'Oben ohne' in der Pferdebox

Aus Hün un Perdün
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Anfang der 1970er-Jahre gab es im Ruhrgebiet eine groß angelegte PR-Kampagne einer bekannten Zigarettenmarke. Um den Glimmstengel noch populärer zu machen, schickte der US-Konzern eine Postkutsche auf Tour. Dieses Gefährt, bekannt aus vielen Western, wurde von sechs Pferden gezogen und von zwei US-Boys gelenkt. Die beiden Männer waren nicht nur für die Kutsche, die Pferde, sondern auch für den riesigen Truck verantwortlich, in dem Pferde und Kutsche von Ort zu Ort transportiert wurden. Begleitet wurde die Stagecoach von sechs hübschen Cowgirls. Sie verteilten an markanten Orten in den Städten des Reviers Gratiszigaretten und ließen sich mit Passanten oder auch mit Promis gerne ablichten.

Als verantwortliche PR-Managerin reiste Gerda Nüsslein mit. Sie koordinierte die Einsätze, besuchte die Redaktionen und vereinbarte PR-Termine. Tagelang war die Zigarettenkutsche damals im Revier unterwegs. Ihr Stammquartier hatte das Team in jenen Tagen in einem Hotel in der Nähe des Wanne-Eickeler Hauptbahnhofes. Die Vierbeiner waren in dieser Zeit nach Feierabend in Boxen des nahen Pferdehofes Gut Steinhausen untergebracht.

Eines Abends, die Westerncrew saß im Aufenthaltsraum des Hotels zusammen und besprach die Einsätze des kommenden Tages, äußerte Gerda einen eigenartigen Wunsch: Für ihren in Bayern lebenden Freund benötigte sie einige Fotos. Ein zufällig anwesender Bildjournalist war zunächst erstaunt, stimmte aber dem Fotoshooting zu. Auftraggeberin Gerda hatte aber genaue Vorstellungen von der Örtlichkeit, die als Fotohintergrund dienen sollte: Eine Pferdebox des Gut Steinhausen.

Sie fuhren also hin. Begaben sich in die Boxengasse und suchten eines der kleinen und robusten Kutschenpferde aus. „Wenn nun jemand kommt“, warf der sichtlich nervöse Fotograf ein. Die hübsche, schwarzhaarige Gerda lächelte und schob ihren Stetson filmgerecht zurecht: „Wir sind hier, um noch mal nach den Pferden zu sehen“. Dabei legte sie die Bluse und ihren BH ab und stellte sich neben das Pferd, das aber keine Notiz von dem Duo nahm, in Positur.

Der Herner Fotograf verschoss vor Aufregung einen ganzen Film. Später, in der heimischen Dunkelkammer, wählte er die besten Motive aus und machte einige Abzüge, die er am anderen Tag der dunkelhaarigen PR-Managerin in einem diskreten Umschlag überreichte. Die Negative versteckte er aber zu Hause vorsorglich, denn seine Frau hätte ihm sicherlich nicht geglaubt, wenn er ihr von diesem seltsamen aber harmlosen Fotoauftrag berichtet hätte. An diesen Einsatz erinnert den Herner Journalisten heute immer noch ein Präsent aus der äußerst interessanten Postkutschenzeit im Revier: Ein breitkrempiger Hut aus den Staaten, der irgendwie Freiheit und Abenteuer repräsentiert. [1]


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Einzelnachweise

  1. Ein Artikel von Friedhelm Wessel