Aus der wechselvollen Geschichte der Wieschermühle

Aus Hün un Perdün
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Dieser Artikel ist von Dietrich Hildebrand und stammt aus der Bürgerillustrierten "Herne - unsere Stadt - 09 / 1964".
Er wurde wortwörtlich für das Wiki übernommen (sic!) 
Mit freundlicher Genehmigung von der Stadt Herne, Pressebüro und des Stadtarchivs Herne

Wann der Wieschermüller sein Gewerbe angefangen hat, ist aus den Archivalien des Herner Stadtarchivs nicht auf das Jahr genau festzustellen. 1760 wird Herne in der Geschichte von Schäfer als ein Dorf mit einer Papiermühle bezeichnet, von einer Wieschermühle ist noch keine Rede. Fest steht aber um 1828, daß der Korn- und Ölmüller Georg H e s s e sein Gewerbe vor 1820 bereits ausübte. In Salzlisten des Jahres 1813 ist der Kornmüller Georg Heinrich H e s s e mit einem Haushalt von vier Personen und einem Hornvieh aufgeführt. Im Jahre 1836 wird ergänzend bemerkt, daß der Besitzer der Wieschermühle ein J a c o b i und ein H e s s e der Pächter gewesen ist. Aus jener Zeit (1836—1842) stammt eine genauere Beschreibung der Wieschermühle, die ich hier inhaltlich wiedergeben will.

Getrieben wurde die Mühle vom Herner Mühlenbach, der auch Wiescher Mühlenbach hieß. Wegen Wassermangels zwischen Johanni (24. Juni) und Michaeli (29. September) mußte die Mühle zuweilen einen Tag still stehen, da der kleine Mühlenbach lediglich vom Regen genährt wurde. Der Wiescher Mühlenbach tritt übrigens in Sodingen aus dem Dortmunder in den hiesigen Kreis. Die der Wieschermühle nächst vorliegende Mühle ist die Giesenberg-Mühle zu Sodingen. Der Wiescher Mühlenbach mündet in die Emsche, wie sie 1838 (ohne „r" am Schluß) noch geschrieben wurde. Der Bach hat also Angrenzer in Sodingen, Herne, Strünkede und Horsthausen; in Herne war es der Müller Hesse. Das Wassergefälle der Mühle betrug 1840 acht Fuß, was einer Höhe von etwa 2,40 m entspricht. Die Wieschermühle hatte drei „oberschlächtige" Räder, zwei Kornmahlgänge, wegen Mangels an Zufluß zur abwechselnden Benutzung mit einem Gang zur Ölmühle, wobei ein Mahlgang zwischen zwei waagerechten, geriffelten Steinen ist, von denen der untere feststeht und der obere sich dreht. Die Mühle war nicht abgelegen, sie wurde mittelmäßig benutzt. Der Gewerbesteuersatz für 1836 und 1837 betrug 14 Reichstaler.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wechselte der Müller, und zwar bemerkenswerterweise innerhalb der Familie Hesse selbst. Während 1849 als Bewohner der Wieschermühle (Haus Nr. 85) noch folgende Personen aufgeführt sind:

  • Müller Georg Hesse, 40 Jahre,
  • Frau Anna Maria geb. Hülsmann, 44 Jahre,
  • Mutter Christina geb. Fischer, 64 Jahre,
  • Bruder Heinrich, 25 Jahre und
  • Magd Clara Hemmer, 34 Jahre, sämtlich evangelisch,

fehlen 1852, wann das Haus zudem die Nr. 95 führt, Mutter und Bruder. Im Jahre 1855 dagegen wohnen in Nr. 95:

  • Müller Heinrich Hesse, 31 Jahre,
  • Frau Lisette geb. Trösken, 26 Jahre,
  • Sohn Heinrich, 4 Jahre,
  • Tochter Amalia, 2 Jahre,
  • Sohn Friedrich unter 1 Jahr,
  • Mutter Christina, 70 Jahre,
  • Bruder Georg, 46 Jahre, sämtlich evangelisch, und
  • Magd Gertrud Plässer, 19 Jahre, katholisch.

Der inzwischen verheiratete und kinderreiche Heinrich Hesse ist also nun der Müller, während Georg, der frühere Müller, wieder allein im Hause wohnt; offenbar ist seine Ehe kinderlos geblieben und die Frau womöglich gestorben.

Eine neue Periode in der Geschichte der Wieschermühle ist mit dem Jahre 1876 angebrochen bzw. ab dann nachweisbar. Als Mühlenbesitzer wird Bernard V o o r t m a n n genannt. Seine Neuerung war es, daß er einen Dampfkessel von 4 Atm. Überdruck anlegen ließ. Noch nicht ein Jahrzehnt später, 1884, wird ein Dampfkessel von 5 Atm. Überdruck zum Betrieb der Getreidemühle installiert und 11 Jahre danach, 1895, läßt die Witwe Voortmann's einen Dampfkessel von 6 Atm. Überdruck aufstellen. Nachdem schon 1881 darüber geklagt wurde, daß im vorigen Winter der Weg nach Sodingen, an dem die Wieschermühle lag, überschwemmt gewesen wäre und das Geschäft darunter sehr gelitten hätte, scheinen die technischen Neuerungen den Niedergang des Mühlengeschäftes nicht aufgehalten zu haben. Im Jahre 1897 wird der der Wieschermühle gegenüberliegende Mühlenteich als Badeanstalt bezeichnet und der Name der Wwe. Voortmann taucht zum letzten Mal 1905 in den Akten auf.

Im nächsten Jahr, 1906, sehen wir dann den Sodinger Weg 49 (die Wieschermühle) im Besitz der Hibernia, die sich wegen einiger Arbeiten auf dem Grundstück an die Stadtverwaltung wendet. Auf einem Schriftstück des Jahres 1913 führt das Grundstück Wieschermühle den jetzt noch gültigen Namen Schillerstraße 49. Im Jahre 1924 unternimmt es die Hibernia, die Mühle umzubauen und damit ihr äußeres Gesicht zu verändern. Im vorderen Haus, in dem sich die Müllerwohnung und die Mühle befunden hatte, richtet sie fünf Wohnungen ein, im hinteren, früher Scheune, 2 Wohnungen. So war ein Wiederaufleben des Mühlenbetriebes nicht mehr zu erwarten.

Das letzte Kapitel der Geschichte der Wieschermühle bringt leider das völlige Verschwinden der Mühlengebäude. Das Eigentum an der Mühle ging 1953 auf die Stadtgemeinde Herne über. Im laufenden Jahr 1964 wurde die Wieschermühle abgerissen, um einem Schulneubau zu weichen. Zwei Mühlsteine, die im Keller der Schule aufbewahrt werden sollen, werden dann die letzte greifbare Erinnerung an die alte Wieschermühle sein. [1]

Die „Wieschermühle“, im August 1964 abgebrochen

Literatur

Stadtarchiv Herne

  • Schaefer 1912
  • Mairie Herne 9, Salzlisten, 1813
  • Bürgermeisterei 26, Mühlenbäche, 1816-1844
  • Bürgermeisterei 127, Gewerbetreibende, 1820-1831
  • Bürgermeisterei 152, Mühlenkataster, 1836-1840
  • Kriegs- und Domänen-Kammer Hamm, Rezeptur Herne 10, Volkszählung, 1849
  • Kriegs- und Domänen-Kammer Hamm, Rezeptur Herne 12, II, 1852
  • Kriegs- und Domänen-Kammer Hamm, Rezeptur Herne 12, I Zivileinwohner 1855
  • 1 B 54, Mühlenbes. Voortmann (Dampfkessel), 1880-1895
  • Bauordnungsamt, Schillerstraße, Rechtsverhältnis 1866-1939
  • Schillerstraße 49, 1906-1953

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Quellen

  1. Herne - unsere Stadt - September 1964