'Schwarze Rose' und 'Alte Kameraden'

Aus Hün un Perdün
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Es gibt Dinge, die man nie vergisst. Dazu gehören auch legendäre Kneipenerlebnisse. So behauptet man Freund Georg immer: „Karaoke“ wurde im Goethe-Eck erfunden.

„Na, klar“, antwortete ich, denn es gab mal eine Zeit, da schossen plötzlich Discotheken aus dem Boden. Unser Stammwirt wollte nun dagegen halten und bat meinen Freund Jochen, weil er gut reden konnte, am späten Samstagnachmittag, so eine Art Tanztee für die „reifere Jugend“ zu organisieren. Wir dekorierten also die Rückwand des kleinen Saales mit Starschnitt-Fotos (aus der Bravo), stellten eine Auswahl von gängigen schwarzen Scheiben bereit, und Georg brachte schließlich den notwendige Plattenspieler nebst Lautsprecher und Mikro mit. Was soll ich sagen: Das erste Treffen, pardon der erste Tanztee, lief verhalten. Jochen quatschte sich zwar die Seele aus dem Leib, aber Stimmung wollte nicht so richtig aufkommen. Aber wir, die musikalischen Köpfe der Goethe-Eck-Disco, ließen uns nicht entmutigen.

Beim nächsten Tanztee stand auf einmal Kurt im Raum. Er trug seinen besten Anzug, so einen dunkelblauen, wie man ihn in den 1960er-Jahren ganz chic fand.

Kurt, der mit seiner Familie in Kneipennähe lebte, hatte mit Musik eigentlich nichts am Hut. Doch an diesem Tanztee-Nachmittag äußerte er einen ungewöhnlichen Wunsch: „Ich möchte für Euch singen“. Meine Freunde und ich waren platt, wollten dem schlaksigen Kurt, der seine Brötchen als „Kohlenschlepper“ bei einem Brennstoffhändler, der auf der Mont-Cenis-Straße, verdiente, den Wunsch nicht ausschlagen.

„Und wie stellst du Dir das vor,“ fragte Georg. Kurt lächelte verschmitzt und zog eine schwarze Scheibe unter seiner Jacke hervor. „Mein Lieblingslied, das möchte ich hier singen“. Georg reichte das schwarze Vinyl an mich weiter, schaute kurz auf das Etikett, bevor ich es DJ Jochen überließ.

„Schwarze Rose, Rosemarie“, las Jochen vor. „Du willst uns also den Peter Krauss machen,“ setzte er nach.

Kurt, der schlaksige Kohlenmann, lachte verlegen.

Wir schauten uns an, nickten und damit stand Kurt`s erstem Auftritt eigentlich nichts mehr im Weg.

Jochen wollte schon den Weg ans Mikro freigeben, doch Kurt schüttelte sein schwarzes Haar, das von einigen grauen Strähnen durchzogen wurde. „Ich habe noch eine weitere Bitte.“ Er lächelte und zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf seine Haare. „Die müssten zuvor aber gefärbt werden. So kann ich hier nicht auftreten..“

Wir, das Disco-Trio, sahen uns seufzten an, zuckten die Schultern. „Na, wenn es sein muss“, meinte Georg.

Kurt lächelte und zog, weil er wohl fest mit seinem Engagement in unserer Disco gerechnet hatte, eine Tube Haarfärbemittel auf der Jackeninnentasche.

Georg schüttelte erneut den Kopf, „Komm, die Wirtin wird diesen Part übernehmen, aber danach musst du auf die Bühne“. Sie verschwanden Richtung Theke, wo gerade der alte Sennekamp, der ebenfalls im Haus gegenüber der Kneipe wohnte, von der Wirtin als neuen Gast begrüßt wurde. Georg schilderte kurz das Anliegen. Der Alte schnaubte: „Diese Jugend. Das hätte es früher nicht gegeben“. Kurt und die Wirtin verschwanden, um der Haaresschwärze des neuen Künstlers noch mehr Glanz zu verleihen, in der Herrentoilette.

Georg kehrte in den kleinen Saal zurück, wo Jochen inzwischen mit dem ruhigen Beatle-Song den Tanztee eröffnete hatte. Drei oder vier Pärchen drehten unter den kritischen Blicken von Georg, Jochen und mir ihre Runden. Dann, um die Zeit zu überbrücken, erzählte Jochen ein paar belanglose Starklatschgeschichten, die er zuvor in der Bravo gelesen hatte.

Endlich gab die Wirtin ein Zeichen: Jochen schaltete das Saallicht aus, die Krauss-Scheibe lag bereit, Georg brachte das Mikro und im Licht einer ausrangierten Schreibtischleuchte, die nun als Bühnenspot diente, interpretierte, nein zelebrierte Kurt seine „Schwarze Rose“. Nach wenige Minuten rann ihm dabei schwarzer Schweiß auf die Stirn, denn das zuvor angewendete Haarfärbemittel befand sich wohl noch im flüssigen Zustand, was den Vortragskünstler aber nicht an seinem Auftritt, der später als die Geburtsstunde des „Karaoke in Herne“ einging, schmälerte. Wir wollten gerade frenetisch Beifall klatschen, als aus dem angrenzenden Thekenraum der Marsch „Alte Kameraden“ ertönte. Der alte Sennekamp stand triumphierend neben der Musikbox. Wir, das Disco-Trio, hatte nämlich vergessen, vor Beginn des Tanztees, hier den Stecker zu ziehen.

Kurt drehte sich wütend, ging ein paar Schritte in Richtung Gastraum, um und rief: „Sennekamp, du alten Kommisskopp, dat werd` ich Dir nie verzeihen.“

„Damit kann ich leben“, entgegnete der Alte und schwang ohne eine Miene zu verziehen, für diese eine Plattenlänge voller Inbrunst einen imaginären Taktstock. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel