Abwanderung von Menschen mit polnischem Hintergrund

Susanne Peters-Schildgen

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg lebten im Ruhrgebiet etwa 500.000 Polen. Bis 1928 hatte sich ihre Zahl auf rund 100.000 Personen verringert. Von 1914 bis 1925 verließen etwa 13.000 Einwohner mit polnischer Muttersprache und/oder polnischer Staatsangehörigkeit die Stadt Herne. Diese Massenabwanderung wurde zum einen durch die Wiedererrichtung des polnischen Staates ausgelöst, die unter der ruhrpolnischen Bevölkerung eine Welle nationaler Begeisterung hervorrief. Etliche entschlossen sich spontan zur Rückkehr in die Heimat bzw. in das Land ihrer Eltern.

Aufruf reichstreuer Ostmarkendeutscher und Oberschlesier zu einer Kundgebung gegen das "radikale Polentum".[1]

Zum anderen gewährte das im Versailler Friedensvertrag festgelegte "Optionsverfahren", dessen Frist im Januar 1922 endete, Deutschen in polnischen Gebieten und Polen in Deutschland die freie Entscheidung über die zukünftige Staatsbürgerschaft. Mit der Option für die polnische Staatsbürgerschaft war langfristig auch die Verlegung des Wohnsitzes nach Polen verbunden.

Der verlorene Krieg und die damit verbundenen Gebietsabtretungen im Osten schließlich - insbesondere aber die Abstimmung in Oberschlesien über die Zugehörigkeit dieses Gebiets zu Deutschland oder zu Polen am 20. März 1921 - verschlechterten das Verhältnis zwischen deutscher und polnischer Bevölkerung. Anfang des Jahres 1920 startete der "Verband der heimattreuen Oberschlesier" in Wanne unter dem Vorsitz von Michael Menapace seinen Werbefeldzug für ein deutsches Oberschlesien, dem er durch brutale Übergriffe auf polnische Bewohnerinnen und Bewohner Nachdruck verlieh. Anlässlich einer am 22. August 1920 in Herne veranstalteten Massenkundgebung "gegen das radikale Polentum" formulierten die ca. 2.000 Teilnehmer ihre gegen die polnische Minderheit gerichteten rassistischen Forderungen in einer "Entschließung": Das Abstimmungsergebnis brachte keine Einigung hinsichtlich der Zugehörigkeit Oberschlesiens, sodass am 20. Oktober 1921 auf Beschluss des Völkerbundsrates die Teilung dieses Territoriums bekanntgegeben wurde.

Während der französischen Besatzungszeit von 1923 bis 1925 spitzten sich die Antipathien zwischen Deutschen und Polen im Ruhrgebiet zu, war doch der "Erzfeind" Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg als Bündnispartner Polens für ein polnisches Oberschlesien eingetreten.

In Baukau wurde die polnische Bevölkerung der Kollaboration mit der französischen Besatzungsmacht bezichtigt, die in ihren Quartieren Lebensmittel an die Polen verteilte. Seit Februar 1923 betrieben die Franzosen verstärkt Werbung unter den Polen, um den bisher vergeblich erstrebten Einfluss auf die ruhrpolnische Arbeiterschaft zu gewinnen. Diese bekundete jedoch ihre Solidarität zur Arbeiterbevölkerung und beteiligte sich an den Protestaktionen gegen die Franzosen. Gleichwohl entschloss sich ein großer Teil der im Ruhrgebiet ansässigen polnischen Bevölkerung - auf zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Druck hin sowie im Hinblick auf die unsichere Wirtschaftslage in Polen - zur Auswanderung ins nordfranzösische Industrierevier. Eine in der "Beilage zum Ministerial-Blatt für die Preußische innere Verwaltung" vom 25. Juli 1928 veröffentlichte Liste jener Personen, die durch den Erwerb der polnischen Staatsangehörigkeit die preußische Staatsangehörigkeit verloren hatten, enthält die Namen von insgesamt 1.514 polnischen Optanten aus Herne und Wanne-Eickel, die während der Ruhrbesetzung nach Frankreich emigrierten.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Stadt Herne[2]
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Quellen