Advents-Ausflug nach Bochum

Aus Hün un Perdün
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„Wenn ihr in dieser Woche keinen Blödsinn macht, dann fahren wir am nächsten Samstag nach Bochum“. Das war Mutters „Wort zum Sonntag“, als wir in der Wohnküche am Mittagstisch beisammen saßen. Vater war wie immer von der Idee nicht sehr angetan, aber er sagte nichts, nickte nur gequält, er hätte wohl lieber den anvisierten Nachmittag rauchend, lesend und sein Samstagsbier trinkend in der gemütlichen Wohnstube verbracht.

Und weil in der folgenden Woche nichts Gravierendes passierte, was unserer Mutter mißfiel, begannen bereits am Samstagmittag nach dem Essen und dem anschließenden Abwasch des Geschirrs, die „Reisevorbereitungen“.

Mutter legte die Sachen für Mia und Roswitha bereit und auch Walter und ich sollten ja ordentlich aussehen, wenn es in die Nachbarstadt ging. „Habt ihr eure Schuhe geputzt, die Hände gewaschen?“, fragte vorsorglich Mutter, während sie uns unter die Lupe nahm und noch einige Korrekturen an der Kleidung ihrer vier Kinder vornahm. Vater stand schon ungeduldig, den weichen, hellgrauen Hut in den Händen drehend, im Flur und wartete auf das Startsignal.

„Bevor wir zur Haltestelle an der Kreuzkirche gehen, nur soviel. Mia und Roswitha bleiben bei mir“, sie wandte sich nun Walter und mir zu, „und ihr bleibt bei eurem Vater. In Bochum ist viel Trubel, sonst geht ihr uns womöglich noch verloren“, warf Mutter ein, setzte sich einen kleinen, schwarzen Hut auf, warf noch einen kurzen, kritischen Blick in den Garderobenspiegel, dann konnte es losgehen.

Eigentlich war ich ja aus dem Alter heraus, wo Märchenfiguren mich nach Bochum locken konnten. Mich interessierten mehr die Fußballer der Westfalia und von SV Sodingen, die in der Oberliga West inzwischen den Ton angaben.

Half nichts, ich musste mit. An der Kreuzkirche stiegen wir in die Bahn, die uns nach Bochum brachte. Die Fahrt verlief reibungslos, obwohl Mia aufgeregt auf dem Schoß unserer Mutter sitzend, dauernd quengelte: „Ich will Frau Holle sehen“. Die umstehenden Fahrgäste nahmen es mit einem Lächeln zur Kenntnis. 30 Minuten später stiegen wir endlich an der Brückstraße zusammen mit unzähligen Bahnnutzern aus. Vater packte Walter und mich an die Schultern und schob uns auf dem Gehweg voran, Mutter folgte mit Roswitha und der aufgeregten Mia, die mehrfach den Sitz ihrer bunten Wollmütze überprüfte, im Schlepptau.

„Da lang,“ meinte Vater und wies mit dem Kopf in Richtung Rathaus. Wir, das Trio, gingen also voran. Unterhalb des mächtigen Rathausgebäudes drängten sich Familien mit meist kleineren Kindern um einen mit Tannen geschmückten Stand.

„Ich will auch kucken“, rief nun die ungeduldige Mia. Vater lächelte und hob die Kleine auf seine Schultern. Ihre Mütze verrutschte dabei ein wenig. Als sie endlich einen freien Blick auf die lebensgroßen Märchenfiguren hatte, rief sie laut: „Das ist ja nicht Frau Holle. Das ist ja der tapfere Schneider“.

Einige erwachsene Zuschauer grinsten. Ich schüttelte den Kopf. „Peinlich mit kleinen Mädchen über einen Adventsmarkt zu schlendern“.

Roswitha und Walter schoben sich nun auch durch die Reihe, um ebenfalls ganz nah bei den Märchenfiguren zu stehen. Nach ein paar Minuten verlor auch Walter die Lust an unbeweglichen Märchenfiguren. Mit einem Gesicht, das Bände sprach, stellte er sich neben mich. „Klein-Mädchen-Kram“, lästerte er. „Jau“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Mutter zog wenig später Roswitha aus der Menge und nickte unserem Vater zu. „Lass uns weitergehen“, meinte sie und ging nun voran. Mia, immer noch auf Vaters Schulter sitzend, hatte längst die nächste Märchenstation in der Bochumer Innenstadt entdeckt. Klag- und lustlos ließen Walter und ich diesen Adventsrundgang über uns ergehen, der schließlich in der „Postkutsche“, einer der Lieblingskneipen meiner Eltern, in der Innenstadt, vorerst endete. Vater bestellte für uns Kinder je ein Malzbier, meine Mutter trank einen Kirschlikör, während Vater sich ein Pils genehmigte. Die beiden Mädchen fühlten sich in der lauten und rauchgeschwängerten Gaststätte aber nicht wohl. Mutter drängte daher zum Aufbruch. „Mir tun auch langsam die Füße weh“, warf sie ein. Vater zahlte, wir setzten unsere Runde fort, die nun in die „Kaufhalle“ führte. Und das nicht ohne Grund. Mutter erwarb in der dortigen Lebensmittelabteilung einen Kringel Fleischwurst, der später daheim gemeinsam verzehrt werden sollte. Zur Belohnung, weil wir ja besonders brav gewesen waren, gab es noch für jeden für uns ein Stück Blockschokolade. Roswitha konnte nicht abwarten, bis wir wieder zu Hause waren und naschte unentwegt an der braunen Versuchung. Das Ergebnis: Sie bekam bald Bauchweh, was sie aber nicht daran hinderte, zu Hause am Küchentisch noch ein Stück Fleischwurst zu verzehren. Vater hatte den Kringel zuvor in einem Topf mit Wasser auf „Betriebstemperatur“ gebracht, wie er diesen Vorgang mit einem verschmitzten Lächeln bezeichnete.

Die leckere Wurstration, dazu gab es ausnahmsweise mal Brötchen, halfen mir und meinem Bruder dabei, schnell den Nachmittag bei „Rotkäppchen und Schneewittchen“, die versteckt in Bochum in Hütten aus Tannengrün hausten, zu vergessen. Unsere Schwestern dagegen erzählten noch tagelang, eigentlich bis zum vierten Adventssonntag, von den schönen prächtigen Prinzessinnenkleidern und anderen Kleinigkeiten, die uns fußballbegeisterten Jungen gar nicht aufgefallen waren. Als ich wenige Monate danach meine Lehre auf Piepenfritz antrat, endete für mich die Zeit der alljährlichen, familienverordneten Adventsrundgänge in Bochum, aber am anschließenden gemeinsamen Fleischwurstessen, beteiligte ich mich dagegen immer noch jahrelang mit großer Wonne. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel