Entwicklung statt, die die Akzentverhältnisse, also die Betonung eines Wortes betraf. In der Vorzeit unserer Sprache herrschte der sog. indogermanische Akzent, der als freier Wortakzent sowohl auf den Stamm - als auch auf den Flexionssilben liegen konnte. Die betonten Silben unterschieden sich lediglich durch die größere Tonhöhe, nicht durch den stärkeren Atemdruck. Beim Übergang vom Indogermanischen zum Germanischen wird der Akzent festgesetzt, und zwar auf die erste Silbe. Mit diesem sog. Wurzelsilbenakzent setzt sich das Germanische- vom indogermanischen Schaukelakzent ab und leitet eine neue Epoche der deutschen Sprachentwicklung ein. Da der Hauptton nun fest an die erste Silbe gebunden war und durch stärkeren Atemdruck hervorgehoben werden musste, wurden die Silben eines Wortes geteilt in betonte und unbetonte. Mit der Festlegung des Akzents auf die Wortwurzel wird der größte Teil des verfügbaren Atemstromes für die Aussprache eben dieser Wortwurzel benötigt. Dadurch geraten die Endungen in Atemnot, werden nur noch undeutlich ausgesprochen, verkümmern schließlich oder fallen ganz weg.
Die Entwicklung des Ortsnamens Herne ist geradezu ein Musterbeispiel dieser Akzentverschiebung mit all ihren Folgen. Eine dieser Folgen war die Abschwächung der vollen Endsilbenvokale. Während in den betonten Stammsilben beim Übergang vom Urgermanischen zum Althochdeutschen der Vokalismus seine alte Vielgestaltigkeit bewahrte, verschwand die nahezu unübersehbare Buntheit der schillernden Endungssilben. Die Sprache hat die Tendenz zu vereinfachen und überschaubare Gruppen zu bilden. Langsam büßen die Endungen ihre Funktion ein, die vom Artikel und Pronomen übernommen wird. Das klingende germanische Erbe im Auslaut, die farbigen Endungsvokale, ergrauen zu einem uniformen „e". Das Fränkische beginnt mit der Abschwächung im 9. Jh., im 12. Jh. ist die Entwicklung abgeschlossen: die Vielgestaltigkeit des germanischen Endsilbenvokalismus ist sprachgeschichtliche Vergangenheit. ,,haranni" ist über „herenni" zu „herenne" geworden.
Eine zweite Folge der Betonungsweise des germanischen Akzents war der Silbenschwund, der sich vor allem auf das zweite Wortglied auswirkte. Ein Vergleich zwischen ,,herenne" und „herne", das gewissermaßen den Abschluss der Namenentwicklung darstellt, zeigt, dass vor allem die Mittelsilbe in Mitleidenschaft gezogen wurde, weil sie nur einen extrem schwachen Nebenton trug. Der Vokal in Haranni, der in der Kompositionsfuge zwischen Wurzel (har") und Suffix („anni") sitzt, hat seine Widerstandsfähigkeit gegen Verunstaltung, Schrumpfung und schließlich Schwund infolge seiner Schwachtonigkeit nicht lange bewahren können. Nach der Umlautung in „e" lässt sich sein Verschwinden schon im 11./12. Jh. beobachten. Mit ihm verschwindet die vollständige Mittelsilbe in Herenne: die Entwicklung zu Herne ist abgeschlossen.

II.3

Dass die bisherigen Versuche einer Namendeutung bei Herne nicht zu überzeugen vermögen, liegt in der Tatsache begründet, dass einige die Geographische Umwelt, aus der der Name erwachsen ist, unberücksichtigt lassen, andere sie falsch deuten, indem sie die Realprobe, also die Überprüfung der Namensaussage durch die (damalige) Wirklichkeit, mit einer falschen Deutung der Wortwurzel verbinden. Als ein Beispiel für die erstere Art der Namendeutung möge der Versuch von E. Dransfeld („Geschichte der ev. Gemeinde Herne", Essen 1875) [2] gelten, der zu folgendem Ergebnis kommt: „Woher der Name Herne kommt, weiß ich nicht. Derselbe findet sich jedoch öfter als Name von Bauerschaften und Dörfern, und vielleicht kann daraus gefolgert werden, dass er eine allgemeinere Bedeutung hat, etwa wie „Hagen", „Gehege", „eingefriedigter Platz", „geschlossenes Dorf" (S. 63). Diese Deutung kann höchstens insofern erfreuen, als sie das Prinzip der Vergleichung anwendet, also im umliegenden Raum nach anderen Belegen sucht. Falsch ist, dass sie von einer mangelhaften Kenntnis des Grund- oder Bestimmungswortes ausgeht. Die Wortwurzel „har" in Haranni hat etymologisch mit dem „hag" (eingefriedetes Stück Waldgelände) nichts zu tun.
Ernstzunehmender ist ein anderer Versuch, der die Wortwurzel „har" im Sinne des westfälischen „haar"-Anhöhe zu deuten versucht. Auf den ersten Blick ist dieser Versuch einleuchtend. Unabhängig von Wörterbüchern, Tendenzen und Theorien, die sich nicht selten als deutungsfeindlich erweisen, wird das verfügbare Namenmaterial selber zur Auskunft über den Wortsinn gezwungen. Die Vergleichung erweist, dass die Wortwurzel „haar" im westfälischen Raum sowohl als Orts- als auch als Naturname auftaucht. Als einsichtige und durchsichtige morphologische Parallelen bieten sich der „Haarstrang" an, eine langgestreckte Hügelreihe im Bereich des Ruhrlaufes, das „Rothaargebirge", der Ortsname „Haaren" (Dorf Kreis Osnabrück), „Haren" (Dorf Kreis Meppen), u.v.a.m.
F. Darpe kommt in seinem Verwaltungsbericht über den Stadt- und Landkreis Bochum [3] zu dem Ergebnis: „Das Stammwort des Namens ist har (heri, heren) = Schneide (des Messers, vergleich haarscharf), Schnad, Schneide, Grat der Höhe und dann Höhe selbst (vergl. Haarstrang). Herne, besonders die Herner Mark, bildet ja vom Emscherbruch aus die erste Bodenerhebung und liegt von Castrop, Hiltrop und Riemke aus an der Schnade der letzten Ausläufer des Ardey-Gebirges und der Emscher-Ebene" (S. 13). Diese Namendeutung erscheint auf den ersten Blick so verblüffend und einleuchtend, dass man sie kritiklos hinzunehmen gewillt ist. Bezeichnenderweise ist auch seit Darpe kein Versuch einer erneuten Deutung mehr unternommen worden, ganz einfach darum, weil die wichtigsten Prinzipien der modernen Ortsnamenkunde, nämlich Vergleichung und Realprobe, zur Namenserklärung herangezogen worden sind. So kommen Sturmfels/Bischof[4] noch 1961 zu dem Ergebnis: „Herne: Stadt in Westfalen (an der Ruhr!!), zu althochdeutsch 'hare' = Anhöhe, Erhebung, Siedlung auf Weideflächen" (S.111).

II.4.

Es ist einleuchtend, dass jeder erneute Deutungsversuch, der die bisherige Forschungslage erschüttern und auf eine bessere Plattform stellen will, die schon von F. Darpe angewandten Prinzipien der Vergleichung und Realprobe kritisch überprüfen und - wenn möglich - erweitern muss. Was an der Deutung des Ortsnamens Herne = Anhöhensiedlung so wenig befriedigt, sind die geographisch-morphologischen Fakten. Wenn man von der vernünftigen Unterstellung ausgeht, dass die Namengebung gewöhnlich von treffenden Beobachtungen ausging, auf die die richtige Deutung zurückgeführt werden muss, erscheint die Erklärung „har" = Anhöhe unglaubhaft. Von der Gerther Platte aus gesehen liegt Herne nicht auf den Ausläufern des stark zerfransten Randes der Gerther Platte, die, tektonisch gesehen, als nördliche Fortsetzung des Haarstrangs eine echte Bruchstufe darstellt, sondern auf den Mittel- und Niederterrassen der Emscher, also hart am Rande der (teilweise noch heute) versumpften Niederungen des Emscherbruchs. Vom Emschertal gesehen liegt Herne ebenfalls nicht auf einer Anhöhe, sondern auf den nur allmählich ansteigenden eiszeitlichen Flussschottern der Emscher, noch gut eine Viertelstunde Weges von der eigentlichen Anhöhe entfernt. Der Verdacht auf eine falsche Deutung im Sinne von „haar" = Anhöhe verdichtet sich, wenn man die von Darpe angeführten Ortsnamen auf ihre naturlandschaftliche Ausstattung noch einmal untersucht und feststellen muss, dass keiner der bezeichneten Orte auf einer Anhöhe liegt, früher vielmehr von ausgedehnten, versumpften Niederungen umgeben sein musste.
Eine erneut durchgeführte Vergleichung fördert eine ganze Reihe von Ortsnamen zutage, deren Wortwurzel alle mit „har" identisch ist und die gleichfalls als Orte in (früher) versumpften Niederungen erscheinen:

Haaren / Kreis Büren, aus Harun (9. Jh.)
Haaren / Kreis Aachen
Herste / Westfalen, aus Harista
Hernen / Belgien, aus Harena
Haar / Oldensaal, aus Hari, Here
Herstelle / Lüttich, aus Hari-stall (772)
Herstelle / Weser, aus Hari-stal
Haddrup / Westfalen, aus Haredorp
Harum / Steinfurth, aus Harhem
Harbeck / Helmstedt
Haarhausen / Kassel, aus Harhuson
Haarbeck / Holland, aus Harbecki
Hargen / Alkmar, aus Har-algon
Herford / Westfalen, aus heri-vurt
Heerscheld /Lenne, aus heri-sceit
Heerse / Drieburg, aus herisi

Die Gewissheit, dass das westfälisch-niederdeutsche „Har" nicht mit Anhöhe identisch sein kann, ergibt sich aus der Tatsache, dass das anlautende germanische „h" in „har" seine lautgesetzliche Entsprechung im Indogermanischen „k" findet. So entsprechen gem. hal, hel, hol dem indogerm. kal, kel, kol (im Sinne von Meer, Moder), das germ. han, hen, hon, hun dem indogerm. kan, ken, kon, kun (im Sinne von Moor, Moder, Sumpf), das germ. har, her, hor, hur dem indogerm. kar, ker, kor, kur (Im Sinne von Moor, Moder, Sumpf). Damit erweist sich auch das alte „haranni" nicht als eine Anhöhensiedlung, sondern als Siedlung an Sümpfen, an einem versumpften, vermoorten Niederungsgebiet, eben dem Emscherbruch.
Das germanische „h" in „haranni" und seine Indogermanische Entsprechung „k" beweisen die vorgeschichtliche Verwurzelung des Ortsnamens, der damit als Bezeichnung für eine menschliche Ansiedlung in graue, vorgermanische Zelt zurückreicht und - was ja die frühgeschichtlichen Ausgrabungen im Herner Raum zur Genüge bewiesen haben - uraltes Siedlungsgelände sein muss, auf dem niedrig gelegenen, aber festen Boden einer jagdergiebigen Sumpflandschaft.
In der Wortwurzel von „haranni" haben wir demzufolge ein altes Appellativ für Wasser, Sumpf, Moder, Schlamm vor uns, das mit dem Wandel des Landschaftsbildes und dem Wandel der Bevölkerung früh verklungen ist, eine niederdeutsche Form für „Ried", „Moor", „Moos" und „Luch" aus anderen deutschen Sprachlandschaften. Das frühe Verschwinden dieses „alten und vielfach dunklen Wortes"[5](Grimms dt. Wörterbuch) muss zur Folge gehabt haben, dass es von der Forschung - wo es sich in Orts- und Flurnamen noch bis heute gehalten hat - mit klangähnlichen Wörtern verwechselt wurde, so vor allem mit dem althochdeutschen „hart" (im Sinne von Bergwald, waldiger Höhenzug), der in Gebirgsbezeichnungen die Hart, Hardt, Haard, Harz, Spessart (839 noch Spehteshart) usw. noch heute weiterlebt und deren t, d, dt-Erweiterung fälschlicherweise auf das germanische „hard" zurückgeführt wurde, das lange in der Forschung als gemeinsame Wurzel von „hart" = Berg und „har" = Anhöhe galt. Möglicherweise hat sich das „haar" in Haarstrang = Bergstrang aus einem Hartstrang entwickelt, dessen schwierige Aussprache (Verschlusslaute an der Silbengrenze) zum Ausfall des ersten „t" geführt hat. Von nur zwei Belegen für „har" im Sinne von Anhöhe kann jedenfalls nicht eine Etymologie gefolgert werden, die am lautgesetzlichen Befund und einer Fülle von Vergleichungen vorbeigeht, die alle auf „har" im Sinne eines alten, längst verklungenen Sumpf- und Moorwortes hinweisen.

III.

Im Ortsnamen Herne ist sprachliches Urgestein erhalten, blitzt - wahrscheinlich mehr als 3000 Jahre deutscher Sprachentwicklung überdauernd - urgermanisches Spracherbe auf. Seine Wortwurzel „har" gehört zu jenem Wortgut, das, aus der lebenden Sprache früh verklungen, sich im Ortsnamen bis heute gehalten hat. Seine ethnographische Herkunft weist auf Westfalen, das um 1000 v.Chr. durch Germanen besiedelt wurde. Hier tritt die Wortwurzel „har", deren indogermanische Entsprechung sein prähistorisches Alter sichert, in einer Vielzahl durchsichtiger morphologischer Parallelen auf. Der topographische Befund und die geographische Verbreitung bestätigen dieses Ergebnis, das von neuem darauf hindeutet, dass die „gewässerreiche Waldlandschaft der Vorzeit" als der wirkliche „Quellgrund der Namenforschung" (H. Bahlow[6]) anzusehen ist. Einer unserer größten Namenforscher, Ed. Schröder[7], hat 1938 schon einmal auf diesen Quellgrund hingewiesen: es hat ferne Zeiten gegeben, „wo Wald und Sumpf noch als souveräne Herren regierten und die Vorstellungswelt der Namenschöpfer beherrschten". Herne ist ein sinnlich-sichtbarer Beleg für diese Wahrheit!

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Quelle

  1. Ernst Wilhelm Förstemann (1822-1906): Die deutschen Ortsnamen, 1863
  2. Dransfeld 1875
  3. Darpe 1906
  4. Wilhelm Sturmfels; Heinz Bischof: Unsere Ortsnamen im ABC erklärt nach Herkunft und Bedeutung.ISBN 978-3427832348 (Ausg. 1985)
  5. Im Original des Grimmschen Wörterbuches steht unter HAAR: "Diesz alte und vielfach dunkle wort ist nur noch in gegenden Westfalens lebend" http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?bookref=10,22,67
  6. Hans Bahlow (1900-1982): Deutschlands geographische Namenwelt - Etymologisches Lexikon der Fluß- und Ortsnamen alteuropäischer Herkunft, Frankfurt am Main 1965
  7. Edward Schröder (1858-1942): Deutsche Namenkunde : Ges. Aufsätze zur Kunde dt. Personen- u. Ortsnamen ; Festgabe s. Freunde u. Schüler zum 80. Geburtstag / Edward Schröder