Aus der Geschichte der Bahnhofstraße VIII

Von Leo Reiners

Aus der Geschichte der Bahnhofstraße

Ein Stück alte Herner Postgeschichte

VIII. Einen besonderen Grundstückskomplex bilden die Grundstücke von Meinhardt. (Die Meinhardt sind eine alte Herner Familie. Ein Meinhardt wohnte 1823 an der Ecke Shamrock= und Bahnhofstraße, ein anderer an der Altenhöfener Straße.) Da ist zunächst das Grundstück, auf dem das Haus

Bahnhofstraße 112

steht. In ihm befindet sich heute der Frisiersalon Fleischer. Es gehörte zur Parzelle 8 der Flur "In der Koppenburg", die 1811 bei der Strünkeder Versteigerung von Hentrey (später Lechtape) an der Rosenstraße erworben wurde. Von diesem kaufte es 1852 für 200 Tlr. der nebenan schon wohnende Maurer Wilhelm Meinhardt, der es erst nach 1870 bebaute. Die auf ihm zuerst in der Katasterkarte verzeichneten Gebäulichkeiten waren 1877 nicht mehr vorhanden, sondern ersetzt durch ein Wohnhaus mit Schuppen und Remise. Dieses Wohnhaus ist das heute noch vorhandene Gebäude. Es hat eine besondere Bedeutung gehabt, denn es war POSTGEBÄUDE. Südlich neben ihm stand ein schmaler, durch kleine Anbauten im Hofe erweiterter Nebenbau (vermutlich Kegelbahn), der zu der dann folgenden Gastwirtschaft gehörte, von der 1883 und später eine Passagierstube besonders erwähnt wird. Das Postgebäude zeigt unser Bild, auf dem außer der Inschrift "Kaiserliches Postamt" (die Reichspostverwaltung wurde 1871 geschaffen) noch ein alter Postwagen zu sehen ist. (Der oberste Teil des Hauses hat heute noch dasselbe Aussehen, besonders der Würfelfries ist dafür bezeichnend.) Die Personenpost von Bochum über Herne nach Recklinghausen wurde 1836 (also vor 100 Jahren) eingerichtet. Sie ging zunächst über die alte Landstraße Herne-Bochum, die an Hiltrop vorbei durch die Herner Mark über die Wiescherstraße kam, nach 1842 über die neue Chaussee, die über Riemke gelegt war. Ihre Hauptbedeutung hatte die Personenpost nach 1847 als Zubringerin zur Bahnstation Herne-Bochum. Deshalb verkehrte sie auch dreimal am Tage. Der Fahrpreis von Bochum nach Herne betrug 6 Silbergroschen. Die Fahrzeit dauerte von Bochum bis Recklinghausen 3 Stunden! Wann die Personenpostverbindung Herne-Bochum aufhörte, ist nicht bekannt. Sie verlor jedenfalls an Bedeutung, als im Jahre 1860 Bochum eigene Eisenbahnverbindung (Bergisch-Märkische Strecke) erhielt und besonders, als 1875 die (1870 eröffnete) Güterstrecke Bochum - Riemke - Herne, die von der Bergisch-Märkischen Bahn erbaut war, für den Personenverkehr freigegeben wurde. Die Personenpost Herne - Recklinghausen ist bis zum 31. März 1889 betrieben und dann durch eine häufigere Privat-Omnibus-Verbindung ersetzt worden. Im Jahre 1894 kam die Straßenbahn Herne-Bochum und 1898 die Straßenbahn Herne-Recklinghausen in Betrieb. Sie sind aber erst nach dem Neubau des Bahnhofs zu einer durchgehenden Schienenverbindung vereinigt worden. Bis dahin endigten sie südlich und nördlich der Eisenbahn und Fahrgäste, die weiterfahren wollten, mussten umsteigen.

weitere Postgebäude

Das Postgebäude Meinhardt ist also Schlussstation des zum Bahnhof Herne gehenden Personenpostverkehrs und Ausgangspunkt des Verkehrs von dort nach Bochum und Recklinghausen gewesen. Allerdings sind ihm andere Posträume vorausgegangen. Sie dürften zuerst bei Cremer gt. Ecker auf dem alten Markt gewesen sein, nach Schaefer befanden sie sich von 1850 bis 1868 auf dem Bahnhof, dann wieder auf dem Alten Markt (wo, sagt er nicht), um darauf nach Meinhardt verlegt zu werden. Als sie hier nicht mehr ausreichten, hat Schaefer, der damals Amtmann war, 1888 einen Bauunternehmer willig gemacht, ein neues Dienstgebäude zu errichten und an die Post zu vermieten. (Das war, wie der Fall Meinhardt und später Seher zeigt, so Brauch) Das Haus sollte an der Ecke der Heinrich= und Bahnhofstraße, wo jetzt das Haus Klische steht, erbaut werden, und zwar unter Hinzufügung des niederzulegenden Haus Kölster und eines größeren Hinterlandes. Die Gemeindevertreter billigten den Plan, auch der Oberpostdirektor war ihm geneigt, man sah jedoch aus finanziellen Gründen in Berlin "vorläufig" davon ab. Die Gemeinde wollte, dass die Post mehr vom Bahnhof weg zum alten Herne, also nach Süden, verlegt werde. Diesem Bestreben entsprang auch der abgelehnte Plan. So handelte die Reichspostverwaltung auch entgegen den Wünschen und Bitten der Gemeinde, als sie den Kaufmann Otto Seher an die Ecke Bahnhof= und Fabrikstraße einen Postneubau errichten ließ, den sie 1895 anmietete und in den sie von Meinhardt aus zog. Doch über diesen Bau wird weiter unten zu sprechen sein.

Hotel Meinhardt

Zunächst sei in der Betrachtung der Meinhardtschen Grundstücke fortgefahren. Das heutige Hotel Meinhardt ist im Jahre 1900 unter Einbeziehung der Stelle, wo die Kegelbahn stand, in der Lücke errichtet worden, die sich zwischen dem Postgebäude - dieses ging 1931 in den Besitz des Fabrikanten Karl Veuhoff über, der eine Berta Meinhardt geheiratet hatte und der es 1933 im Erdgeschoß umbauen ließ, nachdem es schon 1896 Geschäftshaus geworden war - und dem zweiten Meinhardtschen Hause, jetzt Baulücke, befand. Dieses zweite Haus - 1928 abgebrochen (siehe Bild) - und das dann folgende dritte Meinhardtsche Haus (jetzt Cafe Goebel) standen auf Grundstücken, die zur Parzelle 9 der Flur "In der Koppenburg" gehört hatten. Diese Parzelle hatten 1811 die Eheleute Georg Drevermann für 251 Rtlr. 16 stb. 4 Pfg. erworben und noch im gleichen Jahre an die Eheleute Diederich Schumacher und Anna Cath. geb. Drevermann übertragen. Die letztere heiratete in zweiter Ehe Georg Düppe gt. Drevermann, der 1825 das Grundstück an den Leineweber Engelbert Meinhardt und seine Frau, Anna Elisabeth geb. Hangohr, für 351 Rtlr. gemein Geld verkaufte. Dieser Engelbert Meinhardt wohnte an der Bahnhofstraße "zwischen den Häusern von Wilhelm Meinhardt und Hrch. Veukämper", d.i. gegenüber der evanglischen Kirche. Er übertrug sein Vermögen 1847 in Bochum vor dem Notar (Zeugen waren der Wirtschafter Moritz Scharpenseel und der Gold= und Silberarbeiter Wilh. Überfeld aus Bochum) gegen Leibzucht auf seinen Sohn, den schon oben als Erbauer des Postgebäudes genannten Maurer (später Gastwirt) Wilhelm Meinhardt, der mit Anna Cath. Niehaus verheiratet war. Dieser Wilhelm Meinhardt hat vor 1870 das Grundstück aus der Parzelle 9 der "Koppenburg" mit Wohnhaus (wahrscheinlich zugleich Wirtschaft), Scheune und Stallung bebaut. Das Wohnhaus ist heute ein Teil des Hauses Göbel (Bahnhofstraße 106), Scheune und Stallung waren die Vorläufer des 1928 abgebrochenen Nebenhauses

Bahnhofstraße 108.

Im Jahre 1883 wurden Wohnhaus, Scheune und Stallung fortgeschrieben in: "Wohnhaus, Anbau 1, desgl. 2, desgl. 3 (Passagierstube), Kegelbahn". Damals ist also offenbar anstelle (oder als Umbau und Erweiterung) von Scheune und Stallung das 1928 abgebrochene schieferverkleidete Haus Bahnhofstraße 108 mit den verschiedenen Anbauten, unter denen Passagierstube und Kegelbahn schon erwähnt wurden, entstanden. Zuletzt sah das Haus Bahnhofstraße 108 gegenüber dem Bahnhof so schief und hässlich aus, dass man sich freute, als es 1928 abgebrochen wurde. Der Plan, einen Neubau dafür zu errichten, kam aber nicht zur Ausführung, so dass die heutige Baulücke auch nicht gewinnend aussieht. Das Haus

Bahnhofstraße 106

hatte schon zwischen 1870 und 77 nach hinten Scheune und Waschküche erhalten, die später als Stall und Lagerhaus verwendet wurden. Im Jahre 1920 erwarb es von dem Gastwirt Otto Meinhardt der Händler Karl Stracke, der es aber einige Monate später bereits an den Kaufmann Wilhelm Goebel weiterverkaufte. Dieser hat das Haus zu dem jetzigen Wohnhaus mit Cafe (neuer Anbau anstelle des alten) umgebaut. Es ist jedenfalls das erste und älteste der Meinhardtschen Häuser in der "Koppenburg".

Bahnhofstraße 104

Die nun folgenden Grundstücke (Wirtschaft Buschmann, Fabrikstraße und Teil des Bahndammes) gehörten zur Parzelle 10 der Flur "In der Koppenburg". Diese erwarb im Jahre 1811 Vortmann, der ein Viertel davon für 625 Rtlr. Berl[iner] Courant an den Tuchmacher Christoph Schlünder weiterverkaufte. Dieses Schlündersche Grundstück ist 1845 "nebst dem darauf erbauten Wohnhause" (das Grundstück war also schon vor 1845 von Schlünder bebaut) für 1000 Taler an den Maurermeister Wilhelm Kaiser, der eine Anna Cath. Hülsmann geheiratet hatte, verkauft worden.(Diesem Ehepaar und seinen Besitznachfolgern sind wir schon bei den Häusern Bahnhofstraße und Bahnhofsvorplatz begegnet.) Die Frau heiratete in 2. Ehe den Gastwirt Heinrich Busch (genannt Kaiser), der 1860 als Eigentümer eingetragen wurde. Auf dem Grundstück standen 1870 zwei Gebäude. Das erste (scheinbar nicht Wohnhaus) befand sich an der Stelle des nördlichen Teils der jetzigen Wirtschaft Buschmann, das zweite (wohl das alte Schlündersche Wohnhaus), durch eine Lücke von dem ersten Gebäude getrennt, stand im Raum der heutigen Fabrikstraße. (Früher lag diese 27 Meter weiter südlich, fast in der Mitte der heutigen Unterführung. Die südliche Grenze des alten Bahnkörpers stimmt mit der heutigen überein, so dass also die nördliche Hälfte der Unterführung die Erbreiterung bezeichnet.) An Stelle des ersten Gebäudes erscheint 1877 ein großes Stallgebäude, zwischen ihm und dem Wohnhaus, das in den Neubau einbezogen, aber nach Süden verkürzt wurde, entstand um 1870 ein neuer Bau, eine Wirtschaft mit Anbau, zu der im hinteren Hofraum ein 40 mal 19 Meter großer S a a l gehörte, der wahrscheinlich 1894 verschwand. Dieser Saal ist 1877 in den Karten enthalten, soll aber schon 1870 dagewesen sein, denn in ihm sollen die vaterländischen Feiern des Krieges 1870/71 abgehalten worden sein. Auch sonst hat er im Herner gesellschaftlichen Leben eine große Rolle gespielt. Gesangwettstreite, Bälle usw. fanden hier statt. Im Jahre 1885 wurde Konsumverwalter Otto Seher, der mit Julie geb. Kaiser verheiratet war, Eigentümer. Dieser hat opffenbar 1886, zunächst unter Erhaltung des alten Schlünderschen Wohnhauses, die jetzige Wirtschaft Buschmann auf dem nördlichen Grundstücksteil erbauen lassen, denn 1186/87 finden sich verzeichnet a) Wohnhaus mit Hofraum und Hausgarten, b) Wohnhaus (Gasthaus) mit zwei Anbauten.

Postamt Herne (1895-1910)

Im Jahre 1894 hat Seher dann anstelle des Schlünderschen Wohnhausrestes die neue Post Ecke Bahnhofstraße und Fabrikstraße erbaut, zu der im Hintergelände ein Wagenschuppen mit Abortanbau gehörte. Dieses stattliche Postgebäude, das 26 Meter Frontlänge hatte und dessen Eingang sich an der Ecke der Farbikstraße befand, lag zu 7 Meter Frontlänge im Bereich der jetzigen Fabrikstraße, mit fast 20 Meter Frontlänge also im jetzigen Dammbereich. Die Reichs- Post- und Telegraphenverwaltung hat es 1895 angemietet und 1902 käuflich erworben. Es ist aber bereits 1911 an den Eisenbahnfiskus verkauft worden, nachdem die Reichspost das heutige Postamt an der Hermann-Göring-Straße errichtet hatte, das 1910 in Betrieb genommen wurde. Das Postamt an der Ecke der Fabrikstraße wurde bis zum Abbruch von der Eisenbahn als Bürogebäude (vor allem für die zur Einleitung des Bahnhofsneubaues nötigen Baubüros) benutzt.

Bahnhofstraße 104 - Fortsetzung

Die Wirtschaft dagegen steht heute noch. Sie ging 1905 von Seher in den Besitz des Wirtes Heinrich Nordmann über, eine Zeitlang hieß sie "Hotel-Restaurant Deutscher Hof" mit Gartenwirtschaft von Bernhard Cleves, 1907 wurde auch dessen Tochter Anna, die Ehefrau des Wirtes Wilhelm Buschmann, Eigentümerin, die es heute noch ist. Früher hatte die Wirtschaft ein kleines Treppchen vor dem Eingang. Als aber beim Bau der Unterführung die Straße erheblich tiefer gelegt wurde, wuchs das Gebäude (wie auch das von Goebel und Mahr) aus der Erde heraus und musste den jetzigen großen doppelseitigen Treppenvorbau erhalten. Außerdem ist das Haus 1925 durch Umbau verändert worden.

Ein weiteres Haus lag hinter der Post in der Fabrikstraße, d. i. im Bahndamm gegenüber dem heutigen Eingangstor zu den Buschmannschen Garagen. Das Grundstück war von H. Rensinghoff gt. Schlenkhoff auf Grund eines Tauschvertrages als Hofraum mit Hausgarten 1865 in den Besitz des Landwirtes und Gerichtstaxators Friedrich Cremer gekommen. Das darauf erbaute Wohnhaus, ein alter einstöckiger Fachwerkbau mit 3mal 3 Zimmern, war von Cremer vermietet. In ihm wohnte der Herner Dienstmann Keuper. 1913 erwarb es die Eisenbahn und brach es am 8. 4 . 1913 ab. [1]


Dr. Leo Reiners

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Quelle

  1. Leo Reiners 11. Januar 1936 Herner Anzeiger