"Dann war es Nacht und kalt" (WAZ 2008)

Foto: Bildarchiv Stadt Herne Joel Katzenellenbogen (82) in Netanja/Israel. Foto: Tersteegen

Der Herner Historiker Ralf Piorr beleuchtet die Täterseite.

Teil 2:[1] Joel Katzenellenbogen gelingt die Flucht aus der Wanner Synagoge. Während er sich erinnert, haben die Verantwortlichen alles vergessen.

70 JAHRE NACH DER REICHSPOGROMNACHT,[2] Ludwig Joel Katzenellebogen war in jenen Novembertagen zu Besuch bei seinem Onkel Max Fritzler, der in der jüdischen Gemeinde als Lehrer arbeitete und in der Dienstwohnung in der Synagoge wohnte. Die Brutalität des Pogroms traf sie unerwartet. "Hinten in der Schule, die zum Synagogenbau gehörte, wurden die Türen eingeschlagen. Fritzlers holten uns aus den Betten. Wir rannten alle in den vorderen Bereich, während es hinten schon anfing zu brennen", erinnert sich der 82-Jährige, der heute in Netanja, Israel, lebt. Was folgte, ist ihm nur noch in alptraumhaften Sequenzen zugegen: Die beißende Todesangst, plötzlich werden die Kinder aus einem Fenster herausgeworfen, das Synagogendach bricht hinter ihnen zusammen, und ein Polizist, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte, führt das Ehepaar Fritzler in letzter Sekunde aus dem brennenden Haus durch die drohende Menschenmenge hindurch. "Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stoben durch die Luft", sagt Joel Katzenellenbogen. Das Ehepaar Fritzler und die zwei Kinder, alle nur mit Schlafanzügen bekleidet, landeten zunächst auf der Polizeiwache. Während draußen auf den Straßen der Mob wütete, entgegneten ihnen die Ordnungshüter: "Hier ist kein Asyl für Juden!" Max Fritzler verlangte Begleitschutz. Die diensthabenden Polizisten waren sich unschlüssig und zogen Streichhölzer, wer "die Judenfamilie" durch die Nacht begleiten sollte. In den frühen Morgenstunden fanden sie schließlich bei einer befreundeten Familie Unterschlupf. Nur wenige Stunden später wurde Max Fritzler verhaftet und ins KZ Sachsenhausen[3] verschleppt. Joel Katzenellenbogen kehrte sofort nach Berlin zurück. Das nächste Mal, das sich alle wiedersahen, war im Januar 1939 - auf dem Schiff, das die Familien nach Argentinien retten sollte. In Herne dauerte die Beseitigung der Synagogentrümmer noch bis zum Juni 1939. Das Gelände an der Schaeferstraße wurde darauf von der Stadt Herne (!) für 4 803,70 Reichsmark an die Hibernia AG verkauft, die merkwürdig oft in den Akten auftaucht, wenn es darum ging, günstig jüdisches Eigentum zu "arisieren". 1948 wurde den beiden Kreisleitern der NSDAP der Prozess gemacht. Aber weder der Herner Karl Nieper noch der Wanner Wilhelm Bönnebruch-Althoff wollten etwas über die Ausmaße der Judenverfolgung gewusst haben. Karl Nieper wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Im Urteil heißt es: "Der Angeklagte will die Vorgänge der Reichskristallnacht auf das Schärfste verurteilt haben. Dies ist völlig unglaubhaft." Der zu drei Jahren Gefängnis verurteilte Bönnebruch-Althoff behauptete, er sei von der Meldung des Synagogenbrandes bei einer "Besprechung im Rathaus überrascht worden", obwohl er nach Zeugenberichten in vorderster Front der Brandstifter gestanden haben soll. Geradezu grotesk seine Aussage, dass er die Einführung des Judensterns[4] für "eine Maßnahme der Spionageabwehr gehalten" habe. Dabei hat er im Jahr 1942 zugesehen, damals in seiner Funktion als Kreisleiter von Dortmund, wie Kolonnen jüdischer Menschen aus dem Ruhrgebiet in Dortmund zum Bahnhof getrieben wurden, um von dort in die Konzentrationslager des Ostens deportiert zu werden. Nach dem Krieg fand Bönnebruch-Althoff Arbeit als Vertreter - für Feuerlöschgeräte. Auch Joel Katzenellenbogen hat mit dieser Art der deutschen Geschichtsaufarbeitung seine Erfahrungen gemacht. "Später hat ein Deutscher meinen Vater in Argentinien ausfindig gemacht. Für nichts hat er ihm 1938 das Geschäft weggenommen und dann schrieb er nach dem Krieg einen Brief, in dem er am Ende feststellte: 'So sind wir beide Opfer Hitlers geworden. Sie am Anfang, ich am Ende.' Wir konnten diese Unverschämtheit gar nicht fassen." Während die Täter oftmals ungestört ihr bürgerliches Leben fortsetzten, leiden die Verfolgten Zeit ihres Lebens unter den traumatischen Erfahrungen. "Meine Cousine, die auch in der Wanner Synagoge war, kann bis heute nicht darüber sprechen", erzählt er und fügt um Worte ringend hinzu: "Wir haben Glück gehabt und sind den Lagern entkommen. Aber die Todesangst in der Reichspogromnacht ist auch ein Gepäck, das man ein Leben lang mit sich herumschleppt."

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Quellen

Anmerkungen

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